„Na, Michael, du stehst also auf üppige Formen.“ leise gepfiffen von Lukas, während ich gezwungen lächelte

Diese kleine Demütigung fühlte sich furchtbar ungerecht an.
Geschichten

– Stell dich nicht so an! Alle sind im Wasser. Oder hast du Angst, dass der Pool übergeht, wenn du hineinspringst?

Ein paar kicherten. Zwei, vielleicht drei. Die anderen taten so, als hätten sie nichts gehört.

Ich gab keine Antwort. Ich drehte mich wieder zu Julia und setzte unser Gespräch fort. In meinem Kopf war nur ein Gedanke: Gleich ist es vorbei. Wie immer. Er lässt eine Gemeinheit fallen, ich schlucke sie hinunter, der Abend geht irgendwie zu Ende, und wir fahren heim.

Aber Lukas ging nicht weg. Er blieb hinter meiner Liege stehen. Ich spürte seinen Schatten auf meinem Rücken.

Und dann rief er. Laut genug, damit es wirklich alle mitbekamen:

– Du fette blöde Kuh! Jetzt geh endlich ins Wasser!

Im nächsten Moment stieß er mich. Mit beiden Händen gegen den Rücken. Fest. Ich stand gerade am Beckenrand, weil ich kurz zuvor aufgestanden war, um Abstand von ihm zu bekommen.

Dann war nur noch Wasser. Ein harter Schlag gegen den ganzen Körper. Chlor in der Nase. Die Tunika sog sich sofort voll und zog mich nach unten. Ich tauchte wieder auf, klammerte mich an den Rand. In meinen Ohren rauschte es. Oben sah ich ihn stehen. Lukas lachte, hob die Arme, als wäre er das Opfer eines Missverständnisses.

– War doch nur Spaß!

Achtzehn Menschen sahen zu. Manche lachten. Manche schwiegen. Michael kam vom Grill herübergelaufen. Sophie stand da, kreidebleich, wie erstarrt.

Ich kletterte allein aus dem Pool. Ohne fremde Hand. Die nasse Tunika klebte an mir wie eine zweite Haut. Die Haare hingen mir im Gesicht. In der Tasche der Tunika steckte mein Handy. Tot. Achthundert Euro in einem nassen Fetzen Stoff.

Von der nächsten Liege nahm ich mir ein Handtuch. Ich wickelte es um mich, trocknete mir das Gesicht ab. Meine Hände zitterten nicht. Das hat mich selbst überrascht.

– Lukas, – sagte ich, und meine Stimme klang völlig ruhig. – Du hast mich gerade ohne meine Zustimmung in den Pool gestoßen. Du hast mein Handy ruiniert. Es kostet achthundert Euro. Ich erwarte die Überweisung bis morgen.

Für einen winzigen Moment hörte er auf zu lachen. Dann zog er den Mund wieder zu diesem breiten Grinsen auseinander.

– Anna, jetzt mach kein Drama. Das war ein Scherz. Kauf dir halt ein neues.

– Die Überweisung bis morgen, – wiederholte ich. – Sonst erstatte ich Anzeige bei der Polizei. Das ist kein Witz, Lukas. Das ist körperliche Gewalt.

Es wurde still. Sogar die Musik schien plötzlich leiser zu sein.

Michael stand neben mir. Er war ebenfalls nass, weil er hineingesprungen war, um mir zu helfen, aber da war ich schon wieder draußen gewesen.

– Wir fahren, – sagte Michael.

Und zum ersten Mal in sieben Jahren fügte er nicht hinzu: „Er hat es nicht so gemeint.“

Im Auto saß ich auf einem Handtuch. Vom Sitz tropfte Wasser. Ich war durchnässt, wütend und gleichzeitig vollkommen ruhig. Eine seltsame Mischung. Die Wut war da, aber sie brannte nicht. Sie war kalt und klar, wie ein Wintermorgen.

Lukas überwies nichts. Nicht am nächsten Tag. Nicht nach drei Tagen. Nicht nach einer Woche. Stattdessen schrieb er Michael: „Sag deiner, sie soll nicht hysterisch werden. Spaß bleibt Spaß. Und sie soll froh sein, dass ich sie bei unseren Treffen überhaupt aushalte.“

Michael zeigte mir die Nachricht. Wortlos. Ich las sie, und in mir verschob sich endgültig etwas. Es zerbrach nicht. Nein. Es rückte an seinen Platz. Wie ein Hebel, der nach langem Klemmen endlich einrastet.

Eine Woche später gaben wir bei uns daheim ein Abendessen. Halb privat, halb geschäftlich. Ich hatte zwei mögliche Partner für die Franchise eingeladen. Michael brachte ein paar Kollegen mit. Und Lukas lud sich selbst ein. Er rief Michael an und meinte: „Hab gehört, bei euch ist eine Runde. Ich komm mit Sophie vorbei.“ Michael fragte mich. Ich sagte: Soll er kommen.

Zwölf Personen saßen an unserem langen Tisch. In unserem Wohnzimmer. Genau dort. Ich hatte zwei Tage gekocht. Nicht, weil ich Lukas beeindrucken wollte. Sondern weil Markus und Claudia unter den Gästen waren, die Besitzer einer Café-Kette in Graz. Sie überlegten, in meine Franchise einzusteigen. Dieses Abendessen war wichtig. Wirklich wichtig.

Lukas erschien in seinem typischen Hemd, mit einer Flasche Wein um zwanzig Euro und mit Sophie an seiner Seite. Er umarmte Michael, nickte mir zu und setzte sich. In der ersten Stunde benahm er sich sogar normal. Er machte Witze, erzählte von der Türkei, lobte das Essen. Für einen Augenblick dachte ich tatsächlich: Vielleicht hat ihm die Sache mit dem Pool ja etwas beigebracht.

Nein.

Zur Nachspeise – ich servierte kleine Tartelettes mit Beerencreme, ebenfalls selbst gemacht – lehnte Lukas sich auf seinem Stuhl zurück. In der Hand ein Glas Rotwein. Der Blick schmierig.

– Anna kann übrigens nicht nur ausgezeichnet kochen, sie kann auch ausgezeichnet essen, – sagte er, direkt an Markus gewandt. – Michael, sag einmal, wie viel schafft sie auf einmal?

Markus zog eine Augenbraue hoch. Claudia legte ihre Gabel ab.

Ich saß am anderen Ende des Tisches. Vor mir auf dem Teller lag ein Tartelette. Beerencreme. Ich hatte sie am Vormittag selbst gekocht. Vier Stunden in der Küche. Zwei Tage Vorbereitung. Potenzielle Franchise-Partner. Mein Zuhause. Mein Tisch. Mein Essen.

Und dieser Mensch. Schon wieder.

In mir wurde es ganz still. Nicht zornig. Still. Diese besondere Stille, die genau eine Sekunde vor einer Entscheidung kommt.

Ich stand auf. Langsam. Ruhig. Ich nahm mein Handy – das neue, das ich statt des ertränkten gekauft hatte. Achthundert Euro aus meiner eigenen Tasche, weil Lukas nie überwiesen hatte. Dann rief ich Katharina an.

– Katharina, – sagte ich in den Hörer.

Hedis Stube