„Die Wohnung habe ich auf meine Mutter überschreiben lassen, und das Geld ist bei meiner Schwester gelandet!“ höhnte er, während Anna fassungslos am Fenster stand

Das heimelige Nest fühlte sich verräterisch und ungerecht.
Geschichten

— Die Wohnung habe ich auf meine Mutter überschreiben lassen, und das Geld ist bei meiner Schwester gelandet! — höhnte der Ehemann, während er die Scheidung in die Wege leitete.

Anna stand beim Fenster und blickte auf die Oktobertage hinaus, auf die Bäume, denen der Wind die letzten Blätter abriss. Draußen regnete es; die Tropfen zogen träge Bahnen über die Scheibe. In der Wohnung war es warm, ruhig und behaglich — das Ergebnis vieler Jahre Arbeit. Jedes Möbelstück, jede Kleinigkeit war mit Sorgfalt ausgesucht worden. Es war ihr gemeinsames Nest gewesen, ihr Zuhause, das Anna und Lukas fünf Jahre zuvor gekauft hatten, kurz nach der Hochzeit.

Die Wohnung war damals auf beide Eheleute eingetragen worden. Es hatte vernünftig und selbstverständlich gewirkt. Ein junges Paar, gemeinsame Pläne, eine Zukunft, die hell vor ihnen lag. Anna arbeitete als Managerin in einem großen Logistikunternehmen, Lukas war Ingenieur in einem Betrieb. Sie hatten gemeinsam gespart und sich über jeden Schritt gefreut, der sie dem eigenen Heim näherbrachte.

Doch mit den Jahren war in ihrer Beziehung ein Riss entstanden. Eigentlich nicht bloß ein Riss, sondern ein tiefer Spalt, den Annas Schwiegermutter Barbara mit Ausdauer und Absicht verbreitert hatte.

Keine Gelegenheit ließ diese Frau aus, um ihren Sohn daran zu erinnern, dass Vermögen in der Familie bleiben müsse. Unter „Familie“ verstand Barbara ausschließlich Blutsverwandte. Eine Schwiegertochter war in ihren Augen nur eine vorübergehende Erscheinung, jemand, der jederzeit wieder aus Lukas’ Leben verschwinden konnte.

— Lukas, denk doch einmal ordentlich darüber nach — sagte Barbara jedes Mal, wenn sie zu Besuch kam. — Was ist, wenn etwas passiert? Eine Scheidung, Gott bewahre! Die Wohnung gehört euch beiden. Deine Frau nimmt dir die Hälfte weg. Und du hast jahrelang geschuftet, damit du es dann einfach jemandem herschenkst?

Anfangs hatte Lukas solche Reden noch abgewinkt. Anna hatte gesehen, wie sich seine Stirn verfinsterte, sobald seine Mutter wieder mit demselben Thema anfing. Doch nach und nach veränderte sich etwas. Barbara arbeitete wie Wasser am Stein: langsam, beharrlich, unaufhaltsam. Ihre Sätze setzten sich in Lukas’ Kopf fest.

Anna bemerkte die Veränderung. Ihr Mann wurde kühler, verschlossener. Früher hatten sie jede finanzielle Frage miteinander besprochen; nun wich Lukas solchen Gesprächen aus.

— Lukas, wir sollten überlegen, wie wir für die Renovierung von Tobias’ Zimmer sparen — sagte Anna eines Abends.

— Hm. Später vielleicht — murmelte er, ohne den Blick vom Handy zu heben.

Ihr Sohn Tobias war sieben Jahre alt. Er hatte gerade mit der ersten Klasse begonnen, und Anna wollte ihm einen ordentlichen Platz zum Lernen einrichten. Außerdem wollte sie ihn zu zusätzlichen Mathematikstunden anmelden. Der Bub zeigte Talent, und Anna spürte, dass in ihm viel steckte.

Für all diese Vorhaben brauchte es Geld. Monat für Monat legte Anna einen bestimmten Betrag zur Seite. Geduldig sparte sie, verzichtete auf vieles. Statt eines neuen Herbstmantels trug sie weiter den alten. Statt mit Freundinnen auf einen Kaffee zu gehen, kochte sie daheim das Abendessen.

— Legst du auch etwas zurück? — fragte sie Lukas.

— Natürlich — antwortete er. — Ich hab’s dir versprochen. Wir sparen gemeinsam.

Anna glaubte ihm. Warum hätte sie dem Mann misstrauen sollen, mit dem sie acht Jahre ihres Lebens verbracht hatte? Lukas war ihr immer verlässlich und verantwortungsbewusst erschienen. Genau diese Eigenschaften hatte sie einst an ihm geliebt.

Die Wirklichkeit aber sah ganz anders aus.

Gegen Ende September wurde Lukas auffallend nervös. Immer öfter zog er sich mit dem Telefon in ein anderes Zimmer zurück und sprach gedämpft. Anna lauschte nicht absichtlich, doch einzelne Satzfetzen drangen trotzdem zu ihr.

— Mama, ich sag dir doch, es wird alles passen … Ja, genau so mach ich es … Natürlich erfährt sie nichts.

Ein kaltes Unbehagen schlich sich in Annas Herz. Was sollte sie nicht erfahren? Worüber redete ihr Mann mit Barbara?

Eines Abends beschloss Anna, ihn direkt darauf anzusprechen.

— Lukas, ist zwischen uns alles in Ordnung? Du bist in letzter Zeit so eigenartig.

— Es ist alles in Ordnung — brummte er, ohne vom Laptop aufzuschauen. — Wie kommst du überhaupt darauf?

— Du flüsterst dauernd mit deiner Mutter. Und überhaupt bist du so geheimnisvoll geworden.

— Anna, ich hab Schwierigkeiten in der Arbeit, mehr nicht. Ein kompliziertes Projekt. Bitte bilde dir nichts ein, was gar nicht da ist.

Anna drängte nicht weiter. Vielleicht hatte er tatsächlich beruflichen Stress. Es hatte schon früher Phasen gegeben, in denen Lukas erschöpft und gereizt heimgekommen war.

Doch eine innere Stimme sagte ihr, dass es diesmal nicht nur um die Arbeit ging.

Währenddessen handelte Lukas bereits. Leise, planmäßig und genau nach dem Entwurf, den Barbara für ihn zurechtgelegt hatte.

Die Schwiegermutter hatte ihren Sohn davon überzeugt, dass Anna sich früher oder später scheiden lassen und die halbe Wohnung an sich bringen würde. Nach Barbaras Überzeugung machten es alle Frauen so: Zuerst spielten sie die liebevolle Ehefrau, und am Ende nahmen sie alles, was gemeinsam aufgebaut worden war.

— Lukas, du musst dich absichern — redete ihm seine Mutter ein. — Überschreib die Wohnung auf mich. Nur vorübergehend. Wenn sich alles beruhigt hat, gebe ich sie dir zurück. Aber bis dahin bist du geschützt.

— Und wenn Anna davon erfährt? — fragte Lukas unsicher.

— Woher denn? Du sagst es ihr einfach nicht. Du erledigst alles still und sauber. Und falls es irgendwann nötig ist, kannst du immer noch erklären, dass es nur um die Sicherheit des Vermögens gegangen ist.

Lukas zögerte, doch der Einfluss seiner Mutter war stärker. Barbara wusste genau, wo sie ansetzen musste. Sie erinnerte ihn daran, dass er immer auf sie gehört hatte, dass sie ihr ganzes Leben für ihn gearbeitet habe und dass niemand außer seiner Mutter wirklich sein Bestes wolle.

Anfang Oktober ließ Lukas den Schenkungsvertrag vorbereiten. Dafür wäre eigentlich auch die Zustimmung der zweiten Eigentümerin, also Annas, notwendig gewesen. Doch er fand einen Weg, diese Hürde zu umgehen. Ein Notar aus Barbaras Bekanntenkreis half bei den Papieren. Lukas fälschte Annas Unterschrift, und die Unterlagen wurden eingetragen.

Von da an gehörte die Wohnung Barbara.

Der nächste Schritt betraf die Ersparnisse. Anna hatte ein eigenes Konto, auf das Lukas keinen Zugriff hatte. Daneben gab es aber ein gemeinsames Konto, auf dem sie Geld für größere Anschaffungen gesammelt hatten. Dort lag eine beachtliche Summe — das Ergebnis mehrerer Jahre Sparsamkeit.

Lukas hob alles ab. An einem einzigen Tag, während Anna in der Arbeit war. Er ging einfach zur Bank und ließ sich das Geld bar auszahlen.

Danach brachte er die gesamte Summe zu seiner Schwester Claudia.

Claudia lebte in einer anderen Stadt und träumte schon lange davon, sich selbstständig zu machen. Einmal sollte es ein Schönheitssalon werden, dann wieder ein Blumengeschäft, dann etwas ganz anderes. Die Träume wechselten, nur eines blieb immer gleich: Es fehlte das Geld, um sie umzusetzen.

— Claudia, nimm das — sagte Lukas und reichte ihr das Kuvert mit dem Geld. — Fang dein Geschäft an. Aber sag niemandem etwas, vor allem nicht Anna.

— Woher hast du so viel Geld? — fragte Claudia erstaunt.

— Ich habe gespart. Das sind meine Rücklagen. Ich will dir helfen.

Claudia stellte keine weiteren Fragen. Geld war Geld. Sie nahm das Kuvert und ging fröhlich davon.

Hedis Stube