„Oma, sind Sie sicher? Das ist alles teuer“ — spottete Sophie, ahnungslos, dass die Kundin soeben die Boutique gekauft hatte

Diese arrogante Verachtung verletzt mehr als erwartet.
Geschichten

— In Ihrem Alter tut’s notfalls auch ein Opa, Hauptsache, er zahlt.

Ich habe darauf nichts erwidert. Ich bin nur ruhig vor ihr stehen geblieben und habe sie angesehen. Ich wollte abwarten, bis sie die Zahlung durchführte. Meine Hände waren völlig ruhig, meine Stimme hätte nicht gezittert, selbst wenn ich etwas gesagt hätte. Ich wusste: In wenigen Minuten würde ihre ganze Überheblichkeit an der Wirklichkeit zerschellen.

— Na schön, schauen wir einmal, — meinte Sophie und schob die Karte in das Terminal. — Gleich wissen wir, ob da wirklich Geld drauf ist oder ob das nur ein Stück Plastik zum Angeben ist. Solche Karten kriegt man heutzutage ja fast schon in der Unterführung.

Das Gerät gab einen kurzen Ton von sich. Die Zahlung wurde bestätigt.

Sophie zog die Karte heraus und warf einen Blick auf den Beleg. Ihr Gesicht verzog sich, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen.

— Da, — murmelte sie und reichte mir Karte und Bon zurück. — Ziehen Sie sich um. Ich packe das Kleid ein.

Ich bin wieder in die Umkleide gegangen, habe das Kleid ausgezogen und meine eigenen Sachen angelegt. Als ich herauskam, lag der Einkauf bereits in einem Sackerl mit dem Logo der Boutique. Sophie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, freundlich zu schauen, geschweige denn, sich zu bedanken.

— Bitte, nehmen Sie’s, — sagte sie und schob mir das Sackerl über das Pult. — Und kommen Sie ruhig wieder, wenn die Pension reicht. Oder wenn der Opa wieder Geld locker macht.

Ich nahm das Sackerl an mich und betrachtete sie aufmerksam.

— Sophie, — sagte ich ruhig. — Wie lange arbeiten Sie schon hier?

Sie zog die Stirn kraus und verschränkte die Arme vor der Brust.

— Was geht Sie das an?

— Es interessiert mich einfach.

— Drei Jahre, wenn Sie’s unbedingt wissen wollen, — fuhr sie mich an. — Seit drei Jahren steh ich da herinnen. Und weiter?

— Also drei Jahre, — nickte ich langsam. — Verstehe. Und wissen Sie auch, wem diese Boutique gehört?

Sophie verzog das Gesicht, als wäre allein die Frage eine Zumutung.

— Natürlich weiß ich das. Früher war Barbara die Eigentümerin. Dann hat sie das Geschäft an irgendwen verkauft. Die neue Besitzerin hab ich allerdings noch nie gesehen. Claudia, unsere Geschäftsführerin, kümmert sich um alles. Warum wollen Sie das überhaupt wissen?

— Wo ist Claudia im Moment? — fragte ich.

— Im Lager. Sie macht gerade die Warenübernahme, eine Lieferung ist gekommen. Was ist, wollen Sie sich etwa beschweren? — Sophie grinste spöttisch. — Worüber denn bitte? Ich hab Ihnen nichts getan. Das Kleid hab ich verkauft, das Geld ist bezahlt, alles vorschriftsmäßig.

— Holen Sie sie bitte her, — sagte ich.

— Wozu brauchen Sie die Geschäftsführerin? — Sophie verdrehte genervt die Augen. — Claudia hat zu tun. Die hat sicher keine Zeit, mit jeder alten Dame ein Plauscherl zu halten.

— Trotzdem. Bitte rufen Sie sie.

Sie schnaubte, griff aber nach ihrem Handy und wählte eine Nummer.

— Claudia? Da ist eine Kundin, die unbedingt mit dir reden will. Ja, jetzt gleich. Komm bitte kurz raus, sonst steht sie noch ewig da und geht nicht. Ja, im Verkaufsraum. Passt.

Sie legte auf und sah mich herausfordernd an.

— Sie kommt gleich. Aber Sie verschwenden nur Ihre Zeit. Ich hab gar nichts Schlimmes gesagt. Im Übrigen bin ich höflich. Fragen Sie ruhig andere Kundinnen.

Ich schwieg. Mit dem Sackerl in der Hand blieb ich beim Pult stehen und sah hinaus auf die Straße. Hinter der Scheibe fiel Schnee, Menschen hasteten an der Boutique vorbei, jeder mit seinen eigenen Sorgen und Wegen. Ein gewöhnlicher Wintertag. Ein gewöhnliches Geschäft. Und doch würde sich hier gleich alles verändern.

Nach etwa einer Minute öffnete sich die Tür zum hinteren Bereich. Eine Frau um die fünfundvierzig trat heraus, in einem strengen grauen Kostüm, eine Mappe unter dem Arm und Müdigkeit im Gesicht. Claudia. Die Geschäftsführerin.

Ich hatte sie erst ein einziges Mal getroffen, vor einem Monat, als ich den Kaufvertrag für die Boutique unterschrieben hatte. Sie erkannte mich nicht. Damals hatte ich eine Brille getragen, das Haar zu einem ordentlichen Knoten gesteckt und einen dunklen Businessanzug angehabt. Heute trug ich das Haar offen, dazu Jeans, einen weichen Pullover und dezentes Make-up. Es war ein völlig anderes Bild.

— Grüß Gott, — sagte Claudia höflich, wenn auch mit einem vorsichtigen Unterton. — Wie kann ich Ihnen helfen?

— Grüß Gott, — erwiderte ich. — Sagen Sie mir bitte: Spricht Sophie immer in diesem Ton mit Kundinnen?

Die Geschäftsführerin runzelte die Stirn und sah sofort zu der Verkäuferin hinüber.

— Was ist passiert? Sophie, hat es irgendwelche Schwierigkeiten gegeben?

— Überhaupt keine! — Sophie fuhr empört auf. — Ich hab ganz normal mit ihr geredet! Sie sucht nur einen Grund, sich aufzuregen!

— Sie hat mich „alte Dame“ genannt, — sagte ich ruhig und hielt Claudias Blick stand. — Und sie hat mir angeboten, mich bis zum Ausgang zu begleiten.

Hedis Stube