— Das können Sie doch nicht machen! — stieß sie hervor. — Ich bin seit drei Jahren hier! Ich hab Berufserfahrung! Ich hab Rechte!
— Doch, das kann ich, — sagte ich ruhig. — Ich bin die Eigentümerin. Und ich bin nicht verpflichtet, in meinem eigenen Geschäft Unverschämtheit und Herablassung gegenüber Kundschaft zu dulden. Claudia, bitte bereiten Sie die Entlassung vor. Wegen grober Verletzung der Dienstpflichten und wiederholter Verstöße gegen unsere Regeln im Umgang mit Kundinnen und Kunden.
— Verstanden, — Claudia nickte knapp. — Ich erledige das noch heute.
— Aber ich hab mich doch entschuldigt! — Sophie machte einen Schritt auf mich zu, ihre Stimme begann zu zittern. — Geben Sie mir bitte noch eine einzige Chance! So etwas kommt nie wieder vor, ich schwöre es!
Ich hielt ihrem Blick stand.
— Schwören hilft Ihnen jetzt nicht. Bitten auch nicht. Innerhalb von sechs Monaten haben Sie drei schriftliche Verwarnungen bekommen. Man hat Ihnen Möglichkeiten gegeben. Viele sogar. Sie haben keine davon genutzt. Stattdessen haben Sie weiter Menschen klein gemacht. Jetzt tragen Sie die Folgen Ihrer eigenen Entscheidungen.
— Ich hasse Sie! — schrie Sophie plötzlich, und in ihrer Stimme war nun keine Angst mehr, sondern blanke Wut. — Sie sind einfach eine gehässige, rachsüchtige alte Frau! Sie sind nur hergekommen, um mir eine Falle zu stellen!
Claudia trat sofort vor und fasste die Verkäuferin fest am Ellbogen.
— Sophie, jetzt ist Schluss. Sie sagen kein Wort mehr und gehen in den Nebenraum. Holen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie das Geschäft. Sofort. Die Endabrechnung überweise ich Ihnen morgen auf Ihr Konto.
Sophie riss ihren Arm los, griff nach ihrer Tasche unter dem Verkaufspult, zerrte sich das Namensschild von der Bluse und schleuderte es auf den Boden. Dann stürmte sie aus dem Verkaufsraum. Die Tür fiel mit einem solchen Knall hinter ihr zu, dass die Scheibe der Auslage leicht vibrierte.
Für einen Moment war es still. Nur das leise Summen der Beleuchtung und das ferne Rauschen der Straße waren zu hören. Ich stand mit Claudia allein im Geschäft.
— Es tut mir leid, Anna, — sagte sie schließlich leise. Ihre Stimme war nicht mehr so sicher wie zuvor. — Das geht auf meine Kappe. Ich hätte sie schon viel früher kündigen müssen. Ich habe Sie enttäuscht.
— Machen Sie sich jetzt keine Vorwürfe, — erwiderte ich. — Wichtig ist, dass es nun erledigt ist. Finden Sie rasch Ersatz?
— Ja, natürlich. Ich hätte da bereits jemanden im Kopf. Eine erfahrene Frau, zweiundvierzig, sie war mehrere Jahre in einer ähnlichen Boutique beschäftigt. Höflich, verlässlich, nicht überheblich, mit ausgezeichneten Referenzen.
— Sehr gut. Dann holen Sie sie bitte so bald wie möglich ins Team. Und noch etwas: Setzen Sie bitte eine Besprechung mit den übrigen Mitarbeiterinnen an. Erklären Sie allen unmissverständlich, dass Respekt gegenüber der Kundschaft bei uns keine schöne Floskel ist. Das ist die Grundlage dieses Geschäfts. Es spielt keine Rolle, wie alt jemand ist, wie jemand angezogen ist oder wie viel Geld in der Geldbörse steckt. Jeder Mensch, der hier hereinkommt, hat Aufmerksamkeit, Anstand und eine ordentliche Beratung verdient. Daran gibt es nichts zu rütteln.
— Ich verstehe, — sagte Claudia und nickte ernst. — Ich spreche heute nach Ladenschluss mit allen. Ganz klar und ohne Ausreden.
— Danke. Und noch etwas. — Ich zog eine Visitenkarte aus meiner Manteltasche und reichte sie ihr. — Wenn es irgendein Problem gibt, rufen Sie mich direkt an. Egal, wann. Außerdem werde ich künftig einmal pro Woche vorbeischauen. Ohne Ankündigung. Ich möchte sehen, wie es hier wirklich läuft, nicht nur, wie es ausschaut, wenn man mich erwartet.
Claudia nahm die Karte entgegen, las den Namen darauf aufmerksam und steckte sie dann in die Innentasche ihres Blazers.
— In Ordnung. Ich bleibe mit Ihnen in Kontakt. Und wegen des Kleides, Anna? Sind Sie mit dem Kauf zufrieden?
Ich musste lächeln.
— Das Kleid ist hervorragend. Schön verarbeitet, guter Stoff. Ich werde es gern tragen.
— Das freut mich. Wenn Sie noch etwas brauchen, sagen Sie einfach Bescheid.
Ich verabschiedete mich von Claudia und trat hinaus. Draußen war es bitterkalt. Ein scharfer Wind fegte durch die Straße, und der Schnee schlug mir in kleinen, harten Flocken ins Gesicht. Ich ging zu meinem Auto, sperrte auf, setzte mich hinters Lenkrad und legte das Sackerl mit dem Kleid auf den Beifahrersitz.
Dann startete ich den Motor und schaltete die Heizung ein. Einen Augenblick blieb ich sitzen, die Hände am Lenkrad, und spürte, wie die Wärme langsam in den Innenraum kroch. Aus meiner Handtasche nahm ich das Handy und schrieb Claudia eine kurze Nachricht: „Danke für die rasche Klärung. Ich erwarte Ihren Bericht zur neuen Mitarbeiterin.“ Ich drückte auf Senden und steckte das Telefon wieder weg.
Hundertachtzigtausend Euro hatte ich mir in zwanzig Jahren zusammengespart. Dieses Haus hatte ich nicht gekauft, um mich reich zu machen. Ich hatte es gekauft, um einen Ort zu besitzen, an dem man mich mit Achtung behandelt. Einen Ort, an dem niemand zuerst auf das Geburtsdatum im Ausweis schaut, bevor er entscheidet, ob ich Respekt verdiene.
Sophie hatte geglaubt, mein Alter mache mich schwach.
Sie hat sich geirrt.
Würde kann man nicht erbetteln. Man kann sie nur behaupten — und Respekt muss man sich verdienen.
