„Meine Mutter liegt im Sterben, und dir ist es wurscht!“ rief er vorwurfsvoll, während Anna die Hände zu Fäusten ballte

Diese mitleidlose Gleichgültigkeit ist schlichtweg beschämend.
Geschichten

Lukas presste die Zähne so fest aufeinander, dass sich an seinem Kiefer ein Muskel abzeichnete. Seine Hand zuckte kurz, fast unwillkürlich, als wollte er nach etwas greifen oder zuschlagen, doch im letzten Moment hielt er sich zurück. Dann wandte er sich ab und stapfte durch den Gang, geradewegs zum Zimmer seiner Mutter.

Anna blieb beim Eingang stehen. Ihre Finger zitterten. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er mit Blei ausgegossen worden — schwerem, kaltem Blei. Sie lehnte sich an die Wand und schloss für einen Moment die Augen.

Wie lang sollte das noch so weitergehen? Wie lang konnte ein Mensch alles schlucken, sich kleinmachen, schweigen?

Unvermittelt fiel ihr jener Tag ein, an dem sie Lukas zum ersten Mal gesehen hatte. Der Markt, der herbstliche Gatsch unter den Schuhen, die schweren Sackerl, die sie kaum bis zur Haltestelle schleppen hatte können. Er hatte sie ihr abgenommen und dabei breit gelächelt, fast bubenhaft. Seine Augen hatten geleuchtet, lebendig, ehrlich. „Ich lass nicht zu, dass dir jemand wehtut“, hatte er damals gesagt und sie vor dem ersten Abschied auf die Stirn geküsst.

Wo war dieser Mann geblieben? Wohin war er verschwunden?

Aus dem Zimmer drang Lukas’ gedämpfte Stimme. Er sagte irgendetwas zu seiner Mutter. Die alte Frau antwortete schwach, kläglich, in diesem jammernden Ton, den Anna längst kannte. Die Worte verstand sie nicht, aber die Melodie sehr wohl: ihre Schwiegermutter beklagte sich. Wie immer.

Anna ging zurück ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher aus. Dann setzte sie sich auf das Sofa und starrte auf ihre Hände. Trocken waren sie, mit hervortretenden Adern, die Finger gerötet vom Waschen, Putzen und ständigen Hantieren mit Wasser. Am Ringfinger saß der Ehering, schmal, vom jahrelangen Tragen stumpf geworden.

Wie lang noch?

Die Tür zum Zimmer der Schwiegermutter ging auf. Lukas trat heraus. Sein Gesicht war leer, beinahe maskenhaft.

— Sie war wirklich nass, sagte er. — Ich hab sie umgezogen.

Anna nickte nur. Zum Streiten fehlte ihr jede Kraft.

— Hör zu, begann er und räusperte sich, vielleicht müssen wir wirklich etwas ändern. Vielleicht sollten wir eine Pflegerin nehmen. Ich schau mir das mit dem Geld an …

Anna hob den Blick zu ihm. In seinen Worten lag keine Entschuldigung. Kein echtes Begreifen. Nur der Wunsch, das Problem möglichst rasch und sauber aus der Welt zu schaffen, damit es nicht wieder auf den Tisch kam.

— Dann schau es dir an, sagte sie knapp.

Lukas blieb noch einen Augenblick stehen, als erwarte er von ihr etwas anderes. Als nichts kam, wandte er sich zur Tür.

— Ich fahr in die Garage. Wird spät.

Die Wohnungstür fiel krachend ins Schloss. Anna blieb allein zurück.

Draußen legte der Winter weiße Spitzen über die Stadt. Alles wurde still, als hätte der Schnee jedes Geräusch verschluckt. Und in dieser lautlosen, weißen Kälte begriff Anna plötzlich mit erschreckender Klarheit: Es musste sich etwas ändern. Unbedingt.

Nur wusste sie noch nicht, was.

Am nächsten Morgen riss sie die Türklingel aus dem Schlaf. Schrill, hartnäckig, ohne Pause — wer immer da draußen stand, hatte offenbar nicht vor, einfach wieder zu gehen. Anna sah auf die Uhr: sieben. Lukas war bereits in die Arbeit gefahren, ohne sie zu wecken. Wie immer.

Sie warf sich den Morgenmantel über und eilte zur Tür. Durch den Spion erkannte sie eine vertraute Gestalt: Barbara Petrovna, die Schwester ihrer Schwiegermutter. Eine untersetzte Frau mit rot gefärbtem Haar und einem Gesicht, das grundsätzlich beleidigt wirkte.

— Ja, ja, ich komm ja schon, murmelte Anna und schob den Riegel zurück.

Barbara Petrovna stürmte in die Wohnung, als wäre sie ein Sturmwind, nicht einmal ein „Grüß Gott“ brachte sie heraus. Hinter ihr drängte sich ihre Tochter Leonie herein, dreißig Jahre alt, aber mit harten Zügen und giftigen Augen, die sie älter erscheinen ließen.

— Wo ist Hedwig? fragte Barbara Petrovna scharf, während sie sich schon im Vorzimmer den Pelzmantel von den Schultern riss und ihn achtlos auf die Kommode warf.

— Sie schläft noch. In der Nacht ist es ihr schlecht gegangen, ich hab ihr ein Schlafmittel gegeben …

— Ein Schlafmittel?! Barbara Petrovna schlug die Hände zusammen. — Bist du jetzt völlig von Sinnen? So etwas gibt man doch nicht einfach! Du bist keine Ärztin!

Anna schluckte. Tief in ihr begann es bereits zu brodeln, jenes alte, gefährliche Gefühl, das sie gelernt hatte ganz weit hinunterzudrücken, damit sie nicht explodierte.

— Der Arzt hat es verschrieben. Die Verordnung liegt da …

— Herzeigen!

Leonie kicherte leise, widerlich kindisch. Ohne zu fragen marschierte sie in die Küche und begann sofort, die Kästen aufzureißen.

— Na, da schaut’s aber auch nicht besonders ordentlich aus. Das Geschirr ist ja noch dreckig …

— Das ist von gestern Abend, setzte Anna an, obwohl sie genau wusste, dass sie sich nicht rechtfertigen müsste. — Ich bin erst um zwei in der Früh ins Bett gekommen, ich hab’s nicht mehr geschafft …

— Nicht geschafft! äffte Barbara Petrovna sie nach. — Und Hedwig liegt dort nass und krank herum! Lukas hat mich gestern angerufen, er hat mir alles erzählt. Er sagt, du bist überhaupt frech geworden. Du sitzt vor dem Fernseher, während seine Mutter zugrunde geht!

— Das stimmt nicht …

— Widersprich mir nicht! Barbara Petrovna trat näher, und Anna stieg der Geruch ihres billigen Parfums in die Nase, schwer und süßlich, fast Übelkeit erregend. — Ich seh schon lang, wie du mit meiner Schwester umgehst. Von Anfang an hab ich das gesehen. Du magst sie nicht, sie ist dir nur eine Last!

— Seit drei Monaten pflege ich sie! Tag und Nacht!

— Schlecht pflegst du sie, warf Leonie aus der Küche ein und kaute dabei auf irgendetwas herum. Anna begriff entsetzt, dass sie den Kuchen von gestern gefunden hatte und ihn sich kalt in den Mund stopfte.

Hedis Stube