„Ich werde nicht für deine Familie aufkommen, ist das klar?“ sagte Anna mit eisiger Stimme

Dieses ständige nur ein bisserl ist schamlos.
Geschichten

— Deine Mutter fragt, wann dein erstes Gehalt kommt. Ihr Kredit muss endlich abbezahlt werden! — warf ihr Lukas hin, ohne den Blick vom Handy zu heben.

— Ich werde nicht für deine Familie aufkommen, ist das klar? — sagte Anna geradeheraus. Sie wurde nicht laut, aber ihre Stimme war so eisig, dass es in der Küche schlagartig kälter zu werden schien.

Lukas hob langsam den Kopf von seinem Häferl Kaffee, an dessen Rand der Milchschaum in dünnen Spuren hinunterlief. Im ersten Moment schien er gar nicht zu begreifen, was seine Frau da gesagt hatte. Oder vielleicht wollte er es einfach nicht verstehen.

— Was heißt hier „aufkommen“? — fragte er und zog die Stirn kraus.

— Genau das, was ich gesagt habe — erwiderte Anna ruhig. — Ich bin kein Bankomat. Und ich bin auch nicht dafür da, deine Mutter, deine Schwester und deren Kinder zu erhalten.

— Anna, jetzt redest du aber einen Unsinn — Lukas versuchte zu lachen, doch es klang verkrampft. — Es geht ja nicht um Unsummen. Mama hat nur gemeint, wir könnten ein bisserl aushelfen. Sie hat Rückstände bei den Betriebskosten, und das Bad gehört endlich gemacht … die Leitungen tropfen …

— Eben genau darum geht’s — fiel sie ihm ins Wort. — „Nur ein bisserl helfen“, „nur vorübergehend“, „nur bis es wieder besser wird“. Das höre ich seit drei Jahren, Lukas. Wie lang soll das noch so weitergehen?

Sie schob den Sessel zurück, stand vom Tisch auf und begann, in der Küche auf und ab zu gehen. Draußen vor dem Fenster zogen träge graue Wolken vorbei. Mitte Oktober, den ganzen Tag kalter Regen, nasse Spuren auf dem Fensterbrett, wo die Tropfen heruntergelaufen waren. Es war Samstag, eigentlich ein freier Tag, aber in der Luft lag schon längst der Geruch eines Streits.

— Anna — sagte er leiser —, Mama ist doch keine Fremde. Sie ist allein, das weißt du. Seit Papa tot ist …

— Fang nicht wieder damit an — schnitt sie ihm scharf das Wort ab. — Ich verstehe das alles. Aber helfen ist das eine. Die Fehlentscheidungen anderer Leute finanzieren ist etwas völlig anderes. Vor einem Jahr hat sie mit der Renovierung angefangen, obwohl sie kein sicheres Einkommen hat. Dann hat sie einen Kredit aufgenommen, und jetzt zahlst du jeden Monat hundert Euro. Und wenn ich frage: Wovon eigentlich?, sagst du nur: „Das kriegen wir schon irgendwie hin.“ Gut. Dann kriegen wir es jetzt hin.

Lukas ließ sich wieder schwer auf den Sessel sinken und presste die Hände gegen sein Gesicht.

— Du bist befördert worden — sagte er nach einer Weile. — Du wirst endlich ordentlich verdienen. Warum bist du so geizig?

Diese Worte trafen sie härter, als ein Schrei es gekonnt hätte.

— Geizig? — wiederholte sie langsam. — Nein, Lukas. Ich bin nicht geizig. Mir tut weh, dass ich zwei Jahre lang geschuftet habe, damit wir endlich ein Stück aus diesem Loch herauskommen. Damit wir wieder Luft bekommen. Und du erwartest jetzt, dass ich alles wieder weiterreiche — für deine Mutter, die offenbar der Meinung ist, dass du ihr bis an dein Lebensende verpflichtet bist?

Lukas schwieg. In ihm regte sich etwas, aber es war weder echte Wut noch Schuldgefühl. Eher Verwirrung. Plötzlich kam ihm das Gespräch vor, als wäre es viel zu weit geraten, als hätte er bloß ein falsches Wort gesagt und damit etwas zum Einsturz gebracht.

Anna wandte sich zum Fenster. In der beschlagenen Scheibe erkannte sie ihr eigenes Spiegelbild: ein müdes Gesicht, Augen, in denen sich viel zu vieles angesammelt hatte, das nie ausgesprochen worden war.

— Ich bin nicht dagegen, jemandem zu helfen — sagte sie leise. — Aber wenn Hilfe zur Pflicht wird, dann ist es keine Hilfe mehr. Dann ist es Abhängigkeit. Und entschuldige, aber ich will nicht Teil eurer Familienbuchhaltung sein.

— Nicht „eurer“, sondern „meiner“ — korrigierte er sie automatisch.

— Nein. Ganz genau „eurer“ — gab sie zurück. — Deine Mutter, deine Schwester, ihre Kinder. Und du bist ihre Garantie. Ich dagegen bin die Geldquelle. Stimmt’s?

Er wollte widersprechen, doch kein Wort kam heraus. Alles, was sie gesagt hatte, traf zu genau.

Anna war am Abend davor heimgekommen — spät, erschöpft, den Kopf voll von der Arbeit. Unerwartet hatte sie der Geschäftsführer zu sich gerufen und ihr mitgeteilt, dass die bisherige Abteilungsleiterin gehe und die Stelle frei werde. Man wolle sie ihr anbieten. Das Gehalt: beinahe doppelt so hoch. Die Position: ernst zu nehmen. Die Verantwortung: gewaltig.

Den ganzen Abend war sie durch die Wohnung gegangen, als würde sie über ein Minenfeld steigen. Einmal hatte sie den Laptop aufgeklappt und Stellenanzeigen durchgesehen, dann wieder zugemacht, Wasser aufgesetzt und es anschließend vergessen. Als Lukas heimkam, hatte sie nur gesagt:

— Mir ist eine Beförderung angeboten worden.

Lukas war zuerst überrascht gewesen, dann hatte er sich gefreut und sie umarmt. Gleich darauf fragte er:

— Und wie viel zahlen sie?

Von diesem Moment an hatte alles begonnen.

— Annalein — sagte er nun weicher —, du verstehst das einfach falsch. Wir sind doch eine Familie. Bei uns gehört alles zusammen.

— Nicht alles — entgegnete sie bestimmt. — Ich habe nirgends unterschrieben, dass ich deine Verwandtschaft sponsere.

— Aber du weißt doch, Mama bittet nicht aus Bosheit darum. Ihr geht es wirklich schlecht.

— Schlecht geht es jemandem, wenn er keine Wahl hat, Lukas. Deine Mutter aber sucht sich jedes Mal die bequemste Lösung aus: Sie ruft dich an und sagt: „Sohn, hilf mir.“ Und du hilfst. Immer. Auch dann, wenn bei uns danach zu wenig übrig bleibt.

— Dir tut es also leid, ihr zu helfen? — ging er wieder in die Offensive. — Meine Mutter hat so viel Gutes für dich getan!

— Was genau? — Anna drehte sich abrupt zu ihm um. — Erinner mich bitte daran, was sie für mich persönlich getan hat. Als ich im Winter krank war — hat sie ein einziges Mal angerufen? Als wir noch in der Mietwohnung gewohnt haben und ich sie gebeten habe, uns für die erste Rate etwas zu leihen, hat sie gesagt: „Schaut selber, wie ihr zurechtkommt, ihr seid jung.“ Und jetzt, kaum habe ich endlich Aussicht auf eine bessere Stelle, fällt plötzlich allen ein, dass ich ja auch zur Familie gehöre. Praktisch, oder?

Er sagte nichts.

Die Wanduhr tickte laut in der Küche, fast so, als täte sie es absichtlich.

Anna stand auf, füllte sich Wasser ein und trank ein paar Schlucke. Ihre Stimme bebte, doch ihre Worte blieben klar und präzise:

— Lukas, ich habe nichts gegen Hilfe. Ich will nur nicht, dass mein Gehalt als Grund dafür herhalten muss, neue Verpflichtungen zu übernehmen. Ich habe die Stelle noch nicht einmal zugesagt.

— Du hast noch nicht zugesagt? — Er riss den Kopf hoch. — Wie bitte? Warum nicht?

— Weil ich nicht sicher bin, ob ich das schaffe. Das Team ist schwierig, es gibt Intrigen, die Arbeitsweise ist eine andere. Ich will da nicht blind hineinspringen.

Er verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

— Ernsthaft? Du hast doch dein ganzes Leben auf so eine Chance hingearbeitet. Ständig hast du gesagt, dass man dich nicht genug schätzt. Und jetzt bekommst du endlich die Möglichkeit — und auf einmal zweifelst du?

— Ich zweifle nicht — sagte sie leise. — Ich möchte nur wissen, ob ich dieser Verantwortung wirklich gewachsen bin.

— Anna — Lukas legte die Hand auf den Tisch und beugte sich näher zu ihr vor. Er setzte bereits dazu an, ihr zu erklären, was es seiner Meinung nach bedeutete, dass man ihr diesen Posten überhaupt angeboten hatte.

Hedis Stube