Der zarte Dampf, der aus dem Porzellan aufgestiegen ist, war in dieser Küche das Einzige, was noch ehrlich und lebendig gewirkt hat.
Anna wartete, bis Elisabeth eine kleine Pause machte, um Luft zu holen. Dann hob sie den Blick und sah ihr geradewegs in die Augen. Die Stille dehnte sich aus. Die Schwiegermutter begriff, dass ihre sanfte Überredung nicht verfing, und ihre Stimme bekam einen härteren, metallischen Klang.
— Annalein, deinem Lukas geht es im Moment nicht gut. Er sucht sich, er muss sich erst finden. Gerade jetzt musst du ihm beistehen und seine Lage verstehen …
Dieser Satz, in diesem zuckersüßen Ton ausgesprochen, wirkte wie der Druck auf einen Abzug. Anna stellte den Wasserkocher mit auffälliger Bedächtigkeit auf den Untersetzer zurück. Das trockene, scharfe Klacken des Plastiks durchschnitt die Küchenruhe wie ein Schuss.
Langsam drehte sie sich um. Von der freundlichen Gastgeberin blieb in ihrem Gesicht kein Rest mehr übrig. Ihr Blick war klar, kalt und fest auf Elisabeth gerichtet. Lukas zog unwillkürlich den Kopf ein; er hatte gespürt, dass sich die Luft im Raum verändert hatte.
— Elisabeth, ich bitte Sie, lassen wir dieses „Annalein“ — sagte Anna vollkommen gleichmäßig, ohne die geringste Regung in der Stimme, was ihre Worte nur noch bedrohlicher machte. — Ihr Sohn ist ein vierzigjähriger Mann und kein verlaufener Welpe, den man retten und streicheln muss.
Ich habe ihm alles bereits deutlich genug gesagt, ganz ohne Ihre Andeutungen und Seufzer. Entweder geht er morgen zu irgendeinem Vorstellungsgespräch — zu irgendeinem, meinetwegen als Lagerarbeiter oder als Zusteller — oder er packt seine Sachen und zieht zu Ihnen, damit er sich dort weiter selbst suchen kann.
Die Maske des Mitgefühls fiel von Elisabeths Gesicht ab. Darunter kam ein harter, missmutiger Ausdruck zum Vorschein. Sie richtete sich am Sessel auf, als wolle sie plötzlich größer und gewichtiger wirken.
— Also wirklich, wie kannst du nur …
— Genau so — fiel Anna ihr ins Wort, ohne lauter zu werden. Sie trat einen Schritt an den Tisch heran und stützte sich mit den Fingerspitzen auf der Platte ab. — Sie haben ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist. Dann tragen Sie bitte auch die Folgen davon. Ich habe einen Mann geheiratet, einen Partner, und kein Risikoprojekt, das laufend Investitionen braucht und niemals etwas zurückbringt. Für Ballast habe ich in meinem Leben leider keinen Platz.
Das Wort „Ballast“ blieb einen Augenblick lang in der Luft hängen. Lukas zuckte zusammen, als hätte ihn jemand geschlagen, und brachte endlich etwas hervor.
— Anna, wie kannst du so etwas sagen … vor Mama …
Doch keine der beiden Frauen sah auch nur zu ihm hinüber. Der Kampf hatte längst zwischen ihnen begonnen, und sein klägliches Murmeln war nicht mehr als ein Geräusch im Hintergrund.
— Ich habe immer gewusst, dass du kein Herz hast — zischte Elisabeth, während sich ihre Augen verengten. — In deinem Kopf sitzt nur ein Rechenapparat. Geld, Geld, immer nur Geld … Und die Seele? Du hast ja keine Ahnung, was kreative Erschöpfung bedeutet! Das ist keine Faulheit! Das ist, wenn ein Mensch seiner Arbeit alles gegeben hat und jetzt Zeit braucht, um wieder Kraft zu schöpfen, um sich neu aufzubauen! Und du kommst ihm mit deinen Vorstellungsgesprächen! Willst du ernsthaft, dass ein Genie Pizzen ausliefert?
Anna lachte leise, fast lautlos. Dieses Lachen war unheimlicher als jedes Schreien.
— Ein Genie? Elisabeth, bitte bringen Sie mich nicht zum Lachen. Ihr Sohn hat keine fein gestimmte Künstlerseele, sondern eine dicke Schicht Unreife, die Sie vierzig Jahre lang liebevoll gedüngt haben. Seit seiner Kindheit sind Sie ihm mit Buchteln hinterhergelaufen, haben jedes Staubkorn von ihm weggeblasen und ihm eingeredet, wie besonders und unverstanden er sei. Genau so ist er auch erwachsen geworden: mit der felsenfesten Überzeugung von der eigenen Einzigartigkeit, für die er keinen einzigen Beweis liefern kann, außer bedeutungsschweren Seufzern über einem kalt gewordenen Kaffee. Sein „Ausgebranntsein“ hat exakt an dem Tag begonnen, an dem man von ihm verlangt hat, Verantwortung zu übernehmen.
Jedes Wort traf präzise und abgemessen. Anna klagte nicht an, sie stellte fest. Gerade diese eisige Sachlichkeit war erniedrigender als jeder hysterische Ausbruch. Sie sprach nicht nur ein Urteil über Lukas, sondern über Elisabeths ganze Art, ihn großzuziehen.
— Mein Sohn ist ein begabter Mensch! — Elisabeth schlug mit der Hand auf den Tisch, sodass die Häferl hüpften. — Und du bist eine gefühllose, geldgierige Hexe, die sein Talent nicht zu schätzen weiß! Für dich zählt doch nur, dass er Geld heimbringt. Was in seiner Seele vorgeht, ist dir völlig wurscht!
— Ganz genau — sagte Anna ruhig und nickte. — Es interessiert mich nicht, was in der Seele eines Menschen vorgeht, der zwei Wochen lang auf der Couch liegt, während seine Frau arbeitet, damit die Wohnung bezahlt werden kann, in der er herumliegt. Also erzählen Sie mir bitte nichts mehr von weiblicher Weisheit. Sie haben Ihre eigene Weisheit bereits zur Genüge angewandt.
