„Ich werde nicht für deine Familie aufkommen, ist das klar?“ sagte Anna mit eisiger Stimme

Dieses ständige nur ein bisserl ist schamlos.
Geschichten

Immer klang es, als wolle sie nur helfen:

— Mit diesem Subunternehmer musst du vorsichtig umgehen. Der mag es, wenn man ihm schmeichelt. Fahr ihn ja nicht zu hart an.

— Bei diesem Kunden würde ich an deiner Stelle lieber noch nicht eingreifen. Tobias hat er respektiert, dir vertraut er noch nicht.

— Diesen Newsletter würde ich komplett umbauen. Aber wenn du meinst, kannst du ihn natürlich so lassen … am Ende landen wir ohnehin wieder bei meiner Variante.

Zu sagen, Anna hätte am liebsten geflucht, wäre noch höflich ausgedrückt gewesen.

Aber sie schluckte es hinunter.

Noch.

An einem Abend, als sie beide als Letzte im Büro geblieben waren, stellte Katharina plötzlich eine Frage, die viel zu beiläufig klang:

— Sag, stimmt es eigentlich, dass dir die Beförderung nach einem Gespräch unter vier Augen mit Michael angeboten worden ist?

Anna hob den Blick vom Laptop.

— Woher willst du das wissen?

— Ach … man hört halt so einiges.

— Gerüchte sind die Lieblingsbeschäftigung von Leuten, denen Fakten fehlen — erwiderte Anna kühl und wandte sich wieder ihren Unterlagen zu.

— Jetzt sei nicht gleich beleidigt, ich hab ja nur gefragt — sagte Katharina mit gespielter Unschuld. — Es ist nur ein bissl eigenartig, dass ausgerechnet du genommen worden bist. Kandidaten hätte es genug gegeben.

— Und trotzdem hat man sich für mich entschieden — sagte Anna ruhig. — Offenbar aus einem Grund.

Katharina ließ ein schmales Lächeln sehen.

— Möglich. Nur weißt du, hier zählen nicht immer nur Kennzahlen. Manchmal geht es auch um … Sympathie.

Anna klappte den Laptop zu.

— Katharina, wenn du etwas andeuten willst, dann sag es geradeheraus.

— Aber nein — sie hob abwehrend die Hände. — Ich denke nur laut nach. Nimm es nicht persönlich.

Anna antwortete nicht.

In diesem Augenblick begriff sie zum ersten Mal wirklich: Der Kampf daheim und der Kampf in der Arbeit waren im Grunde derselbe. Nur die Gesichter wechselten.

Am Wochenende rief ihre Mutter an. Ihre eigene Mutter, nicht jemand aus Lukas’ Familie.

— Mein Kind, wo bist du denn abgeblieben? — Ihre Stimme war warm und vertraut. — Ich hab dich ein paar Mal angerufen, aber du bist nicht drangegangen.

— Ich arbeite, Mama — sagte Anna. — Neue Position, viele Aufgaben.

— Na, dann wird dir wenigstens nicht fad — lachte ihre Mutter. — Hauptsache, du überforderst dich nicht. Und hör auf niemanden, der dir einreden will, dass du das nicht schaffst.

Anna lauschte ihr und merkte plötzlich, wie schwer es ihr fiel, die Tränen zurückzuhalten.

Wie oft hatte sie sich nichts anderes gewünscht, als dass jemand sagte: „Ich glaube an dich.“

Von Lukas hatte sie diesen Satz nie gehört. Von ihrer Mutter schon. Und für diesen Moment reichte das.

Nach dem Telefonat setzte sie sich aufs Sofa und blieb einfach dort sitzen, reglos, ohne etwas zu tun.

In ihrem Kopf kreisten die Arbeit, die Menschen dort und der Gedanke, wie rasch alles zusammenbrechen konnte, sobald Vertrauen verschwunden war.

Und wie mühsam es war, es wieder aufzubauen, wenn niemand neben einem stand.

Der erste offene Zusammenstoß kam in der Besprechung am Montag.

Mitten in Annas Präsentation fiel Katharina ihr ins Wort:

— Anna, entschuldige, aber du hast nicht berücksichtigt, dass das Werbebudget für das vierte Quartal bereits aufgeteilt ist. Wenn wir jetzt den Kanal wechseln, geben wir mehr aus als geplant.

— Ich habe es berücksichtigt — entgegnete Anna gelassen. — Das Budget war falsch berechnet. Ich habe es anhand der tatsächlichen Zahlen neu aufgestellt.

— Wer hat das freigegeben? — Katharinas Stimme wurde schneidend.

— Ich.

— Ohne Abstimmung mit der Abteilung?

— Eine Führungskraft darf Entscheidungen treffen — sagte Anna fest. — Falls es Einwände gibt, besprechen wir sie nach dem Termin.

Im Raum wurde es still.

Michael lächelte kaum merklich. So flüchtig, dass es vielleicht niemandem auffiel. Anna aber sah es.

Nach der Besprechung passte Katharina sie beim Lift ab.

— Willst du allen beweisen, wie entschlossen du bist? Pass lieber auf. Sonst zerlegen sie dich noch.

— Sollen sie es versuchen — erwiderte Anna und sah ihr direkt in die Augen. — Ich bin das inzwischen gewohnt.

Am Abend bekam sie eine neue Nachricht von Lukas.

Lukas: „Anna, lass uns treffen. Ich hab alles verstanden. Ich will nicht, dass es so zwischen uns endet.“

Lange blieb die Nachricht unbeantwortet. Schließlich tippte sie:

Anna: „Wir werden sehen. Im Moment ist nicht der richtige Zeitpunkt.“

Lukas reagierte fast sofort.

Lukas: „Du hast dich verändert. Du bist so kalt geworden.“

Anna starrte auf diese Worte und dachte, dass er vielleicht recht hatte. Sie hatte sich tatsächlich verändert. Nur nicht so, wie er es meinte. Kalt war sie nicht geworden. Bloß nüchterner.

Die Woche verging im Dauerlauf. Gegen Monatsende lieferte die Abteilung ausgezeichnete Ergebnisse: neue Kunden, steigender Umsatz, mehr eingehende Anfragen. Michael lobte sie vor versammelter Runde.

— Gute Arbeit. Besonders Anna. Man merkt, dass sie die Dinge im Griff hat.

Anna bedankte sich, doch ihr Lächeln fühlte sich angestrengt an. Sie wusste mittlerweile: Erfolg war eine zweischneidige Sache. Nach diesem Lob sahen manche Kolleginnen und Kollegen sie anders an.

Einige gratulierten ehrlich.

Andere nur mit einem spöttischen Halbgrinsen.

Am Abend, als alle bereits gegangen waren, blieb Anna allein zurück. Im Büro herrschte eine fast taube Stille; nur von draußen drangen gedämpfte Geräusche herein, und der Bildschirm warf sein kaltes Licht auf den Schreibtisch.

Sie öffnete die Nachrichten und schrieb ihrer Mutter:

Anna: „Mama, es klappt. Aber es ist schwer.“

Mutter: „Wenn es schwer ist, bist du wahrscheinlich auf dem richtigen Weg.“

Anna musste lächeln.

Und sie begriff, dass dieses „schwer“ für sie zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr nach Angst klang.

Doch am nächsten Tag kippte alles unerwartet.

In der Früh, kaum hatte sie das Büro betreten, hielt Katharina ihr eine Mappe hin.

— Da sind die Unterlagen zum Subunternehmer. Die müssen unterschrieben werden.

— Ich schau sie mir an.

Anna blätterte die Seiten durch und bemerkte sofort, dass etwas nicht passte. Laut altem Vertrag war die Summe niedriger gewesen. Hier standen vierzigtausend Euro mehr.

— Was soll das sein?

— Neue Preisliste — sagte Katharina ruhig. — Sie haben ihre Tarife angehoben.

— Aus welchem Grund?

— Na ja, Inflation. Alles wird teurer.

Anna sah von den Papieren auf.

— Ich rufe dort selbst an.

— Wie du meinst — Katharina zuckte mit den Schultern. — Wundere dich nur nicht, wenn du dich nachher entschuldigen musst.

Eine Viertelstunde später hatte Anna tatsächlich mit der Firma telefoniert.

Und erfahren, dass es keine neue Preisliste gab.

Sie legte auf und blieb einige Sekunden lang einfach sitzen. Dann stand sie auf und sagte leise:

— Gut. Dann fängt es jetzt wirklich an.

An diesem Abend kam sie noch später heim als sonst. Auf dem Tisch stand ein halbleeres Häferl Tee, auf dem Handy wartete schon wieder eine Nachricht von Lukas:

„Du fehlst mir. Ich will reden. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe.“

Anna schrieb nicht zurück. Sie schaltete das Handy einfach aus.

Der Montagmorgen begann mit einer Besprechung.

Hedis Stube