„Das Haus bleibt bei mir, das Geld auch“, sagte er nebenbei — Anna steht zitternd in der Küche

So feige, so kalt, so zutiefst ungerecht.
Geschichten

Eine halbe Stunde später ist die Richterin wieder in den Saal gekommen und hat das Urteil verlesen:

„Das Gericht erkennt Anna Sokolova das Recht auf die Hälfte des während der Ehe erworbenen Vermögens zu, einschließlich des Wohnhauses, der Bankguthaben sowie des Geschäftsanteils …“

Lukas ist ruckartig aufgesprungen.

„Das ist doch unmöglich! Ich lege Berufung ein!“

„Das steht Ihnen frei“, hat die Richterin sachlich erwidert. „Die Entscheidung bleibt dennoch vorläufig wirksam.“

Sechs Monate sind vergangen.

Anna ist in ihrer eigenen Haushälfte in der Küche gesessen und hat Teig für eine Torte geknetet. Nach der Vermögensteilung war das Haus offiziell in zwei getrennte Wohneinheiten mit eigenen Eingängen umgewandelt worden. Am Anfang hat sich alles fremd angefühlt, fast unwirklich. Doch mit der Zeit hat sie sich daran gewöhnt. Lukas hat sich hier ohnehin kaum noch blicken lassen. Er wohnte ja bei Lena.

Ihr Handy hat kurz aufgepiepst. Eine neue Bestellung aus dem Kaffeehaus ums Eck: noch eine Torte für morgen. Anna musste lächeln. Wer hätte gedacht, dass aus ihrem Backen einmal ein kleines Geschäft werden würde?

Da hat es geläutet. Vor der Tür ist Maximilian gestanden, mit einem riesigen Blumenstrauß in den Armen.

„Alles Gute zum Geburtstag, Mama!“

„Ach, Maximilian!“ Sie hat ihn fest an sich gedrückt. „Danke, mein Schatz.“

„Wie geht’s dir? Ich sehe schon, du bist wieder mitten in der Arbeit.“ Er deutete auf ihre bemehlten Hände.

„Ich komme kaum nach vor lauter Bestellungen! Stell dir vor, ich bin für die nächsten zwei Wochen komplett ausgebucht.“

„Wahnsinn, Mama. Du bist wirklich stark.“ Maximilian hat sich an den Tisch gesetzt. „Und Papa lässt dich in Ruhe?“

Anna rührte die Creme in der Schüssel glatt.

„Letzte Woche war er da. Angeblich hat er sich mit Lena zerstritten.“

„Und dann?“

„Dann wollte er ernsthaft wieder bei mir landen. Kannst du dir das vorstellen?“ Sie schnaubte leise. „Er meinte: ‚Anna, warum haben wir uns eigentlich getrennt wie zwei Trottel? Fangen wir noch einmal von vorn an.‘“

„Und was hast du gesagt?“

„Ich hab ihm gesagt: ‚Lukas, dafür ist es zu spät. Ich hab mich gerade erst selbst wiedergefunden.‘“

Maximilian lachte zufrieden und stibitzte ein Stückchen Teig.

„Mama, ich bin stolz auf dich. Wirklich. Ich hätte nie gedacht, dass du dich so aufrichtest.“

„Ich auch nicht“, sagte Anna und sah zum Fenster hinaus. „Weißt du, manchmal passiert etwas Schreckliches, und erst viel später begreift man, dass es einen genau dorthin gebracht hat, wo man hingehört.“

Am Abend kamen die Gäste: Kolleginnen von der Hochschule, neue Freundinnen aus dem Backclub und Hannah von nebenan. Anna hatte im frisch renovierten Wohnzimmer aufgedeckt. Nach der Scheidung hatte sie alles verändert: helle Tapeten statt der düsteren, luftige Möbel statt der schweren Kästen. Lukas hatte immer diese dunklen Vorhänge und wuchtigen Möbelstücke geliebt. Sie aber wollte Licht. Platz. Luft zum Atmen.

„Auf das Geburtstagskind!“ Hannah hob ihr Glas. „Auf unsere Heldin!“

„Ach geh, was für eine Heldin soll ich denn sein …“ Anna wurde verlegen.

„Doch, genau das bist du“, fiel Julia von der Hochschule ein. „So viele Frauen halten alles aus und trauen sich nicht, etwas zu ändern. Du hast es getan.“

Als später alle gegangen waren, setzte sich Anna mit einer Tasse Tee auf das Sofa. Da läutete es noch einmal. Vor der Tür stand Lukas, in der Hand eine Schachtel Pralinen.

„Alles Gute“, murmelte er.

„Danke.“ Sie machte keine Anstalten, ihn hereinzubitten.

„Können wir reden?“

„Worüber?“

„Du fehlst mir, Anna.“

Sie betrachtete ihn aufmerksam. Er wirkte älter, schmäler, irgendwie verbraucht. Nur seine Augen waren gleich geblieben: wachsam, listig und rechnend.

„Und Lena?“

„Aus. Wir haben uns getrennt. Sie ist … nicht die Richtige.“

„Aber ich war es?“ Anna lächelte ruhig. „Lukas, es ist vorbei. Ich habe jetzt mein eigenes Leben.“

„Was für ein Leben soll das sein? Du bäckst Torten?“ Er verzog den Mund.

„Ja, auch Torten. Und ich habe neue Freundschaften. Ich singe im Chor. Und überhaupt … mir geht’s gut.“

„Ohne mich?“

„Stell dir vor“, sagte sie sanft. „Zweiunddreißig Jahre lang habe ich für dich gelebt. Jetzt möchte ich endlich für mich leben.“

Lukas hielt ihr wortlos die Pralinenschachtel hin, drehte sich um und ging.

Anna schloss die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und atmete tief aus.

„Ich hab’s geschafft“, flüsterte sie. „Ich hab’s wirklich geschafft.“

Am nächsten Morgen wurde sie vom Läuten des Handys geweckt. Eine neue Anfrage: eine Hochzeitstorte für dreißig Personen.

„Wäre sie bis Samstag fertig?“, fragte eine junge Frauenstimme.

„Sie wird fertig sein“, antwortete Anna ohne Zögern. „Ab jetzt traue ich mir alles zu.“

Sie öffnete das Fenster. Frühlingslicht strömte ins Zimmer und legte sich warm über den Boden. So vieles wartete noch auf sie: ein Konditorkurs, eine Reise ans Meer mit den Freundinnen, und bald würde sie ihr Enkelkind kennenlernen, auf das Maximilian sich schon so freute.

Anna blickte lächelnd in den Himmel.

„Wer hätte gedacht“, sagte sie leise, „dass das Leben mit fünfundfünfzig erst so richtig anfängt.“

Hedis Stube