Lukas hatte es für den Abend reserviert. Ein langer Tisch, weiße Tischtücher, Musik live, nicht aus der Anlage. Sophie in einem neuen Kleid, still wie meistens. Und Lukas mittendrin: gebräunt, strahlendes Lächeln, ein Hemd um dreihundert Euro. Er hat jeden Neuankömmling umarmt, den Männern kräftig auf den Rücken geklopft, den Frauen galant die Hand geküsst. Ein charmanter Mann. Wenn man ihn nicht genauer kannte.
Ich stellte die Schachtel auf einen kleinen Extratisch und hob den Deckel ab. Die Torte leuchtete richtig. Die feinen Karamellfäden schimmerten im Lampenlicht. Gleich kamen ein paar Gäste näher und zückten ihre Handys.
– Wer hat die gemacht? – fragte eine Frau in einem bordeauxroten Kleid.
– Ich, – sagte ich.
– Sie sind Konditorin?
– Ja.
Da kam Lukas herüber. Erst betrachtete er die Torte. Dann mich.
– Anna, – meinte er, – also die Torte ist schon beeindruckend, keine Frage. Nur hättest du nicht so viel Creme lieber an dir selbst sparen sollen? – Er lachte laut auf und drehte sich zu den anderen. – Unsere Anna mag Süßes halt. Sieht man eh, oder?
Dann klopfte er mir auf die Schulter.
Ich stand neben dieser fast vier Kilo schweren Torte, in der sechs Stunden Arbeit steckten, und zwanzig Leute sahen mich an. Einige wichen meinem Blick aus. Andere verzogen den Mund zu einem verlegenen Lächeln. Sophie schaute angestrengt in ihr Glas.
In mir ist etwas eingerastet. Nicht Wut. Eher etwas Kaltes, Genaues. Wie ein Schloss, das zuschnappt.
– Lukas, – sagte ich ganz ruhig, – diese Torte ist hundertzwanzig Euro wert. Ich habe sechs Stunden daran gearbeitet. Du hast gerade die Frau beleidigt, die dir ein handgemachtes Geschenk gebracht hat. Darum nehme ich sie wieder mit.
Und ich setzte den Deckel auf die Schachtel.
Es wurde so still, dass man irgendwo aus der Küche Wasser tropfen hörte.
– Ist das dein Ernst? – Lukas blinzelte.
– Vollkommen.
Ich hob die Schachtel hoch. Vier Kilo. Meine Hände haben nicht gezittert. Ich drehte mich um und ging hinaus.
Michael holte mich erst am Parkplatz ein.
– Anna, warte kurz.
– Ich warte im Auto.
– Er hat das sicher nicht so gemeint. Er ist halt einfach…
– Michael, – ich stellte die Schachtel auf die Motorhaube. – Er ist seit sieben Jahren „halt einfach“ so. Bei jedem Treffen. Vor allen Leuten. Ich will nicht mehr so tun, als wäre das normal. Fahren wir.
Wir sind gefahren. Die Torte habe ich am nächsten Morgen in die Konditorei gebracht. Nach einer Stunde war sie verkauft.
Michael sagte die ganze Heimfahrt kein Wort. Daheim meinte er nur:
– Er ist jetzt beleidigt.
– Ich auch, – antwortete ich.
An diesem Abend saß ich allein in der Küche. Draußen war es still. Ich trank Tee und dachte daran, dass hundertzwanzig Euro nicht die Welt sind. Und sechs Stunden sind auch nicht das ganze Leben. Aber zwanzig Menschen, die gesehen hatten, wie ich mein Geschenk wieder eingepackt habe – das war neu. Ich wusste nicht, ob es richtig gewesen war. Aber mein Rücken war gerade. Und das war immerhin etwas.
Zwei Wochen später rief Lukas an, als wäre nie etwas passiert. Er lud uns zu einer Poolparty ein. „Diesmal halt ohne Torten“, scherzte er.
Ich wollte nicht hin. Wirklich nicht. Ich sagte Michael, dass ich nicht mitfahren würde. Er nickte. Zwei Tage später kam er trotzdem wieder darauf zurück.
– Anna, Daniel und Julia sind auch dort. Und Tobias. Wir haben uns ewig nicht gesehen. Ich verlange nicht, dass du dich mit Lukas versöhnst. Komm einfach mit. Mir zuliebe.
Mir zuliebe. Acht Jahre lang „mir zuliebe“. Jeder Feiertag, jedes gemeinsame Wochenende, jede depperte Einladung. Ich hatte es einmal überschlagen: In sieben Jahren hatten wir Lukas ungefähr sechzig Mal gesehen. Acht bis zehn Treffen im Jahr. Und kein einziges davon ohne Bemerkung über mein Gewicht, mein Essen, meine Figur oder meine Kleidung.
Sechzig Begegnungen. Sechzig kleine Demütigungen. Und jedes Mal hatte ich gelächelt, geschwiegen oder war in ein anderes Zimmer gegangen. Danach sagte Michael immer: „Er meint es nicht böse.“
Ich fuhr mit.
Lukas hatte ein Haus außerhalb der Stadt. Grundstück, Pool, Grillplatz. Alles schön, alles teuer, alles so arrangiert, dass man es bemerken musste. Er zeigte gern her, was er geschafft hatte. Weiße Liegen, Beleuchtung im Wasser, Lautsprecher mit Musik. Achtzehn Gäste waren da. Die Hälfte kannte ich, die andere Hälfte nicht.
Ich zog einen geschlossenen Badeanzug an und darüber eine Tunika. Größe zweiundfünfzig, ja. Ich bin kräftig. Das weiß ich. Jeden Tag, wenn ich aufstehe, mich anziehe, in die Arbeit fahre, fünf Konditoreien führe und zweiunddreißig Angestellten ihr Gehalt überweise. Mein Gewicht ist mein Gewicht. Es ist nicht sein Thema.
Die erste Stunde verlief erstaunlich normal. Lukas war mit dem Grill und den neu eintreffenden Gästen beschäftigt. Ich lag auf einer Liege, trank Limonade und plauderte mit Julia. Julia mochte ich. Sie war ebenfalls fülliger und musste sich Lukas’ Witze auch gefallen lassen, nur seltener, weil sie ihn bloß ein paar Mal im Jahr sah.
Dann kam Lukas zu uns. Ein Glas in der Hand, ein Lächeln im Gesicht. Braun gebrannt, trainiert, selbstzufrieden. Er blieb neben mir stehen.
– Anna, warum gehst du nicht in den Pool? Das Wasser ist warm.
– Ich mag nicht, – sagte ich.
– Na geh, Anna.
