Lukas stand mit offenem Mund da. Die pathetische Haltung, die er eben noch eingenommen hatte, ist in einem einzigen Augenblick in sich zusammengesackt und hat ihn wirken lassen wie einen ertappten, hilflosen Halbwüchsigen. Barbara ist dunkelrot angelaufen, ihr Atem kam stoßweise, als müsste sie jedes Wort mit Gewalt aus der Brust pressen. Sie wollte etwas sagen, vielleicht schreien, vielleicht Anna zurechtweisen — doch Anna ließ ihr nicht einmal den kleinsten Spalt dafür.
Sie diskutierte nicht mehr. Sie erklärte nichts. Sie rechtfertigte sich nicht. In ihr war etwas endgültig zerbrochen, als wäre eine Sicherung durchgebrannt, die bisher für Geduld, Anstand und Hoffnung zuständig gewesen war. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ die Küche. Ihre Schritte klangen ruhig, fest und abgemessen. Keine Hast, kein Schluchzen, keine Hysterie. Lukas und Barbara sahen einander an. In ihren Blicken lag Verwirrung, vermischt mit einer Ahnung, dass nun etwas kam, das sich nicht mehr rückgängig machen ließ.
Nach kaum einer Minute war Anna wieder da. Am Arm zog sie einen großen, dunkelblauen Rollkoffer hinter sich her — genau jenen, mit dem sie damals auf Hochzeitsreise gefahren waren. Wortlos stellte sie ihn mit einem dumpfen Ruck vor die Tür, mitten zwischen den Tisch und die beiden erstarrten Menschen.
Dann beugte sie sich hinunter, ohne einen von ihnen anzuschauen, ließ die Schlösser mit einem trockenen Klicken aufspringen und klappte den Deckel mit einer knappen Bewegung hoch. Das leere Innere des Koffers gähnte ihnen entgegen wie ein schwarzer Schlund — ein Zeichen, so klar und unmissverständlich, dass niemand nachfragen musste.
— Anna … was machst du da? — brachte Lukas endlich hervor, als hätte er seine Stimme erst wieder suchen müssen.
Sie reagierte nicht. Sie ging zu dem hohen Kasten an der Wand, in dem seine Jacken und Mäntel hingen. Als Erstes landete der teure Kaschmirmantel im Koffer — jener Mantel, den Anna ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hatte.
— Das hier — für deine Selbstfindung in der grauslichen Wirklichkeit, — sagte sie mit einer gleichmäßigen, beinahe metallischen Stimme, ohne den Mantel auch nur eines Blickes zu würdigen. — Es ist sicher leichter, sich auf höhere Gedanken zu konzentrieren, wenn man dabei nicht erfriert.
Danach riss sie eine Lade der Kommode auf und nahm einen Stapel frisch gebügelter Hemden heraus. Eines nach dem anderen warf sie hinein. Nicht ordentlich, nicht gefaltet — einfach hinein, zerknittert, lieblos, endgültig.
— Und die da — für Vorstellungsgespräche. Als Genie. Als Messias. Als spiritueller Wegweiser. Wobei, für solche Posten gibt es vermutlich eh keinen Dresscode. Aber bitte. Der Seriosität halber.
Lukas starrte entsetzt auf dieses Tun. Das war kein Packen.
Das war eine Hinrichtung vor Publikum.
Eine sorgfältige, kalte Vernichtung seines Bildes von sich selbst, seiner Legende, seiner ganzen hochtrabenden Rolle. Jedes Kleidungsstück, jedes Ding, das einmal Teil ihres gemeinsamen Lebens gewesen war, nahm Anna die Bedeutung weg. Übrig blieb nur noch der Nutzen. Nichts Heiliges. Nichts Besonderes. Nur Gegenstände, die man in einen Koffer stopfen konnte.
— Hör auf! Anna, hör sofort auf! — Er griff nach ihrer Hand.
Sie riss sich so scharf los, als hätte etwas Unreines sie berührt.
Dann trat Anna zum Regal, in dem Lukas’ Bücher standen: Selbstoptimierung, Philosophie, Sinnsuche, Lebensaufgabe, Berufung. Mit einem einzigen Schwung fegte sie die ganze Reihe in ihre Arme und schleuderte die Bücher oben auf die Hemden.
— Und das hier — deine geistige Nahrung. Davon wirst du unterwegs reichlich brauchen. Viel mehr als von der körperlichen. Denn wie wir ja gerade gelernt haben, ist für die körperliche Versorgung offenbar jemand anderer zuständig.
Barbara, die sich langsam aus ihrer Erstarrung gelöst hatte, stürzte auf sie zu.
— Bist du wahnsinnig geworden? Das sind seine Sachen!
— Waren sie, — schnitt Anna ihr das Wort ab, ohne sich umzudrehen. — Jetzt ist es Ihr Gepäck.
Sie nahm Lukas’ Laptop vom Tisch, öffnete sorgsam das Seitenfach des Koffers und schob ihn hinein.
— Werkzeug zur Entdeckung der eigenen Bestimmung. Oder zum Serienanschauen. Kommt auf den Grad der Erleuchtung an.
Als Letztes holte sie seine Schuhe. Sie warf sie in den Koffer, einer nach dem anderen, und jedes dumpfe Poltern klang, als würden Steine hineingeschleudert. Dann klappte sie den Deckel mit voller Kraft zu, drückte ihn nieder und ließ die Verschlüsse einrasten. Das Geräusch war kurz, hart und endgültig.
Anna zog den Griff heraus, richtete den Koffer auf und rollte ihn mit einem kräftigen Stoß direkt vor Barbaras Füße. Nur wenige Zentimeter vor ihr kam er zum Stehen.
Dann richtete Anna sich auf. Lange sah sie die beiden an, schwer, unbeweglich, ohne Zittern. In ihren Augen war kein Schmerz mehr. Keine Bitte. Kein Bedauern. Nur eine kalte, ausgebrannte Leere. Schließlich blieb ihr Blick an Barbara hängen.
— Sie haben doch gesagt, Ihr Sohn sei begabt. Bitte. Nehmen Sie Ihr Talent mit. Ich bin satt davon. Reklamationen richten Sie bitte an den Hersteller.
Daraufhin wandte sie sich ab und ging aus der Küche, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzuschauen.
Der männliche „Genius“ blieb mit seiner Mutter und dem Koffer zurück. Zwischen ihnen stand dieses dunkelblaue Gepäckstück wie ein Grabstein auf den Trümmern ihres Familienlebens. Und über der Wohnung breitete sich eine tiefe, taube Stille aus — eine Stille, die von ihrem gemeinsamen Leben nie wieder durchbrochen werden würde.
