— Soll ich Sie zum Ausgang begleiten, Oma? — spottete die Verkäuferin und musterte mich von oben bis unten. — Die Sachen hier sind nichts für Pensionistinnen. Vielleicht wären Sie am Markt besser aufgehoben?
Ich stand vor der Auslage mit den Kleidern. In der Hand hielt ich meine Tasche, die Jacke hing über meiner Schulter. Das Mädchen hinter dem Verkaufspult schaute mich an, als wäre ich ein Käfer im Salat.
— Ich möchte mich nur umsehen, — sagte ich ruhig.
— Ja, eh, nur umsehen, — schnaubte die Verkäuferin. — Solche kennen wir. Erst probieren sie alles durch, zerknittern die Ware und gehen dann, ohne etwas zu kaufen. Das hier ist eine Boutique, verstehen Sie? Kein Secondhandladen.
Sie war jung, vielleicht achtundzwanzig, trug ein enges schwarzes Kleid, grell lackierte Nägel und diesen hochmütigen Ausdruck, den manche Menschen für Eleganz halten. Auf ihrem Namensschild stand: Sophie.

Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf: Sie ahnt nicht einmal, dass ich diese Boutique samt dem ganzen Gebäude vor einem Monat gekauft habe. Und jetzt ist sie gerade dabei, ihre eigene Chefin zu beleidigen.
— Könnte ich mir Ihre neuen Modelle anschauen? — fragte ich und deutete auf die Stange mit den Kleidern.
— Die Neuheiten? — Sophie ging an der Auslage entlang und rückte ein paar Kleiderbügel zurecht. — Oma, sind Sie sicher? Das ist alles teuer. Wirklich teuer. Vielleicht schauen Sie lieber bei den reduzierten Sachen? Dort findet sich bestimmt etwas Einfacheres.
Ich trat näher heran und nahm ein blaues Kleid in die Hand. Der Stoff fühlte sich angenehm an, seidig, der Schnitt war klassisch. Ein gutes Stück.
— Was kostet dieses Kleid? — fragte ich.
Sophie warf einen Blick auf das Etikett und verzog den Mund.
— Sechshundertachtzig Euro, — sagte sie gedehnt. — Aber Sie brauchen gar nicht weiterzuschauen. Das ist offensichtlich nicht Ihre Preisklasse.
Ich blieb still. Das Kleid lag in meinen Händen, während ich die Nähte prüfte und die Verarbeitung betrachtete. Es war sein Geld wert. Vielleicht hätte man sogar mehr dafür verlangen können.
— Ich würde es gern anprobieren, — sagte ich.
— Im Ernst? — Sophie zog eine Augenbraue hoch. — Ihnen ist aber klar, dass Sie es bezahlen müssen, wenn Sie es anschmutzen oder beschädigen? Das sind unsere Regeln. Sechshundertachtzig Euro werden Ihnen nicht einfach nachgesehen.
— Das ist mir bewusst, — antwortete ich und nickte.
— Na gut, — meinte die Verkäuferin und zuckte mit den Schultern. — Sie müssen es ja wissen. Nur sagen Sie gleich, wenn Sie es ohnehin nicht nehmen. Ich habe keine Lust, meine Zeit zu verschwenden. Meine Mittagspause ist bald.
Sie nahm das Kleid vom Bügel und reichte es mir so achtlos, als wäre es ein Putzfetzen.
— Die Kabine ist dort drüben, — sagte sie mit einem Kopfnicken in die Ecke. — Und passen Sie auf den Reißverschluss auf. Der ist italienisch und empfindlich.
Ich nahm das Kleid und ging in die Umkleide. Hinter mir schloss ich die Tür, zog mich um und streifte den blauen Stoff über. Es passte wie angegossen. Die Farbe brachte meine Augen zur Geltung, der Schnitt kaschierte, was kaschiert werden sollte, und die Länge war genau richtig. Vor dem Spiegel drehte ich mich langsam hin und her. Ein schönes Kleid. Sauber gearbeitet. Jeden Euro wert.
Als ich wieder herauskam, saß Sophie hinter dem Pult, blätterte in einer Zeitschrift und kaute Kaugummi. Nicht einmal den Kopf hob sie.
— Und? — fragte ich.
Träge löste sie den Blick vom Heft und musterte mich.
— Na ja, grundsätzlich geht es schon, — meinte sie langgezogen. — Für Ihr Alter durchaus. Obwohl der Ausschnitt ehrlich gesagt ein bissl tief ist. Mit fünfzig sollte man sich nicht mehr ganz so präsentieren. Falten am Hals sind ja nicht unbedingt ein Schmuckstück, wissen Sie.
Ich bin vierundfünfzig. Ja, ich habe Falten. Aber ich schäme mich nicht dafür. Ich habe sie mir verdient. Jede einzelne steht für ein Jahr Arbeit, Erfahrung und Durchhalten.
— Ich nehme es, — sagte ich.
Sophie legte die Zeitschrift weg und richtete sich auf.
— Wirklich? — In ihrer Stimme lag unverhohlenes Erstaunen. — Sie wissen schon genau, was es kostet?
— Sechshundertachtzig Euro, — wiederholte ich. — Ja, das weiß ich.
Die Verkäuferin stand auf, kam näher und kniff die Augen zusammen, als würde sie mich plötzlich mit neuem Interesse betrachten.
— Hm, — machte sie. — Und womit möchten Sie zahlen? Mit der Pension in Raten? Oder haben die Enkelinnen zusammengelegt?
Ich griff in meine Tasche, zog eine Karte heraus und legte sie auf das Pult.
— Mit dieser Karte.
Sophie nahm sie, drehte sie zwischen den Fingern und bemerkte sofort das schwarze Plastik sowie das Zeichen des Premium-Bankings. Sie schnaubte leise.
— Oho, eine schwarze Karte, — sagte sie mit kaum verhohlenem Spott. — Haben Sie sich wohl einen reichen Mann gesucht? Oder hilft ein großzügiger Sugar-Daddy aus? Ihr Blick verriet, dass sie die nächste Gemeinheit bereits auf der Zunge hatte.
