„Wobei“, setzte sie mit einem schiefen Lächeln nach, „in Ihrem Alter tut’s vermutlich eh schon ein Großvater, Hauptsache, er zahlt.“
Ich habe nichts darauf erwidert. Kein Wort. Ich bin nur ruhig vor ihr stehen geblieben und habe sie angesehen, als würde ich auf etwas ganz Alltägliches warten. Darauf, dass sie endlich die Zahlung abwickelte. Meine Hände waren ruhig, meine Stimme blieb fest. In mir war keine Spur von Unsicherheit. Ich wusste, dass ihr Hochmut in wenigen Minuten mit der Wirklichkeit zusammenprallen würde.
„Na gut, schauen wir einmal“, sagte Anna und schob die Karte in das Terminal. „Gleich wissen wir, ob da überhaupt Geld drauf ist oder ob das nur ein Stück Plastik zum Angeben ist. Solche Karten kriegt man heutzutage ja schon fast in jeder Unterführung.“
Das Gerät piepste.
Die Zahlung war genehmigt.
Anna zog die Karte heraus, riss den Beleg ab und warf einen Blick darauf. Ihr Gesicht verzog sich, als hätte sie soeben in eine Zitrone gebissen.
„Bitte“, knurrte sie und hielt mir Karte und Bon hin. „Ziehen Sie sich um. Ich packe das Kleid ein.“
Ich bin zurück in die Umkleide gegangen, habe das Kleid ausgezogen und wieder meine eigenen Sachen angelegt. Als ich kurz darauf hinausgekommen bin, lag der Einkauf bereits in einem eleganten Sackerl mit dem Logo der Boutique. Anna stand dahinter, ohne auch nur den Versuch eines Lächelns zu machen. Kein Dank, kein höfliches Wort, nichts.
„Da“, sagte sie und schob mir das Sackerl über den Verkaufspult. „Nehmen Sie’s. Und kommen Sie ruhig wieder, falls die Pension reicht. Oder Ihr Großvater wieder spendabel ist.“
Ich nahm das Sackerl an mich und betrachtete sie einen Moment lang ganz genau.
„Anna“, sagte ich leise und ruhig. „Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon hier?“
Sie zog die Augenbrauen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Was geht Sie das an?“
„Es interessiert mich nur.“
„Seit drei Jahren, wenn Sie’s unbedingt wissen wollen“, fauchte sie. „Seit drei Jahren steh ich mir hier die Füße in den Bauch. Und weiter?“
„Also drei Jahre“, sagte ich und nickte langsam. „Verstehe. Und sagen Sie, wissen Sie, wem diese Boutique gehört?“
Anna verzog das Gesicht, als wäre schon die Frage eine Zumutung.
„Natürlich weiß ich das. Früher hat sie Lena gehört. Dann hat sie an irgendwen verkauft. Die neue Eigentümerin hab ich allerdings noch nie gesehen. Um alles kümmert sich Katharina, unsere Geschäftsführerin. Warum wollen Sie das wissen?“
„Wo ist Katharina im Moment?“, fragte ich.
„Im Lager. Warenübernahme. Es ist gerade neue Ware gekommen.“ Anna grinste spöttisch. „Wollen Sie sich etwa beschweren? Worüber denn bitte? Ich hab Ihnen nichts getan. Ich hab Ihnen das Kleid verkauft und die Zahlung entgegengenommen. Alles vorschriftsmäßig.“
„Rufen Sie sie bitte her“, sagte ich.
„Wozu brauchen Sie denn die Geschäftsführerin?“ Anna verdrehte die Augen. „Katharina hat genug zu tun. Die hat wirklich keine Zeit, mit jeder Oma zu plaudern, die sich wichtigmachen will.“
„Trotzdem. Holen Sie sie bitte.“
Anna schnaubte, griff aber schließlich nach ihrem Handy und wählte eine Nummer.
„Katharina? Da ist eine Kundin, die unbedingt mit dir reden will. Ja, jetzt gleich. Komm bitte kurz vor, sonst steht sie da weiter herum und geht nicht. Ja, im Verkaufsraum. Passt.“
Sie legte auf und sah mich herausfordernd an.
„Sie kommt gleich. Aber Sie verschwenden nur Ihre Zeit. Ich hab nichts Unpassendes gesagt. Im Gegenteil, ich bin immer höflich. Fragen Sie ruhig andere Kundinnen.“
Ich schwieg. Mit dem Sackerl in der Hand blieb ich neben dem Pult stehen und sah hinaus auf die Straße. Hinter der Scheibe fiel Schnee, die Menschen eilten mit hochgezogenen Schultern vorbei, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Ein ganz normaler Wintertag. Ein ganz gewöhnliches Geschäft. Und doch würde sich hier gleich alles verändern.
Nach etwa einer Minute öffnete sich die Tür zum hinteren Bereich. Eine Frau um die fünfundvierzig trat heraus, in einem strengen grauen Kostüm, eine Mappe unter dem Arm, das Gesicht müde, aber aufmerksam. Katharina. Die Geschäftsführerin.
Ich hatte sie vor einem Monat schon einmal getroffen, als ich den Kaufvertrag für diese Boutique unterschrieben hatte. Doch sie erkannte mich nicht. Damals hatte ich eine Brille getragen, die Haare streng zu einem Knoten gebunden, dazu einen dunklen Businessanzug. Heute war alles anders: offenes Haar, Jeans, ein weicher Pullover, dezentes Make-up. Ein vollkommen anderes Bild.
„Grüß Gott“, sagte Katharina höflich, wenn auch ein wenig vorsichtig. „Was kann ich für Sie tun?“
„Grüß Gott“, antwortete ich. „Sagen Sie bitte, spricht Anna immer in diesem Ton mit Kundinnen?“
Katharina runzelte die Stirn und wandte den Blick sofort zu der Verkäuferin.
„Was ist passiert? Anna, hat es irgendwelche Schwierigkeiten gegeben?“
„Überhaupt keine!“ Anna fuhr auf, als hätte man sie beleidigt. „Ich hab ganz normal mit ihr geredet! Sie sucht bloß einen Grund, sich aufzuregen!“
„Sie hat mich Oma genannt“, sagte ich ruhig und sah Katharina dabei direkt in die Augen. „Außerdem hat sie angeboten, mich zum Ausgang zu begleiten.“
