„Meine Mutter liegt im Sterben, und dir ist es wurscht!“ rief er vorwurfsvoll, während Anna die Hände zu Fäusten ballte

Diese mitleidlose Gleichgültigkeit ist schlichtweg beschämend.
Geschichten

— Hedwig ist ja voller Druckstellen. Gestern haben wir es gesehen, wie wir kurz bei ihr hineingeschaut haben.

— Was für Druckstellen?! — Anna hatte auf einmal das Gefühl, der Boden gebe unter ihr nach. — Sie hat keine! Ich behandle sie jeden Tag, ich drehe sie um, ich creme sie ein …

— Erzähl deine Gschichteln wem anderen — zischte Barbara und stapfte schon in Richtung von Hedwigs Zimmer. — Das schau ich mir jetzt selber an.

Anna eilte ihr nach. Hedwig lag im Bett, bleich, mit geschlossenen Lidern. Ihr Atem ging schwer und pfeifend. Ohne jede Rücksicht riss Barbara die Decke weg und schob das Nachthemd der alten Frau hoch.

— Da! Schau her! Siehst du das?! — Sie deutete grob auf den Rücken ihrer Schwester.

Anna beugte sich hinunter. Ja, da war eine Rötung. Ein kleiner Fleck, kaum größer als eine Münze. Aber das war kein Wundliegen. Nur eine gereizte Stelle vom langen Liegen. Genau dort hatte sie doch jeden Tag Salbe aufgetragen.

— Das ist kein Druckgeschwür — sagte sie leise. — Das ist nur …

— Halt den Mund! — fuhr Barbara sie an. — Glaubst du, ich weiß nicht, wie so etwas anfängt? Zwanzig Jahre hab ich als Schwester gearbeitet! Du richtest meine Schwester zugrunde! Mit Absicht!

— Seid ihr jetzt völlig narrisch geworden? — Anna wich einen Schritt zurück. Ihre Hände zitterten. — Ich tu alles für sie. Wirklich alles.

— Soll ich Lukas anrufen? — mischte sich Leonie ein, die mit vollem Mund aus der Küche zurückgekommen war. — Er soll ruhig erfahren, was seine Frau da aufführt.

— Den ruf ich jetzt sofort an! — Barbara hatte ihr Handy bereits in der Hand.

Anna stand mitten im Zimmer und spürte, wie sich in ihr alles zu einem harten, schmerzhaften Knoten zusammenzog. Es war ungerecht. Grausam. Sie hatte ihre letzten Kräfte hergegeben, sich selbst, ihr eigenes Leben, ihre Müdigkeit vergessen — und das war nun der Dank. Vorwürfe. Demütigung. Ein regelrechtes Tribunal.

Hedwig schlug die Augen auf. Ihr Blick war trüb, entzündet, wie von Fieber verschleiert.

— Barbara? — hauchte sie. — Bist du gekommen?

— Ich bin da, mein Hedwigerl, ich bin da — sagte Barbara und setzte sich an die Bettkante. Von einem Augenblick auf den anderen war ihre Stimme nicht mehr scharf, sondern weich und mitleidig. — Mach dir keine Sorgen. Wir sehen ja alles. Alles sehen wir.

Die alte Frau drehte den Kopf zu Anna. Und in ihren Augen lag etwas, das Anna den Atem nahm. Schadenfreude vielleicht. Ein winziger, zufriedener Funke.

— Sie … sie macht es schlecht … — krächzte Hedwig. — Sie vergisst … die Tabletten …

— Das ist gelogen! — platzte es aus Anna heraus. — Ich gebe sie immer pünktlich. Immer!

— Schrei die Kranke nicht an! — Barbara sprang auf. — Jetzt brüllt sie sie auch noch nieder! Lukas! Lukas, hörst du mich?

Sie sprach bereits ins Telefon. Anna hörte die gedämpfte Stimme ihres Mannes, konnte aber kein einziges Wort verstehen.

— Du kommst sofort heim! — sagte Barbara schneidend. — Deiner Mutter geht es entsetzlich! Und die da … die hat offenbar jedes Gewissen verloren!

Das Gespräch dauerte vielleicht drei Minuten. Währenddessen lehnte Leonie im Türrahmen und starrte Anna mit einem schlecht verborgenen Grinsen an. In ihren Augen stand unverhohlene Genugtuung: Jemand anderer litt, jemand anderer war in die Grube gefallen, und sie stand oben am Rand und wärmte sich daran.

— Lukas ist gleich da — verkündete Barbara schließlich und steckte das Handy weg. — Dann reden wir. Und zwar ernsthaft. So kann das nämlich nicht weitergehen!

— Was bilden Sie sich eigentlich ein?! — Anna merkte, wie tief in ihr etwas knackte. — Das ist mein Zuhause! Meine Familie! Mit welchem Recht kommen Sie hier herein und …

— Mit welchem Recht?! — Barbara blähte sich vor Empörung geradezu auf. — Ich habe jedes Recht, meine Schwester zu schützen! Und du? Wer bist denn du überhaupt? Nur die Ehefrau. So schnell, wie du gekommen bist, kannst du auch wieder verschwinden.

— Mama hat recht — sagte Leonie und leckte sich die Finger ab. — Ist eh nicht einzusehen, warum du dich hier so aufspielst. Die Wohnung gehört Lukas. Und seine Mutter gehört auch zu ihm.

Anna ließ sich auf einen Sessel sinken. Zum Streiten fehlte ihr die Kraft. Wozu auch? Für diese beiden war längst alles entschieden. Sie hatten ihr Urteil gefällt, und daran würde kein Wort von ihr mehr etwas ändern.

Draußen ging der Winter weiter, erbarmungslos und kalt. Der Schnee fiel ohne Pause, deckte Höfe, Autos und Bänke zu. Die Welt wurde weiß, beinahe rein. In dieser Wohnung aber herrschte eine andere Farbe. Grau. Schwer. Dunkel.

Die Tür fiel krachend ins Schloss. Lukas war zurück. Anna hob den Kopf und traf seinen Blick. Darin lag kein Zweifel, kein Fragen, kein Zögern. Er hatte sie bereits verurteilt.

Lukas streifte den Mantel ab, ohne seine Frau auch nur anzusehen. Er ging direkt zu seiner Mutter und beugte sich über sie.

— Wie geht es dir, Mama?

— Schlecht, mein Bub — jammerte Hedwig. — Sehr schlecht … Sie gibt mir nichts zu essen … nicht einmal Wasser …

— Was?! — Anna sprang auf. — Das ist doch absurd! Ich hab ihr gestern extra eine Hühnersuppe gekocht!

— Was für eine Hühnersuppe soll das gewesen sein? — schnaubte Barbara. — Aus einem Würfel, wahrscheinlich. Lauter Chemie. So etwas gibt man doch keinem kranken Menschen!

— Lukas, du weißt doch … — Anna wollte näher zu ihm, doch ihr Mann hielt sie mit einem einzigen Blick auf Abstand. Kalt war dieser Blick. Fremd.

— Ich weiß — sagte er langsam. — Ich weiß, dass du in letzter Zeit irgendwie … anders geworden bist. Grob. Uneinsichtig. Du hörst nicht mehr auf mich. Und gestern hast du mich richtig angeschrien.

— Ich hab dich nicht angeschrien! Ich hab nur die Wahrheit gesagt!

— Die Wahrheit? — Er richtete sich auf und stellte sich ihr entgegen.

Hedis Stube