Anna stellte die Kartons an die Wand, machte das Fenster weit auf und blieb eine ganze Weile davor stehen. Unten auf den Wegen spazierten Leute mit ihren Hunden, Kinder traten in die Pedale ihrer Fahrräder, und dieses ganz gewöhnliche, unspektakuläre Leben breitete sich mit einer Ruhe aus, als wäre es eigens für sie so hingestellt worden.
Dann holte sie die Kaffeemaschine aus einem der Kartons. Es war das Erste, das sie auspackte. Sie kochte sich Kaffee, setzte sich auf das Fensterbrett und zog die Decke um die Schultern.
Es war still. Angenehm. Fast auf eine ungewohnte Art angenehm.
Anna arbeitete in einem kleinen Verlag als Lektorin. Ihre Arbeit hatte sie immer gemocht, ernsthaft und von Herzen, aber in den letzten Jahren hatte sie sie irgendwie an den Rand ihres Lebens geschoben, als dürfte sie für sich selbst nicht zu viel Platz beanspruchen. Jetzt war dieser Platz plötzlich da — und sie merkte, wie rasch er sich mit Dingen füllte, die wirklich zu ihr gehörten.
Sie nahm ein Projekt wieder auf, das seit zwei Jahren liegen geblieben war: das Lektorat eines Manuskripts einer jungen Autorin aus Graz. Der Text war lebendig, nervös, an manchen Stellen noch roh, aber darunter schlug etwas Echtes, etwas Unverstelltes. Anna arbeitete abends daran, mit Kaffee neben sich und offenem Fenster, und zum ersten Mal seit langer Zeit schaute sie nicht dauernd auf die Uhr.
Im August fuhr sie mit ihrer Kollegin Lena für ein Wochenende nach Salzburg. Einfach so, ohne besonderen Anlass. Am Freitagabend setzten sie sich ins Auto und fuhren los. Helle Kirchen, alte Holzzäune, Erdbeeren am Markt, ein lächerlich selbstbewusster Hotelkater, der sich auf fremde Koffer legte und dort schlief, als gehörten sie ihm. Anna lachte dort so leicht, wie sie, glaube sie selbst, seit Jahren nicht mehr gelacht hatte.
„Du bist anders geworden“, sagte Lena beim Abendessen und betrachtete sie mit einer leisen Verwunderung.
„Anders wie?“
„Ich weiß nicht. Echter irgendwie“, meinte Lena und zuckte mit den Schultern. „Früher warst du immer so ein bissl angespannt. Als würdest du Wache halten.“
Anna dachte darüber nach. Ja, vermutlich stimmte das. Wenn man lange genug darauf wartet, dass die nächste Gemeinheit aus der Familie eines anderen Menschen kommt, bleibt man irgendwann dauernd in Bereitschaft. Das wird zur Gewohnheit. Und es verschwindet nur langsam.
Im Herbst begegnete sie Lukas zufällig wieder — im Supermarkt, direkt bei der Kassa. Er sah in Ordnung aus, ein wenig schmäler als früher, und hielt ein Sackerl mit Nudeln und ein Glas Paradeismark in der Hand. Sie grüßten einander. Drei Minuten redeten sie vielleicht, über nichts Besonderes: über das Wetter, darüber, dass es in diesem Geschäft recht guten Fisch gab. Dann gingen sie auseinander, höflich, ohne Bitterkeit.
Auf dem Weg zum Auto dachte sie: Das war es also. Sieben Jahre, eine Scheidung, ein Treffen bei der Kassa, drei Minuten belangloses Gespräch. Da war kein Schmerz mehr und auch keine Wut. Nur etwas, das sich anfühlte wie ein stiller Abschied von einem Menschen, den sie einmal geliebt hatte und der nun in einer anderen Zeit zurückgeblieben war.
Daheim stellte sie Wasser auf den Herd, nahm Gemüse aus dem Kühlschrank und machte Musik an. Draußen wurde es dunkel, eine Laterne nach der anderen begann zu leuchten, und die Wohnung füllte sich mit warmem Licht.
Anna schnitt Paprika, rührte im Topf und sah zwischendurch zum Fenster hinaus. Sie dachte an das Manuskript, an die Fahrt nach Salzburg und daran, dass sie sich nächste Woche endlich für einen Keramikkurs anmelden wollte. Sie hatte es schon so lange vorgehabt und immer wieder verschoben.
Jetzt verschob sie nichts mehr.
Das Leben war nicht irgendwo weit weg gewesen. Es hatte die ganze Zeit ganz in der Nähe gewartet. Man musste nur endlich die Tür aufmachen.
Den Mietvertrag für die Wohnung verlängerte sie schließlich doch — gleich um ein Jahr, ohne Zögern, mit einer einzigen Bewegung am Handy. Genau so, wie es von Anfang an hätte sein sollen.
Hannah, jene Frau aus dem Kaffeehaus in der Mariahilfer Straße, wurde unerwartet zu einem vertrauten Menschen. Zuerst schrieben sie einander nur ab und zu, dann immer öfter, und eines Tages gingen sie gemeinsam in eine Ausstellung moderner Keramik. Dort redeten sie drei Stunden lang und vergaßen dabei fast völlig, sich die ausgestellten Stücke überhaupt anzuschauen. Seltsam, wie das Leben Menschen manchmal zusammenführt: durch die Niedertracht anderer, durch einen Schmerz, den jede für sich getragen hat — und plötzlich steht da jemand neben einem.
Maximilian, wie sich später herausstellte, geriet tatsächlich ins Blickfeld der Ermittler. Nicht wegen der Geschichte mit Sophie; dort waren die Spuren offenbar zu ordentlich verwischt worden. Es ging um eine andere Sache, eine ältere. Anna erfuhr es im November von Hannah, bei Tee, und spürte keinen Triumph. Nur ein ruhiges: Na gut. Dann eben so.
Sophie rief ein einziges Mal an. Zuerst schwieg sie ungefähr zehn Sekunden lang, dann sagte sie: „Du hattest recht.“ Mehr nicht. Anna antwortete knapp, ohne Nachsatz, ohne Vorwurf: „Ich weiß. Pass auf dich auf.“ Dann legte sie auf und blieb noch lange sitzen, den Blick zum Fenster gerichtet.
Sie wollte niemanden fertig machen. Es war auch nicht nötig.
Der Dezember kam leise, mit frostiger Luft, frühen Dämmerungen und dem Duft von Mandarinen in jedem Geschäft. Anna schmückte ihre Wohnung allein und ohne Eile: eine Lichterkette am Fenster, ein Tannenzweig in einer Vase, ihr liebstes Häferl mit Rentieren darauf, das sie noch aus der Studienzeit aufgehoben hatte.
Silvester verbrachte sie mit Lena und Hannah — zu dritt, mit gutem Wein, komischen Trinksprüchen und einem Balkon, von dem aus man die Feuerwerke der anderen über der Stadt sehen konnte.
Als Mitternacht schlug, stand Anna am Fenster und schaute in die Lichter hinaus. Sie dachte daran, dass sie vor einem Jahr um dieselbe Zeit auf einem Sofa gesessen war, in einem Leben, das ihr jetzt fast fremd vorkam — und nicht gewusst hatte, dass sie auch so sein konnte: leicht, ohne Angst, ganz bei sich.
Jetzt wusste sie es.
Sie hob ihr Glas. Vor dem Fenster zerplatzte das nächste Feuerwerk am Himmel — hell, kurz, wunderschön.
Das war es also, dachte sie. Und zugleich: Das ist der Anfang.
