„Ich sag doch: Hochzeit! Bei uns daheim! In einem Monat!“ — Anna klappte den Laptop zu und sagte ruhig Servus

Diese aufgedrängte Freude fühlt sich beängstigend falsch an.
Geschichten

— Du hättest wenigstens ein bisserl … — setzte er an.

— Lukas, — fiel Anna ihm ins Wort. — Ich möchte dir etwas sagen. Ruhig, ohne Streit. Ich habe nichts gegen die Hochzeit. Und ich bin auch nicht grundsätzlich dagegen, zu helfen. Aber das, was du und Sophie euch da überlegt habt, war keine Bitte um Unterstützung. Das war etwas anderes.

Er sagte nichts darauf. Stattdessen ging er in die Küche, wo kurz darauf der Wasserkocher schepperte.

Anna kehrte ins Wohnzimmer zurück und klappte den Laptop auf. Der Mietvertrag wartete noch immer auf ihre Entscheidung. Die Wohnung in der Flussgasse. Vierter Stock. Blick ins Grüne.

Sie starrte auf den Bildschirm, doch ihre Gedanken hingen an Maximilians letztem Blick, dort an der Tür. Irgendetwas daran hatte nicht gepasst. Es war keine Wut gewesen, auch keine Kränkung. Eher etwas Kälteres.

Dieser Mann weiß etwas, dachte sie. Oder er hat etwas vor.

Ihr Finger schwebte über dem Touchpad.

Und wieder drückte sie nicht.

Denn plötzlich stand eine andere Frage im Raum: Warum hatte Maximilian die ganze Zeit über überhaupt geschwiegen? Klug war er, aufmerksam auch, ganz sicher nicht schüchtern — und trotzdem hatte er kein einziges Wort gesagt. Er hatte nur geschaut, zugehört, sich alles gemerkt.

Wozu?

Die Antwort kam unerwartet. Und aus einer Richtung, mit der Anna nicht gerechnet hatte.

Drei Tage nach Sophies Besuch erhielt sie eine Nachricht von einer Frau, deren Namen sie nicht kannte. Kurz, sachlich, ohne Einleitung: „Sind Sie die Frau von Lukas Sokolov? Ich muss mit Ihnen reden. Es ist wichtig.“

Anna las die Zeilen mehrmals. Dann tippte sie zurück: „Ich höre.“

Sie trafen einander in einem kleinen Kaffeehaus in der Josefstädter Straße. Holztafeln, enge Tische, der Duft von Kardamom in der Luft. Die Frau hieß Hannah. Zweiunddreißig, leise Stimme, die Hände ordentlich vor sich auf der Tischplatte gefaltet, als säße sie bei einer Prüfung. Sie arbeitete in der Buchhaltung jener Firma, in der Maximilian als kaufmännischer Leiter geführt wurde. Und sie wusste etwas, das Anna hellhörig machte.

Maximilian hatte nicht bloß eine Location für die Hochzeit gesucht. Er suchte Menschen, über die sich ein paar Scheingeschäfte abwickeln ließen — auf dem Papier hätte alles ausgesehen wie Zahlungen für Catering, Technik und gemietete Ausstattung. Das Geld wäre zuerst an die Firma seines Bruders geflossen und von dort weitergeleitet worden. Ein schlichtes Modell, beinahe unsichtbar, solange niemand genauer hinschaute. Was man dafür brauchte, waren gutgläubige Verwandte mit Geld und einer Wohnung im Hintergrund.

Hannah erzählte ohne großes Drama, ruhig und nüchtern, und sah zwischendurch immer wieder auf ihr Handy, als wolle sie Daten und Formulierungen kontrollieren. Anna hörte ihr zu und trank ihren Kaffee. In ihr stieg weder Panik auf noch wirkliche Überraschung. Da war nur dieses seltsame Gefühl, wenn man lange gespürt hat, dass etwas nicht stimmt, und dann endlich den Beweis dafür bekommt.

— Warum erzählen Sie ausgerechnet mir das? — fragte Anna.

Hannah schwieg einen Moment.

— Weil er vor einem Jahr mit meiner Schwester dasselbe gemacht hat. Sie hat ungefähr zweitausend Euro verloren und ist ein halbes Jahr kaum mehr aus der Wohnung gegangen.

Anna kam erst am Abend heim. Lukas saß auf dem Sofa und schaute fern — entspannt, vertraut, ganz so, als wäre alles wie immer. Sie zog die Schuhe aus, hängte ihre Jacke auf, ging ins Wohnzimmer und setzte sich ihm gegenüber in den Sessel.

— Lukas, hast du von Maximilians Masche gewusst?

Er antwortete nicht gleich. Zuerst griff er zur Fernbedienung und drehte den Ton leiser. Dann sah er sie an — und in diesem Blick las Anna alles. Keine Schuld. Keine Angst. Eher müde Gereiztheit, wie bei jemandem, den man bei einer Lappalie ertappt hatte.

— Anna, du spinnst dir schon wieder etwas zusammen.

— Nein, — sagte sie. — Ich habe jemanden getroffen, der die Einzelheiten kennt. Unterlagen, Beträge, den Ablauf. Das ist keine Einbildung.

Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab.

— Maximilian ist ein ganz normaler Kerl. Sophie liebt ihn. Du hast meine Familie ja nie wirklich akzeptiert …

— Lukas. — Sie sprach seinen Namen leise aus, und trotzdem verstummte er. — Ich werde jetzt nicht diskutieren. Ich sage es dir nur geradeheraus: Ich reiche die Scheidung ein.

Aus der Ecke murmelte der Fernseher weiter. Draußen hupte ein Auto. Das Leben lief unbeirrt weiter, völlig gleichgültig gegenüber dem, was in diesem Wohnzimmer gerade zerbrochen war.

Lukas schwieg lange. Dann fragte er:

— Wegen der Hochzeit?

— Nein, — antwortete Anna. — Die Hochzeit war nur das Letzte, was ich noch sehen musste.

Die Scheidung zog sich über vier Monate. Nicht laut, nicht schmutzig, nicht mit großen Szenen — einfach nur zäh. Anwalt, Unterlagen, Vermögensaufteilung, Unterschriften. Mehrmals versuchte Lukas, ein Gespräch anzufangen, etwas zu erklären, alles noch einmal umzudrehen. Doch jedes Mal prallte er an jener stillen, undurchdringlichen Wand ab, die Anna bereits an jenem Tag im Kaffeehaus in der Josefstädter Straße in sich hochgezogen hatte.

Sophie heiratete Maximilian schließlich doch — leise, im kleinen Kreis, ohne rauschendes Fest und ohne fremdes Geld. Ob der Plan geplatzt war oder Maximilian nur beschlossen hatte, kein Risiko einzugehen, erfuhr Anna nie. Sie hörte es zufällig von einer gemeinsamen Bekannten und spürte dabei fast nichts. Nur eine leichte, beinahe körperliche Erleichterung.

Die Wohnung in der Flussgasse mietete sie im Juni.

Der Umzug war an einem einzigen Tag erledigt. Es stellte sich heraus, dass sie überraschend wenig besaß — oder vielleicht hatte sie einfach nur das mitgenommen, was wirklich ihres war. Ein paar Kartons, zwei Koffer, ihre Lieblingsdecke, die Lukas und sie irgendwann auf einem Markt in Wien gekauft hatten. Die Decke nahm sie mit. Die Erinnerung an diesen Markt nicht; die blieb irgendwo dort zurück, in der alten Wohnung, gemeinsam mit dem Sofa und sieben Jahren.

Die neue Wohnung empfing sie mit Stille und dem Geruch frischer Farbe. Vierter Stock, hohe Räume, Blick auf den Park — genau so, wie sie sie sich vorgestellt hatte.

Hedis Stube