— Elisabeth, wieso kommen Sie eigentlich auf die Idee, dass ausgerechnet ich Ihren Sohn erhalten soll? Er ist mein Mann, er ist der Mann in dieser Ehe, also hätte er für mich da zu sein und nicht umgekehrt! Und mit Ihrer ganzen „Beschützerrolle“ können Sie jetzt bitte genauso gut wieder hinausspazieren!
— Anna, mach auf, ich bin’s! Ich hab frische Krautpiroggen mitgebracht, genau so, wie Lukas sie gern mag!
Die Stimme hinter der Wohnungstür klang munter, fest und so durchdringend entschlossen, dass niemand auch nur glaubwürdig hätte so tun können, als wäre daheim keiner anzutreffen. Anna wischte sich langsam die Hände am Geschirrtuch ab und warf ihrem Mann einen kurzen, schweren Blick zu.
Lukas saß am Tisch, starrte in seinen längst kalt gewordenen Kaffee und gab mit jeder Faser seines Körpers den leidenden Denker, den ein bodenloser existenzieller Abgrund verschluckte. Auf das Läuten seiner Mutter reagierte er, als handle es sich bloß um ein weiteres lästiges Geräusch aus jener unvollkommenen Außenwelt, die ihn ohnehin nicht verstand.
Als das Schloss klickte, setzte Anna ein höfliches Lächeln auf, das mehr Anstrengung als Herzlichkeit verriet. Auf der Schwelle stand Elisabeth: eine kräftige Frau in einem guten Mantel, mit scharfem, schwerem Blick und einem Packerl in der Hand, aus dem ein beinahe erstickend heimeliger Duft nach frisch Gebackenem aufstieg. Sie trat nicht einfach ein; sie glitt förmlich in den Vorraum, als bringe sie eine unsichtbare Wolke unanfechtbarer Gewissheiten mit.

— Grüß dich, Anna. Warum bist du denn so blass? Ist dir nicht gut? — fragte sie, während sie bereits den Mantel auszog und die Wohnung mit prüfendem Blick abmaß. — Wo ist Lukas? In der Küche? Hab ich mir gleich gedacht.
Auf eine Einladung wartete Elisabeth gar nicht erst. Zielstrebig marschierte sie in die Küche. Ihre bloße Anwesenheit störte sofort jene makellose Ordnung, auf die Anna so viel hielt. Die glatten Stahlflächen und das nüchterne, minimalistische Design dieses Raumes waren denkbar ungeeignet als Bühne für eine derart üppige Vorführung mütterlicher Fürsorge. Lukas löste endlich den Blick von seiner Tasse, nickte schwach und begrüßte seine Mutter mit einem gezwungenen Lächeln.
— Servus, Mama. Warum bist du denn schon so früh da?
— Für eine Mutter gibt es kein Zu-früh, mein Sohn — erklärte Elisabeth und stellte das Sackerl mit den Piroggen wie eine Fahne auf den Tisch. — Ich seh doch, wie du abgemagert bist. Ganz mitgenommen schaust du aus. Da, ich hab dir Stärkung gebracht. Iss, solang’s noch warm ist.
Anna stellte wortlos den Wasserkocher auf den Herd. Ihre Bewegungen waren fein, beherrscht und fast lautlos, doch aus jeder einzelnen Geste sickerte eine gewaltige innere Spannung. Sie kam sich vor wie eine Schauspielerin in einem Stück, das sie bis zum Überdruss kannte und in dem jede Rolle, jede Pause und jeder Satz längst festgelegt waren.
Jetzt würde also das Vorspiel beginnen: ein paar Bemerkungen über das Wetter, ein Bericht über die Gesundheit entfernter Verwandter, vielleicht noch ein Seufzer über die Preise am Markt. Und sobald der Boden durch dieses häusliche Gerede ausreichend weichgetreten war, würde Elisabeth zum Eigentlichen kommen.
— Bei dir ist es immer sauber, Anna. Nein, eigentlich steril — bemerkte die Schwiegermutter, zog den Finger über die Kante der Arbeitsplatte und stellte zufrieden fest, dass kein Staub daran haften blieb. — Nur gemütlich ist es halt nicht besonders. Ein Mann braucht Wärme. Vor allem, wenn er gerade so eine schwere Zeit durchmacht.
Anna stellte ihr eine Tasse hin.
— Möchten Sie Tee? Schwarz oder grün?
— Schwarz, wie immer. Lukas, iss wenigstens eine Pirogge. Sie ist noch warm. Du hast ja gar keinen Appetit mehr, das tut einem direkt weh beim Zuschauen — sagte Elisabeth und schob den Teller zärtlich näher zu ihrem Sohn.
Lukas seufzte theatralisch, nahm eine Pirogge in die Hand, biss aber nicht hinein. Er drehte sie zwischen den Fingern, als wäre sie kein schlichtes Krautgebäck, sondern ein philosophisches Heiligtum.
— Für Piroggen ist mir jetzt nicht der Kopf frei, Mama. Gedanken …
Das war das Schlüsselwort. Das Signal. Anna spürte, wie ihre Schwiegermutter sich augenblicklich sammelte, die ganze Aufmerksamkeit bündelte und innerlich zum Angriff überging. Elisabeth wandte sich ihr zu, und auf ihrem Gesicht erschien jener mitleidige, verständnisvolle Ausdruck, den sie über Jahre hinweg zur Perfektion gebracht hatte.
— Siehst du, Anna. Ein Mensch zieht sich nach innen zurück, er sucht. Eine schöpferische Seele kann nicht leben wie alle anderen, von Minute zu Minute, nur nach Plan. Sie braucht Zeit, um sich neu zu begreifen, um ihren nächsten Weg zu finden. Und gerade dann ist die Unterstützung der Menschen, die einem nahe sind, besonders wichtig. Die Weisheit einer Frau zeigt sich darin, dass sie ihre Schulter hinhält, wenn es dem Mann schwerfällt. Dass sie versteht. Dass sie annimmt …
Sie sprach leise und weich, als wolle sie mit ihren Worten eine warme, aber erstickende Decke über den ganzen Raum breiten. Lukas hörte mit dem Gesichtsausdruck eines Märtyrers zu und bestätigte jeden Satz durch sein stummes Einverständnis. Anna goss inzwischen das heiße Wasser in die Häferl.
