„Ich sag doch: Hochzeit! Bei uns daheim! In einem Monat!“ — Anna klappte den Laptop zu und sagte ruhig Servus

Diese aufgedrängte Freude fühlt sich beängstigend falsch an.
Geschichten

— Bist du taub geworden, oder was?! Ich sag doch: Hochzeit! Bei uns daheim! In einem Monat! — Lukas stand noch in der Jacke in der Wohnzimmertür, Sackerl in beiden Händen, und schaute seine Frau an, als hätte er ihr gerade etwas völlig Selbstverständliches mitgeteilt. — Sophie heiratet, und wir helfen ihr dabei. Aus. Punkt.

Anna hob den Blick nicht sofort vom Laptop. Sie saß mit angezogenen Beinen auf dem Sofa; ihr Finger schwebte in genau diesem Augenblick über der Schaltfläche „Senden“. Der Mietvertrag für die neue Wohnung in der Flussgasse war ausgefüllt, elektronisch unterschrieben und wartete nur noch auf eine einzige Bewegung.

Eine. Einzige.

Sie klappte den Laptop zu.

— Servus, — sagte sie ruhig.

Lukas ging in die Küche, die Sackerl krachten auf den Tisch, Gläser klirrten. Kurz darauf kam er ohne Jacke zurück und rieb sich die Hände, als hätte er soeben ein weltbewegendes Problem gelöst.

— Also? Hast du gehört, was ich gesagt hab?

— Gehört hab ich’s, — Anna stellte den Laptop sorgfältig auf den Couchtisch. — Erzähl genauer.

Sophie, Lukas’ jüngere Schwester, gehörte zu jener Sorte Mensch, die einen Raum betritt und ihn sofort enger macht. Achtundzwanzig Jahre alt, eine Stimme wie eine Nachrichtensprecherin, ein Blick mit leichtem Zusammenkneifen der Augen. Sie bat nie um etwas — sie verkündete. Und aus irgendeinem Grund stimmten alle zu. Sogar Anna, die diese Familie in sieben Ehejahren auswendig gelernt hatte: jede Gewohnheit, jeden Unterton, jedes Schweigen.

Der Bräutigam, ein gewisser Maximilian, war vor acht Monaten in Sophies Leben aufgetaucht. Bei einem Familienessen im Februar hatte er still dagesessen, kaum etwas gegessen, dafür aber die Wohnung mit auffälliger Genauigkeit gemustert. Damals hatte Anna das für Schüchternheit gehalten. Später war ihr gekommen: Vielleicht war es das gar nicht.

— Sie wollen nur eine kleine Feier, — erklärte Lukas und lief im Wohnzimmer auf und ab. — So vierzig Leute. Restaurant ist teuer, einen Saal mieten auch. Unsere Wohnung ist groß genug, man kann Tische aufstellen, Musik einschalten …

— Vierzig Leute, — wiederholte Anna.

— Na ja, vielleicht ein bissl mehr. Sophie hat gesagt: ungefähr.

— Und wie viel ist „ungefähr“?

Lukas blieb stehen.

— Anna, bitte. Es ist meine Schwester. Einmal im Leben.

Anna sah ihn an. Dann zum Laptop. Dann wieder zu ihm.

In ihr sagte etwas ganz leise, aber glasklar: Da ist es.

Am nächsten Tag kam Sophie persönlich vorbei — ohne vorher anzurufen, wie immer, als wäre eine fremde Wohnung ein Durchhaus. In den Händen hielt sie eine Mappe voller Ausdrucke. Anna öffnete die Tür und sah diese Mappe noch vor Sophies Gesicht.

— Ich hab schon alles durchgeplant, — sagte Sophie statt einer Begrüßung und marschierte ins Wohnzimmer.

Maximilian blieb im Türrahmen stehen. Er lächelte Anna an — höflich, fast zu höflich, mit einem Lächeln, das man sich überzieht wie einen Mantel: warm, aber nicht der eigene.

— Kommt rein, — sagte Anna.

Sie setzten sich an den Tisch. Sophie schlug die Mappe auf. Darin lagen Pinterest-Ausdrucke, Speiselisten, Skizzen zur Tischordnung — alles zugeschnitten auf eine Wohnung, in der sie selbst nicht lebte.

— Da, — sie tippte mit dem Finger auf den Plan, — kommt das Sofa weg, und hier stellen wir drei Tische für je sechs Personen hin. Dort drüben machen wir eine Bar, die kann man mieten. Das ist die Catering-Liste, ich hab die Firma schon ausgesucht, die bringen auch Geschirr mit …

Anna hörte zu. Nickte. Fragte ab und zu etwas nach — ruhig, beinahe freundlich. Und je länger sie zuhörte, desto deutlicher begriff sie: Sie kam in all dem gar nicht vor. Nicht in diesen Plänen, nicht in diesen Skizzen, nicht in dieser Mappe. Es gab eine Wohnung. Es gab Quadratmeter. Es gab Steckdosen für Lichterketten.

Maximilian sagte fast die ganze Zeit kein Wort. Er saß da, schaute auf sein Handy und hob nur gelegentlich den Kopf, um knapp zu nicken — als bestätigte er: Ja, genau so wird das gemacht.

— Und das Budget? — fragte Anna schließlich.

Sophie blinzelte.

— Na ja … Lukas und ich haben ausgemacht, dass wir die Kosten halbieren.

— Lukas hat mit mir nichts ausgemacht, — sagte Anna, sehr gleichmäßig.

Die Pause dauerte nur einen Moment. Sophie warf Maximilian einen schnellen, kaum sichtbaren Blick zu. Anna bemerkte ihn trotzdem.

— Es geht doch um Familie, — sagte Sophie in einem Ton, als würde dieses eine Wort jede weitere Frage erledigen.

Am Abend klappte Anna den Laptop wieder auf.

Der Vertrag wartete noch immer. Die Wohnung in der Flussgasse: zwei helle Zimmer im vierten Stock, Blick auf einen Park, hohe Decken und Nachbarn, die sie noch nicht kannte. Drei Monate lang hatte sie danach gesucht. Lukas hatte sie nichts davon erzählt — nicht, weil sie etwas verheimlichen wollte, sondern weil sie selbst noch nicht entschieden hatte. Sie hatte noch gedacht: Vielleicht wird es wieder besser. Vielleicht übertreibe ich.

Jetzt dachte sie das nicht mehr.

Ihr Finger legte sich aufs Touchpad.

Genau da hörte sie aus dem Vorzimmer Lukas’ Stimme. Er telefonierte. Er lachte. Mit irgendeinem Freund redete er über die Hochzeit — heiter, leicht, als wäre das wirklich ein Fest und nicht fremde Arbeit, die jemand in ein fremdes Leben hineingeworfen hatte.

Anna zog den Finger zurück.

Sie klappte den Laptop zu.

Dann stand sie auf, ging in die Küche und schenkte sich Wasser ein. Am Fenster blieb sie stehen. Unten schob eine Frau einen Kinderwagen vorbei, zwei Jugendliche rollten auf Scootern die Straße entlang, und auf dem Sims des Nachbarhauses saß eine Taube mit einem Ausdruck, als würde auch sie über alles nachdenken.

Hedis Stube