Der Bankomat spuckte die Karte mit einem unangenehm schrillen Piepsen wieder aus. Auf dem Bildschirm leuchtete nicht wie sonst der Hinweis, dass man das Geld entnehmen könne, sondern eine rote Meldung: Die Transaktion sei abgelehnt worden.
Hedwig blinzelte irritiert. Sie rückte ihre Pelzhaube zurecht, die ihr auf einmal viel zu schwer und viel zu warm vorkam. Das musste ein Irrtum sein. Ganz sicher ein Irrtum. Heute war der Sechzehnte. Genau der Tag, an dem ihre Schwiegertochter ihr den monatlichen Betrag überwies. Anna nannte es Unterstützung, doch Hedwig betrachtete es längst als etwas, das ihr zustand – als Gegenleistung dafür, dass sie einen Sohn wie Lukas grossgezogen hatte.
Noch einmal schob sie die Bankomatkarte in den Schlitz. Ihre Finger rutschten in den Lederhandschuhen über die Tasten.
Nicht ausreichende Deckung.
Hinter ihr seufzte jemand hörbar genervt.

„Entschuldigung, wie lange dauert das noch? Da wartet eine Schlange, falls Sie’s nicht bemerkt haben.“
Hedwig fuhr herum und musterte den Burschen im Kapuzenpulli mit einem Blick, der sonst ganze Familienfeiern zum Verstummen brachte.
„Ein bisserl Geduld wird man ja wohl noch haben dürfen! Das Gerät spinnt.“
Sie trat zur Auslage des Geschäfts hinüber und zog ihr Handy aus der Tasche. Es läutete und läutete, doch niemand hob ab. Weder Anna noch Lukas.
„Na wartet nur“, zischte sie, während in ihr die Kränkung hochstieg wie kochendes Wasser. „Unerreichbar spielen könnt ihr mit wem anderen. Ich hab heute einen Termin zur Maniküre, und ihr bringt mir alles durcheinander?“
Vierzig Minuten später stand sie vor der Wohnung ihres Sohnes. Für das Taxi hatte sie ihr letztes Bargeld verwendet, und während der ganzen Fahrt hatte sie sich immer mehr hineingesteigert. In Gedanken sah sie bereits, wie sie hineinstürmte und den beiden ordentlich die Meinung sagte. Anna würde sich herausreden, Lukas würde schuldbewusst auf den Boden schauen. Wahrscheinlich hatten sie es einfach vergessen. Junge Leute eben, lauter Luft im Kopf. Aber gut, dann würde sie ihnen ihr Gedächtnis schon auffrischen.
Anna öffnete die Tür.
Hedwig holte tief Luft, bereit, sofort laut zu werden, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Ihre Schwiegertochter sah erbärmlich aus. Die sonst so gepflegte Anna stand in einem alten T-Shirt ihres Mannes vor ihr, die Haare wirr zu einem achtlosen Knoten gebunden, das Gesicht eingefallen, beinahe erschreckend blass.
„Sie?“ Ihre Stimme klang rau, wie ein schlecht geöltes Scharnier. „Hätten Sie nicht vorher anrufen können?“
„Ich habe angerufen!“ Hedwig setzte entschlossen einen Fuss über die Schwelle und schob Anna mit der Schulter zur Seite. Statt des gewohnten Dufts nach frischem Kaffee schlug ihr der Geruch von Medikamenten und abgestandener Luft entgegen. „Ihr ignoriert mich. Beide. Was ist hier los? Warum ist die Karte leer? Ich bin im Geschäft dagestanden wie die letzte Närrin!“
„Gehen Sie bitte in die Küche“, sagte Anna und schloss die Tür, ohne ihre Schwiegermutter anzusehen. „Lukas kommt gleich.“
In der Küche herrschte ein Durcheinander, das Hedwig sofort ins Auge stach. Auf dem Tisch stapelten sich ungewaschene Häferl, dazwischen lagen irgendwelche Unterlagen und leere Medikamentenpackungen. Angewidert wischte sie ein paar Brösel vom Stuhl und setzte sich, ohne den Mantel aufzuknöpfen.
„Ich warte. Nur damit ihr’s wisst: Ich hab heute noch etwas vor.“
Anna liess sich ihr gegenüber auf einen Hocker sinken. Sie wirkte völlig ausgelaugt.
„Es wird keine Überweisungen mehr geben, Hedwig.“
„Was?“ Die Schwiegermutter lachte kurz und nervös auf. „Soll das ein Scherz sein? Besonders lustig ist er nicht.“
„Ich habe gekündigt. Vor einer Woche.“
„Gekündigt?“ Hedwigs Stimme kippte. „Von so einer Stelle? Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Ihr habt den Wohnkredit, euer Kind kommt in die Schule! Soll Lukas jetzt ganz allein schuften?“
„Lukas weiss es. Wir haben das gemeinsam entschieden. Der Arzt hat uns eine klare Ansage gemacht.“
