„Die Wohnung habe ich auf meine Mutter überschreiben lassen, und das Geld ist bei meiner Schwester gelandet!“ höhnte er, während Anna fassungslos am Fenster stand

Das heimelige Nest fühlte sich verräterisch und ungerecht.
Geschichten

Lukas fühlte sich wie ein Held. Er hatte seiner Mutter geholfen, er hatte seiner Schwester geholfen, und obendrein hatte er das Vermögen vor möglichen Ansprüchen seiner Frau in Sicherheit gebracht. Barbara lobte ihren Sohn in den höchsten Tönen und wiederholte immer wieder, wie klug und vorausschauend er gehandelt habe.

— Jetzt ist alles abgesichert — sagte die Schwiegermutter zufrieden. — Gut gemacht, mein Bub. Du bist ein richtiger Mann.

Nun blieb nur noch Anna „aus dem Weg zu schaffen“. Lukas war klar, dass er die Sache nicht ewig hinausschieben konnte. Früher oder später würde seine Frau bemerken, dass das Geld vom Konto verschwunden war. Also musste er ihr zuvorkommen.

Mitte Oktober reichte Lukas beim Gericht die Scheidung ein. Hinter Annas Rücken. Er hatte einfach alle nötigen Unterlagen zusammengesucht, den Antrag verfasst und ihn beim zuständigen Bezirksgericht abgegeben.

Als Scheidungsgrund gab er ganz offiziell unüberbrückbare Differenzen und die Unmöglichkeit eines weiteren Zusammenlebens an. Der erste Termin wurde für einen Monat später angesetzt.

Lukas blieb also noch Zeit, Anna auf das Unvermeidliche vorzubereiten.

Am Abend des 20. Oktober kam er auffallend gut gelaunt heim. Während er im Vorzimmer die Jacke auszog, summte er sogar leise vor sich hin.

Anna stand in der Küche und richtete das Abendessen her. Tobias saß am Tisch und zeichnete.

— Mama, schau, ich hab einen Drachen gemalt! — rief der Bub begeistert.

— Der ist wirklich schön geworden — sagte Anna lächelnd und stellte die Teller auf den Tisch. — Lukas, isst du mit?

— Gleich — antwortete ihr Mann und verschwand im Zimmer.

Anna nahm an, er wolle sich nur umziehen. Doch kaum eine Minute später war Lukas wieder da. Er blieb in der Tür stehen und lehnte sich mit der Schulter gegen die Wand.

Auf seinem Gesicht lag ein seltsames Lächeln. Genau so ein Lächeln, wie Menschen es aufsetzen, wenn sie glauben, gleich einen großen Auftritt zu haben.

— Tobi, geh in dein Zimmer spielen — sagte Lukas zu seinem Sohn.

— Aber ich hab doch noch gar nicht gegessen! — protestierte der Bub.

— Du sollst gehen, hab ich gesagt.

Der Ton seines Vaters ließ keinen Widerspruch zu. Tobias schnaubte beleidigt, gehorchte aber. Er nahm seine Zeichnung und trottete hinaus.

Anna wurde misstrauisch. Lukas verhielt sich nur dann so, wenn er etwas Wichtiges loswerden wollte. Meistens etwas Unangenehmes.

— Was ist passiert? — fragte sie und trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab.

Lukas gönnte sich eine theatralische Pause. Dann sagte er langsam, als koste er jedes einzelne Wort aus:

— Ich habe die Scheidung eingereicht. Und ja, da gibt es noch etwas.

Anna erstarrte. Die Worte kamen nur langsam bei ihr an. Scheidung? Warum? Wieso ausgerechnet jetzt?

— Ich verstehe nicht — sagte sie schließlich leise. — Wovon redest du?

— Davon, dass unsere Ehe vorbei ist — erwiderte Lukas mit einem Grinsen. — Und weißt du, was das Beste daran ist? Du hast nichts mehr.

Er lachte laut auf. Kräftig, selbstzufrieden, als hätte er gerade einen besonders gelungenen Witz erzählt.

— Die Wohnung habe ich auf meine Mutter überschreiben lassen. Das ganze Geld vom gemeinsamen Konto habe ich abgehoben und Claudia für ihr Geschäft gegeben. Also mach dir keine Hoffnungen. Für dich bleibt genau gar nichts übrig.

Anna stand da und sah den Mann an, der einmal ihr Ehemann gewesen war. Ruhig, aufmerksam, beinahe prüfend. Sie versuchte zu begreifen, ob er das ernst meinte oder ob Lukas sich einen grausamen Scherz erlaubte.

Doch in seinen Augen war kein Funken Scherz zu erkennen.

— Sag das bitte noch einmal — bat Anna sehr ruhig. — Ich möchte sicher sein, dass ich dich richtig verstanden habe.

— Wenn du meinst! — Lukas wurde noch fröhlicher. — Die Wohnung gehört dir nicht mehr. Das Geld auch nicht. Ich habe alles geregelt. Du kannst also deine Sachen zusammenpacken und dir eine andere Bleibe suchen. Und die Scheidung läuft bereits. Bald bist du überhaupt nicht mehr mein Problem.

— Seit wann planst du das?

— Schon länger — winkte er ab. — Mama hat es vorgeschlagen. Sie hat immer gesagt, Eigentum muss in sicheren Händen bleiben. Eine Ehefrau ist nur eine vorübergehende Erscheinung. Heute ist sie da, morgen ist sie weg.

— Verstehe — nickte Anna.

Sie drehte sich um und ging ins Schlafzimmer. Lukas blieb in der Küche zurück, ausgesprochen zufrieden mit sich selbst. Er wartete auf Tränen, auf Geschrei, auf einen hysterischen Anfall. Doch seine Frau verhielt sich erstaunlich beherrscht.

Im Schlafzimmer öffnete Anna den Kasten. Sie nahm die Mappe mit den Unterlagen heraus, blätterte die Papiere durch und zog den Grundbuchauszug zur Wohnung, den Kaufvertrag und die Kontoauszüge hervor.

Alles war noch da.

Mit den Dokumenten in der Hand kehrte Anna in die Küche zurück. Lukas saß bereits am Tisch und löffelte seine Suppe fertig. Offenbar hatte ihm das Gespräch Appetit gemacht.

— Lukas — sagte Anna ruhig und legte die Papiere vor sich auf den Tisch. — Glaubst du wirklich, dass das alles so einfach ist?

— Warum? Hast du Zweifel? — kicherte er.

— Ja. Die Wohnung läuft auf uns beide. Um sie auf deine Mutter zu übertragen, wäre meine Zustimmung notwendig gewesen. Und die habe ich nicht gegeben.

— Hast du schon. Du erinnerst dich nur nicht daran — sagte Lukas nachlässig.

— Meine Unterschrift ist also gefälscht?

— Na und? Es ist längst eingetragen. Jetzt ist es zu spät, noch irgendetwas zu ändern.

Anna biss sich auf die Lippe. Sie atmete langsam und gleichmäßig. Sie musste ruhig bleiben. Sie durfte sich nicht von ihren Gefühlen treiben lassen.

— Gut. Und das Geld hast du ohne mein Wissen vom Konto behoben?

— Das war ein gemeinsames Konto. Ich hatte jedes Recht dazu.

— Du hattest Zugriff, ja. Aber du hast das Geld nicht für die Familie verwendet, sondern deiner Schwester gegeben. Das ist eine Zweckentfremdung des Familienvermögens.

— Beweis es doch! — fauchte Lukas.

— Das werde ich — sagte Anna.

Sie nahm die Unterlagen wieder an sich und griff nach ihrem Handy.

— Lukas, ist dir bewusst, dass Urkundenfälschung strafbar ist? Eine gefälschte Unterschrift kann ein Sachverständiger ziemlich leicht feststellen.

— Wer soll sich denn damit befassen? — Er machte eine wegwerfende Handbewegung. — Kein Mensch wird sich wegen so etwas rühren.

— Ich schon — antwortete Anna unverändert ruhig. — Wir sehen einander vor Gericht. Dort wird sich zeigen, wer am Ende mit leeren Händen dasteht.

Lukas hörte auf zu essen. Zum ersten Mal an diesem Abend huschte ein Schatten von Unsicherheit über sein Gesicht.

— Drohst du mir jetzt?

— Nein. Ich erkläre dir nur, wie es weitergehen wird. Du hast die Scheidung eingereicht, gut. Ich werde am Verfahren teilnehmen. Und gleichzeitig bringe ich eigene Anträge ein: auf Feststellung der Nichtigkeit der Schenkung, auf Aufteilung des Vermögens und auf Schadenersatz wegen der Abhebung vom Konto ohne meine Zustimmung.

— Geh bitte, hör auf mit dem Blödsinn! — knurrte Lukas. — Es ist alles erledigt. Du wirst überhaupt nichts beweisen können.

— Das werden wir sehen — sagte Anna und zuckte nur mit den Schultern.

Sie wandte sich ab und verließ die Küche. Lukas blieb allein zurück. Auf einmal schmeckte das Abendessen längst nicht mehr so gut.

Die nächsten zwei Wochen vergingen in einer angespannten, fast greifbaren Stille. Lukas lebte in der Wohnung, als säße er auf einem Vulkan. Anna machte keinen Skandal, schrie nicht, weinte nicht. Sie erledigte bloß schweigend, was zu erledigen war. In der Früh ging sie zur Arbeit, am Abend kam sie heim, kochte für Tobias, brachte den Buben ins Bett und kümmerte sich um den Haushalt.

Mit ihrem Mann sprach sie nur noch das Nötigste. Kurz, sachlich, ausschließlich über Tobias.

Lukas verstand nicht, was da vor sich ging. Er hatte mit Tränen gerechnet, mit Drohungen, mit Flehen. Doch Anna benahm sich, als wäre nichts geschehen. Gerade diese Ruhe brachte ihn viel mehr aus dem Gleichgewicht als jeder Wutausbruch.

Mehrmals versuchte er, ein Gespräch anzufangen.

— Anna, können wir die Sache nicht einmal in Ruhe besprechen?

— Das werden wir vor Gericht tun — antwortete sie, ohne den Blick von ihrem Buch zu heben.

— Vielleicht übertreibst du ein bisserl? So schlimm ist das alles doch gar nicht.

— Das werden wir sehen.

Hedis Stube