„Oma, sind Sie sicher? Das ist alles teuer“ — spottete Sophie, ahnungslos, dass die Kundin soeben die Boutique gekauft hatte

Diese arrogante Verachtung verletzt mehr als erwartet.
Geschichten

Ihrer Ansicht nach passe ich nicht in diese Boutique. Sie hat mir nahegelegt, lieber auf einen Markt zu gehen. Außerdem hat sie gemeint, ich würde ihr nur die Zeit stehlen. Dann wollte sie wissen, ob ich den Betrag eh nicht in Raten von meiner Pension abstottern müsse oder ob vielleicht meine Enkelinnen zusammengelegt hätten. Danach hat sie angedeutet, ich hätte wohl einen Sugar-Daddy, der mir Geld zusteckt. Und zum Schluss hat sie noch bemerkt, die Falten an meinem Hals seien nicht gerade vorteilhaft und ich sollte besser kein Kleid mit Ausschnitt tragen.

Claudia ist kreidebleich geworden. Die Mappe in ihren Händen hat sie so fest zusammengedrückt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervorgetreten sind.

— Sophie, — sagte sie leise, aber jedes Wort war messerscharf. — Stimmt das?

— Sie stellt das alles völlig übertrieben dar! — kreischte die Verkäuferin. — Ich hab nur ein bisserl gescherzt! Bei uns ist die Stimmung halt locker! Ich rede immer so mit Kundinnen, und sonst fühlt sich auch niemand beleidigt!

— Ein Scherz über Pension und einen Sugar-Daddy? — Claudia presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. — Sophie, wir haben über Ihren Umgangston bereits gesprochen. In den letzten sechs Monaten haben Sie drei schriftliche Verwarnungen bekommen. So etwas ist absolut inakzeptabel.

— Na geh, bitte! — Sophie machte eine wegwerfende Handbewegung. — Sie hat das Kleid doch gekauft! Sie hat sechshundertachtzig Euro bezahlt! Also ist eh alles in Ordnung, oder?

— In Ordnung? — Ich griff in meine Handtasche, holte meinen Reisepass und den Eigentumsnachweis heraus, schlug die Unterlagen auf und legte sie vor Claudia auf den Verkaufstisch. — Bitte schauen Sie sich das genau an.

Die Geschäftsführerin nahm die Papiere. Sie öffnete den Eigentumsnachweis, las die Zeilen, und ihre Gesichtsfarbe wich noch ein Stück mehr. Erst sah sie mich an, dann wieder auf die Dokumente, dann abermals zu mir.

— Mein Gott, — flüsterte sie. — Anna. Bitte verzeihen Sie mir. Ich hab Sie nicht gleich erkannt. Sie… Sie sehen so anders aus. Ich meine, jünger… schlichter… einfach verändert.

Sophie riss die Augen auf.

— Was? Wer soll das sein?

— Das ist Anna, — sagte Claudia langsam, als müsse sie jedes Wort einzeln über die Lippen bringen. — Die Eigentümerin dieser Boutique und des gesamten Hauses. Sie hat vor einem Monat alles um hundertachtzigtausend Euro übernommen. Komplett. Das Gebäude, das Geschäft, die Ware, alles. Und du hast sie gerade „alte Dame“ genannt. Und behauptet, sie hätte einen Sugar-Daddy.

Es wurde still.

Sophie stand da, den Mund offen. Ihr Gesicht wurde zuerst weiß, dann rot, dann wieder weiß. Sie wich rückwärts bis zur Wand und hielt sich am Pult fest, als würde ihr der Boden unter den Füßen wegkippen.

— Ich… ich hab das nicht gewusst, — stammelte sie. — Ich hab ja nicht gesehen… Es tut mir leid, ich dachte…

— Sie dachten, man dürfe ältere Frauen ungestraft herablassend behandeln, — beendete ich ihren Satz. — Weil sie in Ihren Augen keinen Respekt verdienen. Weil sie angeblich kein Geld haben. Weil sie alt sind. Weil sie Ihrer Meinung nach auf den Markt gehören und nicht in eine Boutique.

— Nein! So hab ich das nicht gemeint! — Sophie griff sich mit beiden Händen an den Kopf. — Ich hab nur… ich hab nicht nachgedacht! Das war doch ein Scherz!

— Ein Scherz, — wiederholte ich ruhig. — Einen Menschen zu demütigen ist für Sie also ein Scherz. Verstehe. Claudia, wie hoch ist Sophies Gehalt?

— Sechshundertfünfzig Euro im Monat, — antwortete die Geschäftsführerin leise.

— Und wofür genau bekommt sie dieses Geld?

— Für die Betreuung der Kundinnen. Beratung, Verkauf, Abwicklung der Einkäufe.

— Und wie betreut sie die Kundinnen? Gut?

Claudia schwieg einen Moment. Dann senkte sie den Blick.

— Nein, — gab sie schließlich zu. — Wenn ich ehrlich bin: nein. Wir hatten Beschwerden. Mehrmals im letzten Jahr. Kundinnen haben gesagt, Sophie sei unhöflich, arrogant und würde sie von oben herab behandeln. Es gab auch Fälle, in denen Leute gegangen sind, ohne etwas zu kaufen, nur wegen ihres Benehmens.

— Warum haben Sie sie dann nicht schon früher entlassen?

— Ich wollte es, — seufzte Claudia. — Aber ich hatte Angst, ohne Verkäuferin dazustehen. In unserer Sparte ist es nicht leicht, eine gute und erfahrene Mitarbeiterin zu finden. Ich hab gehofft, Sophie würde sich bessern. Ich hab sie ermahnt, Gespräche geführt, ihr Chancen gegeben.

— Sie hat sich nicht gebessert, — stellte ich fest. — Dann ist es jetzt Zeit, Konsequenzen zu ziehen. Sophie, Sie sind entlassen. Mit heutigem Tag. Sie bekommen Ihre Abrechnung und können gehen.

Die Verkäuferin krallte sich an die Kante des Verkaufspults.

Hedis Stube