„Genau so müssen Sie es sehen“, bestätigte Katharina. „Wir sehen einander morgen.“
Der Verhandlungssaal war viel kleiner, als Anna ihn sich ausgemalt hatte. Kein feierlicher Raum, keine einschüchternde Pracht – eher ein nüchternes Amtszimmer mit Holzbänken, einem Richtertisch und dem Wappen an der Wand. Anna knetete nervös den Riemen ihrer Handtasche und bemühte sich, nicht zu Lukas hinüberzuschauen, der ihr gegenüber saß, als gehöre ihm der ganze Raum.
„Bleiben Sie ruhig“, flüsterte Katharina. „Wir haben alles in der Hand.“
„Und wenn er sich wieder irgendetwas ausdenkt? Sie kennen ihn nicht …“
„Solche Männer sehe ich zehnmal am Tag“, erwiderte die Anwältin mit einem knappen Lächeln. „Schauen Sie nur, er ist mit Tobias Markin gekommen – dem Lieblingsverteidiger wohlhabender Klienten. Aber gegen Fakten kommt auch der nicht weit.“
Da trat die Richterin ein, eine Frau mittleren Alters mit müdem Gesicht und wachem Blick.
„Wir verhandeln die Vermögensaufteilung in der Sache Sokolov“, sagte sie und überflog die Akten. „Die Stellungnahme der Gegenseite?“
Der Anwalt von Lukas erhob sich sofort.
„Mein Mandant, Lukas Sokolov, beantragt, die Ansprüche von Anna Sokolova zurückzuweisen. Sämtliches Vermögen wurde aus seinen persönlichen Mitteln angeschafft und ist auf seinen Namen eingetragen.“
Anna ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Diese Unverschämtheit raubte ihr beinahe den Atem. Vor ihrem inneren Auge tauchten die Jahre wieder auf, in denen sie jeden Euro umgedreht hatte, damit das Haus gebaut werden konnte. Sie erinnerte sich an die zusätzlichen Stunden an der Fachhochschule, an die Nachhilfe am Abend, an all das, was sie damals „für unsere gemeinsame Zukunft“ genannt hatte.
„Frau Sokolova, wie lautet Ihre Position?“, fragte die Richterin.
Katharina antwortete, bevor Anna selbst etwas sagen musste.
„Meine Mandantin widerspricht den Ausführungen entschieden. Das Vermögen ist während der Ehe entstanden. Sie hat sowohl eigenes Geld als auch erhebliche Arbeitsleistung eingebracht. Dafür liegen Beweise vor.“
Lukas schnaubte verächtlich und beugte sich zu seinem Anwalt, dem er etwas ins Ohr zischte. Tobias Markin nickte knapp.
„Welche Beweise?“, fragte die Richterin.
Katharina öffnete ihre Mappe und zog mehrere geordnete Unterlagen hervor.
„Quittungen, ausgestellt von Lukas Sokolov, über Beträge, die er von seiner Ehefrau für den Hausbau übernommen hat. Rechnungen für Baumaterialien, bezahlt von der Karte meiner Mandantin. Kontoauszüge, aus denen größere Barabhebungen während der Bauzeit hervorgehen. Außerdem Zeugenaussagen.“
„Das ist doch völliger Unsinn!“, fuhr Lukas auf. „Was für Quittungen sollen das sein? Das ist ewig her, daran erinnere ich mich nicht einmal!“
„Ruhe im Saal“, sagte die Richterin scharf. „Sie sprechen, wenn Sie gefragt werden.“
Katharina reichte die Dokumente weiter. Die Richterin nahm sie entgegen und sah sie aufmerksam durch, Blatt für Blatt.
„Der Zeuge Maximilian Sokolov wird aufgerufen.“
Maximilian trat ein. Man sah ihm an, dass ihm die Situation unangenehm war, doch er blieb stehen und schaute zur Richterin.
„Herr Sokolov, können Sie bestätigen, dass Ihre Mutter Geld in den Bau des Hauses eingebracht hat?“
„Ja“, sagte er und nickte. „Ich war damals noch klein, aber ich erinnere mich gut. Mama ist immer wieder mit Geld zur Baustelle gefahren. Sie hat gesagt: ‚Das ist mein Gehalt, damit kaufen wir Material.‘“
„Lüge!“, rief Lukas und sprang erneut auf. „Er schützt doch nur seine Mutter!“
„Herr Sokolov“, unterbrach ihn die Richterin eisig, „noch eine Bemerkung dieser Art, und ich lasse Sie aus dem Saal bringen.“
Danach wurden weitere Zeugen gehört. Die Nachbarin Hannah schilderte, wie Anna damals einen Kredit für die erste Rate des Hauses aufgenommen hatte. Eine Kollegin von der Fachhochschule erzählte, Anna habe zusätzliche Nachhilfestunden übernommen, „damit endlich die Fliesen fürs Bad bezahlt werden konnten“.
Mit jeder Aussage wurde Lukas’ Gesicht finsterer. Sein Anwalt blätterte immer hektischer in seinen Unterlagen, als könne sich irgendwo zwischen den Seiten ein rettender Satz verstecken.
Schließlich erhob sich Katharina erneut.
„Ich möchte dem Gericht noch ein weiteres Dokument vorlegen.“ Sie zog ein vergilbtes Blatt aus der Mappe. „Es handelt sich um eine Vollmacht, mit der Anna Sokolova ihrem Ehemann gestattet hat, geschäftliche Angelegenheiten der Firma abzuwickeln. Dazu kommt ein Kontoauszug, der belegt, dass das Startkapital für dieses Unternehmen von ihrem Sparkonto überwiesen wurde.“
Im Saal wurde es vollkommen still. Lukas verlor sichtbar die Farbe.
„Woher haben Sie das?“, presste er hervor.
„Aus dem Bankarchiv“, antwortete Katharina ruhig. „Dort werden Unterlagen länger aufbewahrt, als manche glauben.“
Die Richterin unterbrach die Verhandlung zur Beratung. Anna blieb reglos sitzen. Sie wagte kaum zu begreifen, dass sich alles tatsächlich zu ihren Gunsten entwickelte.
„Glauben Sie, wir gewinnen?“, flüsterte sie.
Katharina zwinkerte ihr zu.
„Wir haben praktisch schon gewonnen. Der Richterin bleibt kaum Spielraum. Das Gesetz ist auf unserer Seite.“
