— wenn man dir so einen Posten anbietet, dann traut man ihn dir auch zu. Begreifst du das denn nicht?
Anna sah ihn lange an. In seiner Stimme lag keine Ermutigung. Da war Kalkül. Er sagte nicht: „Ich glaube an dich“, sondern eigentlich: „Das zahlt sich aus.“
— Ich brauche Zeit — sagte sie.
— Gut. — Lukas lehnte sich im Sessel zurück. — Aber merk dir eines: So ein Angebot bekommt man nicht ein zweites Mal.
Der nächste Morgen hat mit dem Läuten des Telefons begonnen. Seine Mutter rief an. Anna stand im Bad und putzte sich die Zähne, während Lukas in der Küche so laut redete, als wollte er, dass sie jedes Wort mitbekam.
— Ja, Mama, natürlich. Mach dir keine Sorgen, ich regel das. Ja, Anna wird sicher zustimmen. Wohin sollte sie denn sonst?
Anna spuckte den Schaum aus und blieb wie angewurzelt stehen.
„Wohin sollte sie denn sonst?“ Der Satz hallte in ihr nach.
Das Gespräch in der Küche war danach nur noch die Fortsetzung von allem, was sich längst angestaut hatte. Eigentlich war alles schon einmal gesagt worden — nur hatte niemand wirklich hingehört.
— Na schön — meinte Lukas schließlich und wandte den Blick ab. — Ich verstehe. Du willst nicht helfen. Dann lass es eben.
— Ich will, dass du selbst aufhören willst, deine Mutter ständig zwischen uns zu stellen — antwortete Anna. — Mehr ist es nicht.
Er schaute sie müde und hoffnungslos an, als stünde vor ihm ein Mensch, mit dem man ohnehin zu keinem Ergebnis kommen konnte.
— Anna, du machst alles viel zu kompliziert.
— Und du machst es dir mit allem viel zu einfach. — Sie stand vom Tisch auf. — Vielleicht treten wir genau deshalb seit Jahren auf der Stelle.
Sie ging ins Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Dann nahm sie ihr Handy, öffnete den Chat mit ihrem Chef und tippte zum dritten Mal dieselbe Nachricht, nur um sie wieder zu löschen:
„Ich nehme das Angebot an. Ab Montag bin ich bereit anzufangen.“
Ihr Finger blieb über „Senden“ stehen. Sie holte tief Luft. Dann drückte sie.
Das Display leuchtete kurz auf. Danach wurde es still.
Aus der Küche kam das Klirren von Geschirr. Wahrscheinlich telefonierte Lukas schon wieder mit seiner Mutter.
Anna stand am Fenster und dachte, dass sie vielleicht erst jetzt wirklich erwachsen wurde.
Nicht damals, als sie ihr Studium abgeschlossen hatte. Nicht an dem Tag, an dem sie geheiratet hatte. Auch nicht in dem Moment, als sie die neue Stelle bekommen hatte.
Sondern jetzt — als sie zum ersten Mal klar gesagt hatte: „Nein.“
— Ist das hier ein Zirkus oder wird gearbeitet? — fragte jemand von der Tür her, und augenblicklich verstummte der ganze Raum.
Anna stand an der Schwelle ihres neuen Büros, eine Mappe unter dem Arm und ein nervöses Lächeln im Gesicht. Es war ihr erster Tag als Leiterin der Marketingabteilung, und er begann damit, dass drei Mitarbeiter über einen Kundenentwurf stritten — laut, gereizt und einander dauernd ins Wort fallend.
— Entschuldigung — sagte das Mädchen mit der Brille am Fenster. — Wir haben nur ein paar Details geklärt.
— Details bespricht man im Besprechungsraum — erwiderte Anna und ging zu ihrem Schreibtisch. — Hier drinnen ist jetzt Ruhe. Morgen ist Abgabetermin. Für Streitereien haben wir keine Zeit.
Für einen Augenblick erstarrte alles. Ein paar Sekunden lang sahen sie alle an: neugierig, vorsichtig, ein wenig misstrauisch. Dann murmelte einer der jungen Männer leise:
— Na, jetzt geht’s los. Neuer Besen und so weiter.
Anna tat, als hätte sie es nicht gehört. Sie schaltete nur den Computer ein und begann, die Berichte durchzugehen.
Nach zehn Minuten herrschte im Raum vollständige Stille.
Bis Mittag war ihr klar, dass sie kein besonders eingespieltes Team übernommen hatte.
Zwölf Leute waren es, und mindestens die Hälfte schien der Meinung zu sein, dass auf ihrem Platz jemand anderer sitzen sollte — genauer gesagt Katharina. Sie war groß, auffällig, immer beherrscht, mit einer sachlichen, fast kühlen Stimme. Sie arbeitete länger dort als alle anderen, kannte die Kunden, betreute die wichtigsten Projekte und zeigte demonstrativ wenig Interesse an allem, was sich veränderte.
— Wenn du willst, kann ich dir alle laufenden Verträge zeigen — sagte Katharina nach dem Mittagessen und steckte den Kopf in Annas Büro. — Nur damit du weißt, wo gerade was steht.
— Sehr gut — antwortete Anna. — Passt es dir nach drei? Bis dahin bin ich mit dem hier fertig.
— Passt. — Katharina nickte, blieb aber noch einen Moment stehen, als wollte sie doch noch etwas loswerden. — Nur… nimm es mir bitte nicht übel, ja? Hier läuft vieles schon seit Jahren auf eine bestimmte Art. Und oben glaubt man halt oft, mit einer neuen Leitung wird plötzlich alles anders.
— Das werden wir sehen — sagte Anna ruhig. — Wichtig ist, dass es funktioniert.
Als Katharina gegangen war, ließ Anna endlich einen langen, erschöpften Seufzer heraus. Sie spürte deutlich, dass sie in den Augen der anderen eine Fremde war.
Und dieses Gefühl, fremd zu sein, kannte sie viel zu gut — daheim und nun offenbar auch in der Arbeit.
Am Abend dröhnte ihr der Kopf. Sie trat auf die Straße hinaus und atmete die kalte Wiener Luft tief ein. Ende Oktober rückte näher, nasse Blätter klebten am Gehsteig, und in den Lacken spiegelte sich das Licht der Straßenlaternen.
Ihr Handy vibrierte. „Lukas“.
Sie hob nicht ab. Das konnte warten. Für irgendetwas war es noch viel zu früh.
Langsam ging sie zu Fuß Richtung U-Bahn.
Sie kam an Kiosken, Kaffeehäusern und Auslagen mit Herbstaktionen vorbei. Die Menschen hatten es eilig, trugen Sackerl, irgendwo lachte jemand laut. In ihr selbst aber war nur Leere und Stille.
Später, in der Wohnung — wenn man diese Ecke in einer Einzimmermiete überhaupt Zuhause nennen konnte — schaltete Anna den Wasserkocher ein und setzte sich ans Fenster. Eine winzige Küche, am Fensterbrett ein paar Kakteen, die sie am Wochenende gekauft hatte, damit wenigstens irgendetwas Lebendiges da war.
Eine neue Nachricht erschien am Handy.
Lukas: „Mama fragt, wann du dein Gehalt bekommst. Die Heizkosten müssen eingezahlt werden.“
Anna starrte lange auf das Display. Dann löschte sie die Nachricht einfach.
Ohne Antwort.
Die folgenden Tage waren randvoll. Sie kam früher als alle anderen und ging als Letzte. Sie beugte sich über Tabellen, arbeitete alte Berichte durch und formulierte Kundenmails neu.
Am Montag ließ der Geschäftsführer sie zu sich rufen.
— Ich sehe, Sie nehmen die Sache ernst. Das ist gut. Aber treiben Sie die Leute nicht zu sehr an, ja? Nach Tobias’ Weggang sind ohnehin alle angespannt.
— Verstanden — sagte Anna.
— Das Wichtigste ist: Versuchen Sie nicht, sofort alles umzubauen. Schauen Sie sich zuerst an, wer wie arbeitet und wer wozu fähig ist. Danach können Sie Schlüsse ziehen.
Sie nickte, obwohl sie innerlich wusste, dass sie keine Zeit zum Abwarten hatte. Kunden, Berichte, Fristen, Verzögerungen — alles stürzte gleichzeitig auf sie ein.
In den ersten zwei Wochen aß sie kaum ordentlich. Sie lebte von Kaffee und Sandwiches aus dem Automaten.
Katharina tauchte immer öfter mit vermeintlich gut gemeinten Ratschlägen bei ihr auf.
