„Ich bin also die Schmarotzerin? Gut. Dann zahlt ab jetzt jeder für sich“ sagte Anna ganz ruhig, während sie die Schlüssel fest in der Faust hielt

Diese niederträchtige Ungerechtigkeit ist zutiefst empörend.
Geschichten

— Ich bin also die Schmarotzerin? Gut. Dann zahlt ab jetzt jeder für sich, — sagte Anna ganz ruhig.

Bis zu diesem Satz hatte sie bereits mehr als genug gehört.

Anna ist an diesem Tag früher heimgekommen als sonst. Im Stiegenhaus hing der Geruch von nassen Schuhen in der Luft, vermischt mit dem scharfen Duft frischer Farbe von der Renovierung im Parterre. Sie ist in ihren Stock hinaufgegangen, hat die Wohnungstür aufgesperrt und wollte gerade nach ihrem Mann rufen, als sie im Vorzimmer wie angewurzelt stehen geblieben ist.

Aus der Küche waren Stimmen zu hören.

— Lukas, du bist ein Mann, du musst doch begreifen, wer sich in diesem Haushalt auf deinen Rücken setzt, — sagte Hedwig, seine Mutter. — Ich bin ja nicht blind. Du schleppst alles, und sie stolziert nur hübsch herum und tut so, als wäre sie erschöpft.

Anna zog langsam den Mantel aus und hängte ihn an den Haken. Die Schlüssel legte sie diesmal nicht wie gewohnt auf die kleine Kommode, sondern behielt sie fest in der Faust. Das Metall drückte unangenehm in ihre Handfläche, doch sie öffnete die Finger nicht.

— Mama, fang bitte nicht schon wieder an, — antwortete Lukas müde. — Bei uns passt eh alles.

— Passt alles? — Die Schwiegermutter lachte leise auf, als hätte sie dieses Wort besonders komisch gefunden. — Erzähl mir nichts. Ich sehe schon, wer die Einkäufe heimbringt, wer sich ums Auto kümmert, wer seiner Mutter hilft und wer die Renovierung bezahlt hat.

Anna kniff die Augen ein wenig zusammen. Besonders die Bemerkung über die Renovierung blieb bei ihr hängen. Die Wohnung war schon vor der Hochzeit hergerichtet worden. Mit ihrem Geld, nach ihren Entscheidungen. Lukas hatte damals nur dabei geholfen, die Fliesen fürs Bad auszusuchen, und war dreimal wegen Lieferungen gefahren. In Hedwigs Erzählung war daraus offenbar schon eine Heldentat ihres Sohnes geworden.

— Sie trägt auch ihren Teil bei, — sagte Lukas, aber seine Stimme klang unsicher.

Er nahm sie nicht in Schutz. Er empörte sich nicht. Er sagte diesen Satz nur so dahin, als wollte er das Thema rasch zudecken, nicht aber seine Mutter zurechtweisen.

— Trägt ihren Teil bei? — Hedwig senkte die Stimme, doch gerade dadurch klangen ihre Worte noch giftiger. — Womit denn? Mit den hübschen Döschen im Bad? Mit ihren Paketen von Lieferdiensten? Schau dir doch an, wie viel Zeug sie hat. Heute kauft sie das, morgen jenes. Und dann fragt sie dich, warum du müde bist. Natürlich wird man müde, wenn einem jemand am Hals hängt.

Anna ging langsam den Gang entlang und blieb vor der Küchentür stehen. Sie trat nicht sofort ein. Sie wollte den Rest hören. Nicht, weil es angenehm gewesen wäre. Sondern weil sie zum ersten Mal seit langer Zeit beschlossen hatte, niemanden mehr vor einer peinlichen Situation zu retten.

Am Tisch saßen Lukas und Hedwig. Vor ihnen lagen Betriebskostenabrechnungen, ein Kassabon aus dem Geschäft und ein Notizheft, in das die Schwiegermutter mit ihrer großen, schweren Handschrift etwas eingetragen hatte. Daneben lag ein Kugelschreiber. Hedwig hatte es immer geliebt, alles ganz genau zusammenzurechnen — vor allem dann, wenn es nicht ihr eigenes Geld betraf.

— Ich sage ja gar nicht, dass sie schlecht ist, — fuhr Hedwig fort. — Aber man muss die Dinge schon beim Namen nennen. Irgendwer lebt in dieser Wohnung auf Kosten eines anderen.

Bei diesen Worten trat Anna in die Küche.

Hedwig hob als Erste den Blick. Ihr Gesicht wurde für einen Augenblick länger, doch nur für eine Sekunde. Gleich darauf richtete sie sich auf, als wäre überhaupt nichts Besonderes passiert. Lukas drehte ruckartig den Kopf. Seine Finger legten sich sofort auf das Notizheft, als wollte er verbergen, was darin stand.

— Anna, du bist schon da? — Er stand vom Sessel auf. — Wir haben nur gerade… geredet…

— Über Ausgaben, — half Anna ihm nach.

Ihre Stimme war ebenmäßig. Fast zu ebenmäßig. Gerade das brachte Lukas aus der Fassung; er blinzelte häufiger als sonst und wusste offenbar nicht, wohin mit seinen Händen.

— Ach, das ist doch Blödsinn, — sagte er schnell. — Mama macht sich halt Sorgen. Du kennst sie ja.

Anna sah Hedwig an. Die hielt ihrem Blick stand, aber ihre Finger schoben den Kassabon merklich näher zum Notizheft.

— Ich bin also die Schmarotzerin? Gut. Dann zahlt ab jetzt jeder für sich, — sagte Anna ruhig.

Hedwig öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus. Lukas machte einen Schritt auf seine Frau zu.

— Anna, warte. Du hast das falsch verstanden.

— Ich habe es ganz richtig verstanden, — erwiderte sie. — Ich habe früher nur so getan, als würde ich es nicht hören.

Lukas lächelte schwach, als rechnete er damit, dass jetzt gleich ein gewöhnlicher Familienstreit beginnen würde. Doch Anna schrie nicht. Sie schlug keine Türen zu. Sie verlangte auch keine Entschuldigung. Stattdessen ging sie zum Tisch, nahm das Notizheft und drehte es zu sich.

Auf der ersten Seite stand: „Essen, Wohnung, Auto, Mutter, Kleinigkeiten.“ Unter dem Wort „Kleinigkeiten“ hatte Hedwig mehrere Punkte notiert: Kosmetik, Lieferungen, Kaffeehaus, Kleidung.

Anna glitt mit den Augen über die Liste. Ein Mundwinkel zuckte kurz, doch ein Lächeln war das nicht.

— Hedwig, seit wann führen Sie eigentlich Buch über meine Kosmetik?

— Ich führe über gar nichts Buch, — sagte die Schwiegermutter und zog ihre Weste auf der Brust zurecht. — Wir reden nur. Familienausgaben muss man verstehen.

— Dann verstehen wir sie doch, — Anna legte das Heft wieder hin. — Aber vollständig. Nicht nur von der Seite, die Ihnen gerade in den Kram passt.

— Anna, bitte nicht, — sagte Lukas leise.

Sie wandte sich zu ihm.

— Warum bitte nicht? Wenn man hinter meinem Rücken behauptet, ich würde auf Kosten anderer leben, ist das in Ordnung. Aber sobald ich vorschlage, ordentlich und ehrlich zu rechnen, soll es plötzlich nicht mehr sein?

Lukas sah weg. Hedwig bemerkte das und wurde sofort wieder lebhafter.

— Niemand hat dich hinter deinem Rücken irgendwie genannt. Du hast einen Gesprächsfetzen aufgeschnappt und machst jetzt daraus ein Theater.

— Nein, ein Theater mache ich noch gar nicht, — Anna legte die Schlüssel auf den Tisch. — Im Moment erkläre ich nur die neuen Regeln.

Sie ging ins Zimmer, holte aus der Lade eine Mappe mit Unterlagen und kam damit in die Küche zurück. Lukas versteifte sich sichtbar. Er kannte diese Mappe sehr gut. Darin lagen die Wohnungsdokumente, Zahlungsbestätigungen, Garantiescheine, Verträge für Geräte und all die Papiere, die Anna seit Jahren gewissenhaft aufbewahrte.

Die Wohnung gehörte ihr. Sie war ihr nicht vom Ehemann geschenkt worden, sie war nicht gemeinsam gekauft und auch nicht vorsorglich auf irgendwelche Verwandten geschrieben worden. Anna hatte sie schon vor der Ehe von ihrer Großmutter geerbt und nach den vorgeschriebenen sechs Monaten offiziell übernommen. Danach hatte sie lange daran gearbeitet, das Zuhause in Ordnung zu bringen. Als Lukas nach der Hochzeit zu ihr gezogen war, hatte sie nichts Außergewöhnliches von ihm verlangt. Nur eine normale Beteiligung an dem, was sie gemeinsam betraf.

In den ersten Monaten hatte er sich tatsächlich beteiligt. Er kaufte Lebensmittel, übernahm einen Teil der laufenden Haushaltskosten und bot von sich aus Hilfe an. Später hat sich das Schritt für Schritt verändert.

Zuerst vergaß er, seinen Anteil an den Betriebskosten zu überweisen. Dann versprach er, es beim nächsten Mal zu erledigen. Danach stellte sich heraus, dass Hedwig Geld für Medikamente brauchte, dann für eine Fahrt, danach für einen neuen Kühlschrank und anschließend wieder für irgendetwas anderes. Anna stritt darüber nicht. Es störte sie nicht, dass ihr Mann seine Mutter unterstützte. Was sie ärgerte, war etwas anderes: Diese Unterstützung ging immer öfter zulasten ihres gemeinsamen Alltags, während von Hedwig immer weniger Dankbarkeit kam.

Hedwig kam mittlerweile immer häufiger zu Besuch. Sie konnte den Kühlschrank öffnen und den Inhalt begutachten. Sie konnte ins Bad gehen und eine neue Creme bemerken. Sie konnte fragen, wozu Anna ein zweites Paar Winterschuhe brauche, wenn das erste doch noch ordentlich ausschaue. An ihren Sohn richtete sie solche Fragen nie.

Bestellte Lukas ein teures Ersatzteil fürs Auto, sagte seine Mutter:

— Ein Mann muss sich eben um die Technik kümmern.

Kaufte Anna sich einen Mantel, bekam sie zu hören:

— Heutzutage verwöhnen sich die Frauen gern selbst und wundern sich dann, dass das Geld nicht reicht.

Am Anfang hatte Anna darauf mit einem Scherz reagiert. Später ließ sie es bleiben. Sie dachte, man müsse ja nicht aus jeder Bemerkung einen Konflikt machen. Außerdem war sie überzeugt gewesen, Lukas wisse selbst, wo die Wahrheit lag.

Jetzt zeigte sich: Er wusste es nicht. Oder er tat zumindest so.

— Hier sind die Betriebskostenabrechnungen der letzten Monate, — sagte Anna und zog mehrere Belege aus der Mappe. — Bezahlt von meiner Karte. Hier ist das Internet. Ebenfalls meine Zahlung. Hier der Kauf der Waschmaschine, nachdem die alte kaputtgegangen ist. Auch von mir bezahlt. Und hier ist die Lieferung der Materialien für die Loggia, die, wie ich gerade gehört habe, offenbar Lukas finanziert haben soll.

Lukas hob ruckartig den Kopf.

— Ich habe geholfen!

— Du hast die Lieferung entgegengenommen, weil ich in der Arbeit war, — sagte Anna und sah ihn ohne Zorn an, aber so geradeheraus, dass er wieder verstummte. — Das ist Hilfe. Aber es ist keine Bezahlung.

Hedwig trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

— Und was soll das jetzt werden? Willst du einen Mann mit deinen Zetteln erniedrigen?

— Nein. Ich werde mich mit Fakten schützen.

— Mit Fakten? — Die Schwiegermutter schnaubte. — Und wer wechselt in dieser Wohnung die Glühbirnen? Wer kümmert sich ums Auto? Wer trägt die Sackerl?

Anna nickte kurz.

— Ausgezeichnet. Das schreiben wir auch auf: Glühbirnen, Sackerl, Auto. Nur gehört das Auto Lukas allein, ich benutze es fast nie. Und die Einkaufssackerl mit Lebensmitteln bezahle meistens ich.

Hedis Stube