— Was für eine Wahrheit denn? Dass dir meine Mutter zur Last fällt? Dass du müde bist? Wer ist denn nicht müde, Anna? Glaubst du, ich bin’s nicht? Ich reiß mich jeden Tag zusammen, hackle, bring Geld heim!
— Und was tu ich deiner Meinung nach?! — Ihre Stimme hat gezittert. — Ich hock hier wie eine Dienstmagd! Rund um die Uhr! Ich komm ja nicht einmal mehr ordentlich vor die Tür!
— Dann nehmen wir halt eine Pflegerin — warf Lukas gleichgültig hin. — Wenn es dir gar so schwerfällt.
— Um die Pflegerin geht es nicht! — Anna spürte, wie ihr die Tränen in die Kehle stiegen, aber sie schluckte sie hinunter. Nicht hier. Nicht vor ihnen. — Es geht darum, dass du mich nicht hörst! Dass du mich überhaupt nicht mehr siehst!
— Mein Gott, jetzt fängt das weibliche Theater schon wieder an — winkte Lukas ab. — Barbara, bleiben Sie bei der Mama?
— Selbstverständlich — sagte Barbara und lächelte, als hätte sie soeben gewonnen. — Leonie und ich bleiben. Wir kümmern uns um sie, wie sich’s gehört.
— Na also. Passt. — Lukas wandte sich schon zur Tür. — Und du, Anna, packst deine Sachen. Du fährst ein paar Tage zu deiner Mutter. Dort kannst dich ausrasten.
Anna erstarrte.
Das war keine Pause. Das war Verbannung. Sanft formuliert, als Fürsorge verkleidet — aber Verbannung.
— Du wirfst mich hinaus?
— Ich verschaff dir Ruhe — sagte er, ohne sich auch nur umzudrehen. — Oder willst du lieber hierbleiben und weiter Streit machen?
Hinter ihrem Rücken kicherte Leonie leise. Barbara hatte es sich neben Hedwig im Fauteuil bequem gemacht, wie eine Königin auf ihrem Platz. Die alte Frau lag mit geschlossenen Augen da, doch Anna sah ganz genau, wie sich ihre Mundwinkel ein wenig hoben. Zufrieden. Beinahe triumphierend.
Und in diesem Augenblick hat in Anna etwas umgeschaltet.
Es ist nicht zerbrochen. Nein. Im Gegenteil. Es ist endlich an seinen Platz gefallen.
— Weißt du was, Lukas — sagte sie leise, aber jedes Wort war klar. — Ich geh. Wirklich. Nur nicht für ein paar Tage.
Jetzt drehte er sich doch um. Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
— Was soll das heißen?
— Dass ich für immer gehe. — Die Sätze kamen aus ihr heraus, als würde jemand anderer durch ihren Mund sprechen. — Dreiundzwanzig Jahre hab ich mit dir gelebt. Ich hab deine Mutter ertragen, die mich vom ersten Tag an gehasst hat. Ich hab ertragen, dass du heimkommst und nicht einmal ein Danke über die Lippen bringst. Ich hab ertragen, dass ich für dich nur ein Möbelstück bin. Praktisch. Gratis. Immer da.
— Bist du verrückt geworden? — Lukas machte einen Schritt auf sie zu. — Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?
— Nein — Anna schüttelte den Kopf. — Ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal seit langer Zeit seh ich alles ganz deutlich. Ich hab genug davon, unsichtbar zu sein. Genug davon, an allem schuld zu sein. Pflegt eure Mutter selber. Ihr seid ja alle so anständig, so aufopfernd — dann zeigt einmal, was ihr könnt.
— Anna, komm zur Besinnung! — Barbara sprang auf. — Du bist seine Frau! Du hast Pflichten!
— Er hatte auch welche — Anna deutete auf ihren Mann. — Mich zu lieben. Mich zu achten. Auf mich aufzupassen. Wo ist das alles geblieben?
Lukas wurde rot. Seine Hand ballte sich zur Faust.
— Das wirst du bereuen — presste er zwischen den Zähnen hervor. — Du wirst noch angekrochen kommen. Wohin willst du denn? Du hast ja nichts!
— Zuerst zu meiner Mutter. Dann such ich mir Arbeit. Dann nehm ich mir ein Zimmer. — Anna ging ins Schlafzimmer und holte die alte Reisetasche aus dem Kasten. — Und danach wird man weitersehen.
Sie packte rasch, ohne lange zu überlegen. Nur das Nötigste: Dokumente, ein paar Pullover, Unterwäsche. Ihre Hände zitterten nicht. Ihr Herz schlug ruhig, fast gleichmäßig. Eine seltsame Stille breitete sich in ihr aus, so als wäre nach einer langen Krankheit plötzlich das Fieber gewichen und sie könnte zum ersten Mal wieder frei atmen.
Lukas blieb im Türrahmen zum Schlafzimmer stehen. Er schaute ihr zu. Sagte nichts. In seinen Augen flackerte etwas auf, das fast wie Verunsicherung wirkte — offensichtlich hatte er mit dieser Wendung nicht gerechnet.
— Du meinst das ernst? — fragte er, diesmal leiser.
Anna schloss die Tasche. Dann sah sie ihn an. Lange. Genau. Sie suchte in seinem Gesicht nach dem jungen Mann von damals, dem vom Markt, der ihr versprochen hatte, sie zu beschützen. Sie fand ihn nicht mehr. Vor ihr stand ein Fremder. Müde, wütend, mit erloschenem Blick.
— So ernst wie nur irgendwas — antwortete sie.
Sie ging an ihm vorbei. Vorbei an Barbaras siegessicherem Blick, vorbei an Leonies spöttischem Grinsen. Neben dem Bett ihrer Schwiegermutter blieb sie noch einmal stehen. Hedwig öffnete die Augen.
— Leben Sie wohl — sagte Anna. — Werden Sie wieder gesund.
In den Augen der alten Frau blitzte Angst auf. Als hätte sie erst in diesem Moment begriffen, was sie angerichtet hatte.
Anna verließ die Wohnung.
Im Stiegenhaus war es kalt. Ein Fenster schloss nicht richtig, der Wind zog ungehindert durch die Stockwerke. Sie zog den Mantel enger um sich, nahm die Tasche fester in die Hand und stieg hinunter.
Draußen war noch immer Winter. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen, der Frost biss ihr in die Wangen. Und trotzdem war Anna warm. Tief in ihr breitete sich etwas aus, das sie kaum wiedererkannte. Leichtigkeit vielleicht. Oder Freiheit.
Sie ging über den verschneiten Hof, und mit jedem Schritt blieb das Vergangene ein Stück weiter hinter ihr zurück. Dort oben, in dieser Wohnung. Bei diesen Menschen.
Vor ihr lag das Unbekannte.
Es machte ihr Angst. Aber auf eine seltsame Weise fühlte es sich richtig an.
Anna lächelte.
Zum ersten Mal seit vielen Monaten.
Und dann ging sie weiter, hinaus in die weiße Winterferne — dorthin, wo ein neues Leben auf sie wartete.
