– Anna, nimm dir lieber nicht von diesem Teller. Da ist Salat mit Mayonnaise drauf. Das ist doch schlecht für dich, – hat Lukas gesagt, ohne den Blick vom Fleisch am Grill zu heben. Dann hat er gelacht.
Zwölf Leute sind bei uns am Tisch gesessen. Sommerabend, Veranda beim Haus. Grillspieße, für die ich seit dem Vormittag in der Küche gestanden bin. Die Marinade nach einem Rezept, an dem ich drei Jahre lang herumprobiert habe. Und der Salat war übrigens auch von mir.
Seit sieben Jahren ist das so gegangen. Schon beim ersten Kennenlernen, als Michael ihn mitgebracht hat, hat Lukas mich von oben bis unten gemustert, leise gepfiffen und gemeint: „Na, Michael, du stehst also auf üppige Formen.“ Damals habe ich gelächelt. Ich dachte, es sei halt ein Schmäh. Ein grober, aber trotzdem nur ein Schmäh.
Ich habe mich getäuscht.
Michael und ich haben vor acht Jahren geheiratet. Ich war vierzig, er achtunddreißig. Für uns beide war es die zweite Ehe. Michael hat als Ingenieur in einem Planungsbüro gearbeitet, und ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits meine zweite Filiale von „Süße Sache“ eröffnet. Eine kleine Konditoreikette. Meine eigene. Von null weg, ohne Kredite, ohne Geld vom Vater. Drei Jahre lang habe ich jeden verdienten Euro wieder ins Geschäft gesteckt. Zur Hochzeit waren es zwei Standorte. Inzwischen sind es fünf.

Lukas ist Michaels Freund seit der ersten Klasse. Sie sind miteinander aufgewachsen, haben gemeinsam den Präsenzdienst gemacht und sind jeden Oktober zusammen fischen gefahren. Für Michael ist Lukas beinahe wie ein Bruder. Das habe ich verstanden. Genau deshalb habe ich so lange geschwiegen.
Lukas besitzt eine Werbeagentur. „Brise Media“. Logos, Verpackungen, Onlinewerbung, Markenauftritte. Ehrlich gesagt führt er sie gar nicht schlecht. Nur eines hat er nicht gewusst: Vor sechs Jahren habe ich jemanden für ein komplettes Rebranding gebraucht – ein neues Erscheinungsbild für die ganze Kette, Verpackungen, Speisekarten, Schilder. Meine Managerin Katharina hat mir drei Agenturen zur Auswahl herausgesucht. Eine davon war „Brise Media“. Sie hatten das beste Angebot und die kürzesten Fristen. Ich habe den Vertrag über meine Firma abgeschlossen, die GmbH „Konditor-Plus“. Als Ansprechperson ist Katharina eingetragen worden. Sechs Jahre lang hat Lukas also mit meinem Unternehmen gearbeitet, ohne auch nur zu ahnen, dass ausgerechnet die Frau seines besten Freundes seine Rechnungen bezahlt.
Achtundvierzigtausend Euro im Jahr. So hoch ist mein Jahresbudget für seine Agentur. Gestaltung der Speisekarten, saisonale Aktionen, Einrichtung neuer Filialen, Betreuung der sozialen Netzwerke. Monat für Monat gehen viertausend Euro hinaus, pünktlich wie ein Uhrwerk.
Michael hat Bescheid gewusst. Ich habe ihn gebeten, Lukas nichts zu sagen. Freundschaft und Geschäft wollte ich nicht vermischen. Also hat Michael geschwiegen.
Und Lukas hat weiter seine Witze gemacht.
An diesem Abend auf der Veranda habe ich den letzten Teller auf den Tisch gestellt – gebratenes Gemüse – und mich neben Michael gesetzt. Lukas hat bereits Wein eingeschenkt. Sophie, seine Frau, saß mir gegenüber und starrte auf ihren Teller. Das hat sie immer getan, sobald ihr Mann anfing.
– Anna, bis zum Sommer könntest du aber schon ein bissl abnehmen, – sagte Lukas und reichte ihr ein Glas. – Ziehst du überhaupt einen Badeanzug an? Oder versteckst du dich dann im Pareo?
Am Tisch wurde es still. Irgendwer räusperte sich. Michael legte mir die Hand aufs Knie. Diese vertraute Geste. „Halte durch. Er meint es nicht böse.“
Ich nahm mein Glas und sah Lukas direkt an.
– Lukas, weißt du eigentlich, dass deine Agentur den Kredit fürs Büro noch immer nicht abbezahlt hat? – fragte ich ruhig. Sachlich, als würde ich über das Wetter reden. Ich wusste es, weil Katharina es einmal nebenbei erwähnt hatte: Sie hatten Abgaben von Entwürfen verzögert und das mit Problemen bei der Büromiete erklärt.
Sein Lächeln zuckte. Nur für einen Augenblick. Dann lachte er wieder.
– Woher weißt du was über mein Büro? – Er drehte sein Weinglas zwischen den Fingern. – Hat Michael geplaudert? Na bravo, Bruder.
Michael sagte kein Wort.
Ich trank meinen Wein aus. Lukas wechselte das Thema: Fußball, Urlaub, sein neues Auto. Das übliche Programm. Und ich dachte: Schon gut. Es ist nicht das erste Mal. Ich werde auch das aushalten.
Später, als alle heimgefahren waren, stand ich in der Küche und wusch das Geschirr ab. Michael kam von hinten, legte die Arme um mich.
– Verzeih es ihm. Er ist halt so.
– Ich weiß, wie er ist, – antwortete ich. – Aber „er ist halt so“ ist keine Entschuldigung.
Michael küsste mich auf den Hinterkopf und ging schlafen. Ich blieb beim Abwasch stehen. Heißes Wasser lief über meine Hände, aber ich spürte keine Wärme. Nur Müdigkeit. Sieben Jahre dieselben Bemerkungen. Sieben Jahre dieselben Entschuldigungen von Michael. Sieben Jahre dasselbe Schweigen am Tisch.
Einen Monat später rief Lukas an. Er lud uns zu seinem Geburtstag ein. Zweiundvierzig wurde er.
Ich buk eine Torte. Wahrscheinlich war das dumm. Aber ich bin nun einmal Konditorin. Drei Etagen, Schokoladeglasur, Karamelldekor. Sechs Stunden Arbeit. Das Baiser extra, die Füllung extra, die Verzierung extra. Fast vier Kilo wog dieses Ding am Ende.
Michael trug die Schachtel bis zum Auto. Behutsam, als hätte er ein Kind im Arm.
– Wunderschön, – sagte er. – Lukas wird ausflippen.
Lukas ist tatsächlich ausgeflippt. Nur nicht so, wie wir es erwartet hatten.
Zwanzig Menschen waren eingeladen. Die Feier fand in einem Restaurant statt.
