Ein Monat, dachte Anna. Einen Monat habe ich.
Sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Maximilian Schulden hatte. Ebenso wenig ahnte sie, dass die Cateringfirma aus Sophies Mappe dem Cousin von Maximilian gehörte. Und dass „ungefähr vierzig Gäste“ in Wahrheit zweiundsechzig bedeutete.
Aber sie würde es erfahren. Und zwar bald.
Angefangen hat alles mit einer Tabelle.
Sophie schickte sie am Sonntagmorgen um 7.45 Uhr, zu einer Zeit, in der normale Menschen noch schlafen. Die Datei hieß „Hochzeitsbudget“, und darin war alles fein säuberlich aufgelistet: Blumen, Catering, Leihgebühren für Ausstattung, Dekoration, Fotograf. Ganz unten stand die Gesamtsumme: 3.800 €. Daneben, in der nächsten Spalte, war bereits eine Aufteilung eingetragen: „Lukas und Anna – 50 %“.
1.900 €.
Anna saß in der Küche, das Handy in der Hand, und starrte auf den Bildschirm. Neben ihr dampfte der Kaffee. Hinter der Wand schlief Lukas noch. Sie trank aus, stellte das Häferl in die Abwasch, ging ins Schlafzimmer zurück und zog sich leise an, sorgfältig, ohne unnötiges Geräusch. Dann verließ sie die Wohnung.
Sie brauchte Stille. Keine Stimmen. Niemanden, der ihr schon wieder erklärte, was „Familie“ angeblich bedeutete.
Zu Fuß ging sie hinunter zur Donau. Es waren kaum Leute unterwegs, nur ein paar Läufer und ein Pensionist mit seinem Hund. Anna ging langsam, den Blick aufs Wasser gerichtet. An das Geld dachte sie dabei gar nicht zuerst. Geld war nur das sichtbare Ende von etwas, das schon viel länger lief. Seit sieben Jahren funktionierte es genau so: erst eine kleine Bitte, dann eine etwas größere, dann wurde daraus eine Selbstverständlichkeit. Und irgendwann kam in dieser ganzen Geschichte Anna selbst nicht mehr als Mensch vor, sondern nur noch als Möglichkeit.
Als ruhige, praktische, verlässliche Ressource.
Gegen zehn war sie wieder daheim. Lukas saß bereits in der Küche, trank Tee und wischte mit dem Daumen über sein Handy.
„Hast du die Tabelle gesehen?“, fragte er, ohne aufzuschauen.
„Ja.“
„Und? Sophie hat das echt gut gemacht. Alles ordentlich aufgeschlüsselt.“
„Sehr ausführlich“, sagte Anna. Sie schenkte sich ein Glas Wasser ein und setzte sich ihm gegenüber. „Lukas, wir zahlen keine 1.900 €.“
Jetzt hob er den Kopf. Sein Blick war, als hätte sie in einer Sprache gesprochen, die er nicht verstand.
„Es ist ihre Hochzeit. So etwas macht man einmal im Leben.“
„Den Satz mit dem einen Mal hast du schon gebracht. Jetzt hörst du mir bitte zu.“ Anna legte die Hände ruhig auf den Tisch. Keine große Geste, kein Drama. „Ich bin nicht die Geldgeberin für eine Feier, die andere planen. Wenn du deiner Schwester etwas schenken willst, dann bitte aus deinem eigenen Anteil. Aber nicht aus unserem gemeinsamen Budget.“
Lukas schwieg eine Weile. Dann sagte er langsam, mit diesem Druck in der Stimme, den er verwendete, wenn er glaubte, vernünftig zu klingen:
„Ist dir klar, wie das ausschaut? Was sollen die Leute sagen?“
„Welche Leute, Lukas?“
Darauf gab er keine Antwort. Er stand auf und ging ins Vorzimmer. Eine Minute später hörte sie seine gedämpfte Stimme am Telefon. Er rief Sophie an.
Sophie kam nach dem Mittagessen. Diesmal ohne Mappe, dafür mit einem Gesicht, als sei sie zu einer entscheidenden Verhandlung erschienen. Maximilian blieb wieder im Vorzimmer stehen, sah auf sein Handy und tat so, als wäre er eigentlich gar nicht anwesend.
„Anna“, begann Sophie, während sie sich aufs Sofa setzte, mit der Haltung eines Menschen, der seine Rede schon daheim geübt hat, „ich weiß, dass die Summe hoch wirkt. Aber schau es dir bitte an: Das ist wirklich das Minimum. Wir haben eh schon überall gekürzt.“
„Ich habe die Tabelle gesehen“, sagte Anna.
„Dann weißt du auch, dass es billiger nicht geht. Beim Catering sind wir praktisch schon einig, der Fotograf ist auch fast fix und—“
„Sophie, warte kurz.“ Anna unterbrach sie freundlich, aber so bestimmt, dass Sophie verstummte. „Ich möchte etwas klären. Die Cateringfirma heißt ‚Geschmack & Format‘, richtig?“
Sophie spannte sich kaum merklich an.
„Ähm … ja.“
„Der Inhaber ist Felix Kornev. Der Cousin von Maximilian. Stimmt das?“
Die Pause zog sich in die Länge. Im Vorzimmer hörte Maximilian auf, auf sein Handy zu schauen.
„Woher hast du …“, setzte Sophie an.
„Ich habe nachgefragt“, sagte Anna schlicht. „Bevor ich 1.900 € ausgebe, möchte ich wissen, wohin das Geld geht. Das ist eine ganz normale Vorgangsweise. Und noch etwas: Ich habe Preise verglichen. Ein vergleichbares Catering für sechzig Personen kostet bei drei anderen Anbietern ungefähr die Hälfte.“
„Wir haben uns für diese entschieden, weil wir ihnen vertrauen“, sagte Sophie, und in ihrer Stimme lag nun etwas Scharfes.
„Das verstehe ich. Ich vertraue ihnen aber nicht.“ Anna stand auf, ging zum Fenster und drehte sich wieder um. „Ich bin bereit, bei der Organisation zu helfen. Ich kann Zeit investieren, Telefonate übernehmen, Abläufe koordinieren. Aber Geld gebe ich dafür nicht. Keine 1.900 €, keine 900 €, keine 500 €. Dass die Hochzeit in unserer Wohnung stattfinden soll, ist bereits ein Geschenk, falls ihr das vergessen habt.“
Sophie sah zu ihrem Bruder. Lukas starrte auf die Tischplatte.
„Lukas“, sagte sie.
Er blieb stumm.
„Lukas, jetzt sag doch auch etwas.“
„Anna, vielleicht wenigstens einen Teil …“, begann er, ohne seine Frau anzusehen.
„Nein“, sagte Anna.
Nur dieses eine Wort. Nicht laut, nicht wütend, ohne jede Schärfe. Es klang einfach wie eine Tür, die ins Schloss gefallen war.
Zwanzig Minuten später fuhr Sophie wieder. Sie zog wortlos ihren Mantel an, nickte Lukas zu und ging an Anna vorbei, ohne sie anzusehen. Maximilian folgte ihr, genauso still wie zuvor, das Handy wieder in der Hand. Erst an der Tür drehte er sich noch einmal um und musterte Anna lange, aufmerksam, abschätzend, als würde er sie erst in diesem Moment wirklich wahrnehmen.
Es war ein unangenehmer Blick. Ein prüfender.
Anna schloss die Tür.
Lukas blieb im Vorzimmer stehen, mit dem Ausdruck eines Menschen, bei dem etwas nicht nach Plan gelaufen war und der offenbar noch nicht wusste, ob er jetzt zornig werden oder lieber schweigen sollte.
