„Er ist mein Mann, er ist der Mann in dieser Ehe, also hat er für mich da zu sein und nicht umgekehrt!“ sagte Anna empört

Diese aufdringliche Fürsorge wirkt schmerzhaft und bedrohlich.
Geschichten

Lukas stand mit offenem Mund da. Seine eben noch prophetische Haltung ist in einem einzigen Augenblick in sich zusammengesackt und hat nur noch an die unbeholfene Pose eines ertappten Halbwüchsigen erinnert. Elisabeths Gesicht ist dunkelrot angelaufen, sie presste stoßweise die Luft aus der Brust. Sie wollte etwas sagen, vielleicht schreien, doch Anna gab ihr nicht die geringste Möglichkeit dazu.

Anna stritt nicht mehr. Sie erklärte nichts mehr. In ihr war etwas Endgültiges passiert, etwas, das sich nicht mehr zurückdrehen ließ. Als wäre eine Sicherung durchgebrannt — jene, die bisher für Geduld, Anstand und die letzte armselige Hoffnung zuständig gewesen war. Wortlos drehte sie sich um und verließ die Küche. Ihre Schritte waren fest, ruhig, beinahe abgezählt. Kein hektisches Fuchteln, keine Tränen, keine Hysterie. Lukas und Elisabeth wechselten einen Blick. In ihren Augen lag Ratlosigkeit, vermischt mit einer dunklen Vorahnung.

Nach kaum einer Minute kam Anna zurück.

Über dem Arm zog sie einen großen, dunkelblauen Rollkoffer hinter sich her — jenen Koffer, mit dem sie damals auf Hochzeitsreise gefahren waren. Ohne ein Wort stellte sie ihn mit einem dumpfen Schlag vor die Tür, genau zwischen den Tisch und die beiden wie angewurzelt dastehenden Menschen.

Dann beugte sie sich hinunter, ohne sie auch nur anzuschauen. Die Schlösser sprangen mit einem trockenen Klicken auf. Mit einer einzigen Bewegung klappte sie den Deckel hoch. Das leere Innere des Koffers gähnte ihnen entgegen wie ein schwarzes Loch — deutlich genug, unmissverständlich, fast schon feierlich in seiner Grausamkeit.

„Anna … was tust du da?“, brachte Lukas schließlich hervor, als hätte er seine Stimme erst mühsam wiederfinden müssen.

Sie reagierte nicht. Sie ging zum hohen Kasten an der Wand, in dem seine Jacken und Mäntel hingen. Als Erstes flog der teure Kaschmirmantel in den Koffer — jener, den Anna ihm zu seinem letzten Geburtstag gekauft hatte.

„Das hier“, sagte sie mit gleichmäßiger, metallisch kalter Stimme, ohne den Mantel eines Blickes zu würdigen, „ist für deine Selbstsuche in der grauslichen Wirklichkeit. Es hilft sicher ungemein, sich auf erhabene Gedanken zu konzentrieren, wenn man dabei nicht erfriert.“

Danach riss sie eine Kommodenlade auf und nahm einen Stapel frisch gebügelter Hemden heraus. Eines nach dem anderen landete im Koffer, zerdrückt, achtlos hineingeworfen.

„Und die da sind für Vorstellungsgespräche. Für die Stelle als Genie, Messias oder spiritueller Lebensführer. Gut, bei solchen Positionen gibt es wahrscheinlich keinen Dresscode. Aber schaden kann es ja nicht. Der Seriosität wegen.“

Lukas sah diesem Vorgang mit wachsendem Entsetzen zu. Das war kein schlichtes Packen.

Das war eine öffentliche Hinrichtung.

Die systematische Demontage seiner Rolle, seiner Legende, seines ganzen sorgfältig aufgebauten Bildes. Jedes Stück, jedes einzelne Ding, das einmal zu ihrem gemeinsamen Leben gehört hatte, wurde von Anna von jeder Bedeutung befreit. Übrig blieb nur der blanke Nutzen.

„Genug! Anna, hör sofort auf!“, stieß er hervor und wollte nach ihrer Hand greifen.

Sie riss sich los, als hätte sie etwas Schmutziges berührt.

Dann trat Anna zum Regal, in dem Lukas’ Bücher standen: Selbstfindung, Philosophie, Sinnsuche, große Worte über Berufung und inneres Wachstum. Mit einer knappen Bewegung fegte sie den ganzen Stapel in ihre Arme und warf ihn oben auf die Hemden.

„Und das hier ist die geistige Nahrung. Davon wirst du unterwegs reichlich brauchen. Viel mehr als von der körperlichen. Denn für die körperliche Versorgung ist ja, wie wir soeben gelernt haben, offenbar jemand anderer zuständig.“

Elisabeth, die sich endlich aus ihrer Erstarrung gelöst hatte, stürzte auf sie zu.

„Bist du völlig wahnsinnig geworden? Das sind seine Sachen!“

„Waren sie“, schnitt Anna ihr das Wort ab, ohne sich umzudrehen. „Jetzt ist es Ihr Gepäck.“

Sie nahm Lukas’ Laptop vom Tisch, öffnete ein Fach im Koffer und legte ihn mit beinahe übertriebener Sorgfalt hinein.

„Arbeitsgerät zur Entdeckung der wahren Berufung. Oder zum Serienschauen. Je nach Erleuchtungsgrad.“

Zum Schluss holte sie seine Schuhe. Sie flogen in den Koffer mit dumpfen Schlägen, als würde sie Steine hineinwerfen. Dann klappte Anna den Deckel mit voller Kraft zu, drückte ihn nieder und ließ die Schlösser einschnappen. Sie zog den Griff heraus und rollte den Koffer mit einem kräftigen Ruck direkt vor Elisabeths Füße. Nur wenige Zentimeter vor ihr blieb er stehen.

Anna richtete sich auf.

Langsam ließ sie den Blick über die beiden wandern. In ihren Augen war kein Schmerz mehr zu sehen, kein Bedauern, nicht einmal Zorn. Nur eine kalte, ausgebrannte Leere. Schließlich sah sie Elisabeth geradewegs an.

„Sie haben gesagt, Ihr Sohn sei begabt. Bitte sehr. Nehmen Sie Ihr Talent mit. Ich bin satt davon. Reklamationen richten Sie bitte an den Hersteller.“

Dann wandte sie sich um und verließ die Küche, ohne noch einmal zurückzuschauen.

Der männliche „Genius“ blieb mit seiner Mutter und dem Koffer zurück — einem Koffer, der zwischen ihnen stand wie ein Grabstein auf den Trümmern ihres gemeinsamen Lebens. Und über die Wohnung legte sich eine so tiefe, taube Stille, dass sie nie wieder vom Klang eines gemeinsamen Alltags durchbrochen werden würde.

Hedis Stube