— Geh sofort hinein und wasch meine Mutter! Sie braucht Pflege, und du sitzt da und starrst nur in den Fernseher! — knurrte ihr Mann.
— Na, warum stehst du herum wie angewurzelt? Hörst du mir überhaupt zu?
Anna zuckte zusammen. Lukas’ Stimme traf sie wie ein zugeschlagener Türflügel in einem stillen Zimmer. Langsam löste sie den Blick vom Bildschirm, auf dem gerade die neue Heldin der Serie wegen einer zerbrochenen Liebe in Tränen ausbrach, und sah ihren Mann an: das Gesicht gerötet, die Haare durcheinander, zwischen den Brauen diese tiefe, immer gleiche Falte.
— Auf der Stelle gehst du zu meiner Mutter und wäschst sie! Sie ist auf Hilfe angewiesen, während du gemütlich vor dem Fernseher hockst! — brummte er und riss dabei seine alte Jacke vom Haken.
Draußen wirbelte der Winter. Der Schnee fiel dicht und hartnäckig, klebte in nassen Flocken an den Fensterscheiben. Es wurde früh finster, wie immer im Jänner, und das Licht aus den Fenstern der Nachbarhäuser wirkte besonders gelb, beinahe orange — als würden dort, hinter fremden Mauern, Kachelöfen glühen und süße Kuchen im Rohr backen.

Anna erhob sich langsam vom Sofa. Ihre Beine waren eingeschlafen; vierzig Minuten war sie wohl so dagesessen, vielleicht sogar länger. Im Zimmer hing der Geruch von angebratenen Zwiebeln, und darunter noch etwas anderes. Etwas Spitalhaftes? Nein. Eher Alter. So roch ihre Schwiegermutter seit einigen Monaten.
— Ich bin doch gerade erst bei ihr gewesen, — sagte sie leise. — Ich hab das Bett frisch überzogen und ihr die Medikamente gegeben …
— Aha, frisch überzogen hast du also, — äffte Lukas sie höhnisch nach. — Und warum ruft sie mich dann an und jammert, dass niemand nach ihr schaut? Warum liegt sie nass da?
— Lukas …
— Fang nicht mit diesem „Lukas“ an! Meine Mutter liegt im Sterben, und dir ist es wurscht! Hauptsache, deine Serien laufen!
Anna ballte die Hände zu Fäusten. In ihr stieg etwas Heißes, Widerwärtiges auf, als würde Wasser in ihrer Brust zu kochen beginnen. Am liebsten hätte sie ihm entgegengeschrien, dass sie seit drei Monaten keine Nacht mehr ordentlich geschlafen hatte; dass sie auch nachts aufstand, sobald die Alte rief; dass sie täglich Bettwäsche wusch; dass sie nicht einmal mehr wusste, wann sie zuletzt einfach so hinausgegangen war — nicht zum Einkaufen, nicht in die Apotheke, sondern nur für sich. Ihr eigenes Leben war irgendwo verschwunden, aufgesogen von Tagen, die einander glichen wie eineiige Zwillinge.
Aber sie sagte nichts.
Lukas zog sich bereits die Stiefel an, offenbar wollte er weg. Wohin? In die Garage, vermutlich. Dorthin verschwand er immer, wenn er zornig war. Dort hatte er seine eigene Welt: Schrauben, Muttern, das ewige Herumbasteln am Auto, das ohnehin nie ansprang. Dort lag seine Freiheit. Klein, nach Öl und Tabak riechend, aber sie gehörte ihm.
— Dann geh doch, — warf Anna ihm hin. — Lauf zu deiner Mutter.
Er drehte sich um. Auf seinem Gesicht erschien etwas, das nicht Wut war. Eher … Verblüffung vielleicht.
— Was hast du gesagt?
— Genau das, was du gehört hast. Geh du. Wasch du sie, wenn ich deiner Meinung nach alles falsch mache. Ich kann nicht mehr.
Dieses „Ich kann nicht mehr“ klang seltsam. Viel zu schlicht für all das, was in ihr tobte. Müde war man, wenn man lange gestanden hatte oder schwere Sackerl vom Einkaufen heimtrug. Das hier aber war anders. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand langsam die Luft aus dem Körper gesaugt, Tag für Tag, bis kaum noch etwas übrig war.
Lukas blieb bei der Wohnungstür stehen, und seine Miene verdunkelte sich.
— Du bist wirklich unverschämt geworden, — sagte er. — Ganz und gar. Glaubst du ernsthaft, du kannst mir vorschreiben, was ich zu tun habe? In meinem eigenen Haus?
— In deinem Haus? — Anna trat einen Schritt näher. — Lukas, ich lebe seit dreiundzwanzig Jahren hier. Dreiundzwanzig! Deine Mutter hat mich nie gemocht, und das weißt du genauso gut wie ich. Immer hat sie gesagt, ich wäre nicht gut genug für dich. Du hättest eine Bessere finden können.
— Und? Sie ist alt, sie ist krank …
— Sie war mit dreißig schon so. Mit vierzig auch. Immer. Du hast es nur nicht sehen wollen, weil du ihr Sohn bist.
Lukas machte einen Schritt auf sie zu und ragte über ihr auf. Anna nahm den Geruch seines Rasierwassers wahr — billig, scharf, stechend. Genau derselbe Duft wie vor zwanzig Jahren, als sie frisch verheiratet gewesen waren.
— Wag es nicht, so über meine Mutter zu reden.
— Oder was? — In ihre Stimme schlich sich eine harte, zornige Schärfe. — Was machst du dann, Lukas? Schlägst du mich? Wirfst du mich hinaus?
Stille.
Draußen heulte der Wind und jagte Schneestaub zwischen den Häusern hindurch. Irgendwo unten fiel die Tür zum Stiegenhaus ins Schloss, jemand lachte laut auf, doch die Geräusche zerflossen sofort in der winterlichen Dunkelheit.
— Ich erkenne dich nicht wieder, — sagte ihr Mann schließlich leise. — Was ist nur aus dir geworden?
Anna lächelte. Trocken. Ohne jede Freude.
— Aus mir? Schau lieber dich selbst an. Wann hast du mich das letzte Mal gefragt, wie es mir geht? Wann wolltest du wissen, was ich empfinde? Ein einziges Mal in all diesen Monaten? Du kommst heim, isst das Abendessen, das ich gekocht habe, erwartest, dass alles bereitsteht und sauber ist, und dann verschwindest du in deine Garage. Oder du setzt dich vor den Fernseher, während ich mich mit deiner Mutter abmühe.
— Ich arbeite! Ich bringe das Geld nach Hause!
— Und ich erhole mich hier wohl den ganzen Tag, ja? Ich mach daheim Urlaub, oder wie?
