„Na, Oma, soll ich Sie vielleicht gleich bis zum Ausgang begleiten?“ stichelte die Verkäuferin — die Kundin lächelte kühl, sie war die neue Besitzerin der Boutique

Diese freche Respektlosigkeit fühlte sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

„Na, Oma, soll ich Sie vielleicht gleich bis zum Ausgang begleiten?“, stichelte die Verkäuferin und musterte mich von oben bis unten. „Die Sachen hier sind nichts für Pensionistinnen. Wären Sie am Markt nicht besser aufgehoben?“

Ich bin vor der Auslage mit den Kleidern stehen geblieben. In der Hand hielt ich meine Tasche, die Jacke hing über meiner Schulter. Das junge Ding hinter dem Verkaufspult schaute mich an, als hätte sie in ihrem Salat ein Insekt entdeckt.

„Ich möchte mich nur ein wenig umschauen“, sagte ich ruhig.

„Aha, nur umschauen“, schnaubte die Verkäuferin. „Solche kennen wir schon. Erst alles anprobieren, zerknittern, und am Ende gehen Sie ohne etwas zu kaufen. Das hier ist eine Boutique, verstehen Sie? Kein Secondhand-Geschäft.“

Sie war jung, vielleicht achtundzwanzig, trug ein enges schwarzes Kleid, grellen Nagellack und diesen hochmütigen Ausdruck, den manche Menschen schon morgens wie ein Accessoire anlegen. Auf ihrem Namensschild stand: Anna.

Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf: Sie ahnte nicht einmal, dass ich vor einem Monat diese Boutique samt dem ganzen Gebäude gekauft hatte. Und dass sie gerade ihrer eigenen Chefin gegenüber unverschämt wurde.

„Darf ich mir Ihre neuen Modelle ansehen?“, fragte ich und deutete auf die Stange mit den Kleidern.

„Die Neuheiten?“ Anna ging langsam an der Auslage entlang und rückte ein paar Kleiderbügel zurecht. „Oma, sind Sie sicher? Das ist alles teuer. Wirklich teuer. Vielleicht schauen Sie lieber bei den reduzierten Stücken. Dort hängt etwas Einfacheres, das eher passen könnte.“

Ich trat näher, nahm ein blaues Kleid vom Ständer und ließ den Stoff durch die Finger gleiten. Er fühlte sich angenehm an, seidig, der Schnitt war klassisch. Ein gutes Stück.

„Was kostet dieses Kleid?“, fragte ich.

Anna warf einen Blick auf das Etikett und verzog spöttisch den Mund.

„Sechshundertachtzig Euro“, sagte sie gedehnt. „Aber Sie brauchen gar nicht weiterzuschauen. Das ist ganz offensichtlich nicht Ihre Preisklasse.“

Ich schwieg. Das Kleid lag noch immer in meinen Händen, während ich die Nähte betrachtete und die Verarbeitung prüfte. Es war seinen Preis wert. Vielleicht hätte man sogar mehr dafür verlangen können.

„Ich würde es gern anprobieren“, sagte ich.

„Im Ernst?“ Anna hob eine Augenbraue. „Sie wissen schon, dass Sie es bezahlen müssen, wenn Sie es beschmutzen oder zerreißen? Das sind bei uns die Regeln. Sechshundertachtzig Euro erlässt Ihnen hier niemand.“

„Das ist mir klar“, antwortete ich und nickte.

„Na gut.“ Die Verkäuferin zuckte mit den Schultern. „Sie müssen es ja wissen. Nur sagen Sie bitte gleich, falls Sie es ohnehin nicht kaufen wollen. Ich hab keine Lust, meine Zeit unnötig zu vergeuden. Meine Mittagspause ist nämlich bald.“

Sie nahm das Kleid vom Bügel und reichte es mir achtlos hin, als wäre es ein alter Putzfetzen.

„Die Umkleide ist dort drüben“, sagte sie und nickte in Richtung Ecke. „Und passen Sie mit dem Reißverschluss auf. Der ist italienisch und empfindlich.“

Ich nahm das Kleid, ging in die Kabine, schloss die Tür hinter mir, zog mich aus und schlüpfte hinein. Es saß wie für mich gemacht. Das Blau brachte meine Augen zur Geltung, der Schnitt kaschierte, was er kaschieren sollte, und die Länge war genau richtig. Vor dem Spiegel drehte ich mich einmal langsam nach links und nach rechts. Ein schönes Kleid. Hochwertig. Jeden Euro wert.

Als ich wieder aus der Umkleide trat, saß Anna hinter dem Pult, blätterte in einer Zeitschrift und kaute Kaugummi. Sie hob nicht einmal sofort den Kopf.

„Und?“, fragte ich.

Erst da löste sie träge den Blick von der Seite und musterte mich.

„Na ja, grundsätzlich nicht schlecht“, meinte sie gedehnt. „Für Ihr Alter sogar ganz passabel. Wobei der Ausschnitt ehrlich gesagt ein bisschen tief ist. Mit fünfzig muss man sich nicht mehr so zur Schau stellen. Falten am Hals machen einen nicht unbedingt attraktiver, wissen Sie.“

Ich bin vierundfünfzig. Ja, ich habe Falten. Aber ich schäme mich nicht für sie. Ich habe sie mir verdient. Jede einzelne steht für ein Jahr Arbeit, Erfahrung und Überwindung.

„Ich nehme es“, sagte ich.

Anna legte die Zeitschrift weg und richtete sich plötzlich auf.

„Wirklich?“ In ihrer Stimme lag unverhohlenes Staunen. „Sie wissen aber schon genau, was es kostet?“

„Sechshundertachtzig Euro“, wiederholte ich. „Ja, das weiß ich.“

Die Verkäuferin stand auf, kam näher und kniff die Augen zusammen, als sähe sie mich nun zum ersten Mal richtig an.

„Hm“, machte sie. „Und womit wollen Sie zahlen? Mit der Pension in Raten? Oder haben die Enkelkinder zusammengelegt?“

Ich holte meine Karte aus der Tasche und legte sie auf das Verkaufspult.

„Mit dieser Karte.“

Anna nahm sie, drehte sie zwischen den Fingern und bemerkte die schwarze Oberfläche samt Logo des Premium-Bankings. Ein spöttisches Schnauben entwich ihr.

„Oh, eine schwarze Karte“, sagte sie mit unverhohlenem Sarkasmus. „Da hat wohl jemand einen reichen Mann gefunden? Oder hilft ein großzügiger Gönner aus?“

Sie holte Luft, bereit, noch eins draufzusetzen.

Hedis Stube