„Ich bin also die Schmarotzerin? Gut. Dann zahlt ab jetzt jeder für sich“ sagte Anna ganz ruhig, während sie die Schlüssel fest in der Faust hielt

Diese niederträchtige Ungerechtigkeit ist zutiefst empörend.
Geschichten

Ich bitte dich nur nicht jedes Mal, sie hinaufzutragen. Aber gut, ab jetzt machen wir es sauberer. Jeder kauft für sich selbst ein. Die Betriebskosten teilen wir halbe-halbe, schließlich wohnt Lukas hier. Putzmittel, Lebensmittel, Internet, alles wird festgehalten. Ihre Ausgaben, Hedwig, haben mit unserem Haushalt nichts zu tun.

Die Schwiegermutter richtete sich kerzengerade auf.

— Was soll denn das jetzt heißen?

— Das heißt: Wenn Lukas Sie unterstützen will, dann tut er das von seinem Anteil. Nicht aus unserem gemeinsamen Geld und nicht auf Kosten meiner Zahlungen.

— Wie kannst du es wagen, die Hilfe für seine Mutter aufzurechnen?

— Genauso, wie Sie gerade meine Döschen im Bad aufgerechnet haben.

In der Küche wurde es still. Sogar Lukas atmete nicht mehr so laut wie noch eine Minute zuvor.

Hedwig nahm ihre Handtasche vom freien Sessel.

— Lukas, hörst du eigentlich, wie sie mit deiner Mutter redet?

— Mama …

— Fang nicht mit „Mama“ an! — Sie fuhr zu ihrem Sohn herum. — Bist du ein Mann oder was? In deinem eigenen Zuhause weist man dich zurecht!

Anna hob die Augenbrauen.

— In wessen Zuhause?

Lukas wurde blass. Nicht auffällig, aber Anna sah es. Hedwig bemerkte es ebenfalls, doch ihr Starrsinn ließ sie nicht mehr bremsen.

— Im Familienzuhause! Er wohnt hier!

— Ja, er wohnt hier, — sagte Anna ruhig. — Aber die Wohnung gehört mir. Das ist keine Beleidigung, sondern eine Tatsache. Und wenn wir heute schon bei ehrlichen Formulierungen sind, dann tun wir bitte nicht so, als wäre diese Wohnung nach der Hochzeit einfach vom Himmel gefallen.

Hedwig krampfte die Finger um die Henkel ihrer Tasche.

— Aha. Also wirst du ihm das jetzt ständig unter die Nase reiben?

— Ich reibe niemandem etwas unter die Nase. Ich erinnere nur an Grenzen. Sie sind in meine Wohnung gekommen, haben sich an meinen Tisch gesetzt und beschlossen, auszurechnen, wie bequem ich für Ihren Sohn bin. Jetzt rechne ich aus, wie bequem es für mich ist.

Lukas fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

— Anna, es reicht. Wir sind alle aufgebracht.

— Nein, Lukas. Aufgebracht war deine Mutter, als sie mich eine Schmarotzerin genannt hat. Ich bin im Moment sehr ruhig.

Und das stimmte. In Anna war alles gesammelt und kühl, so wie vor einem wichtigen Gespräch mit einem Menschen, dem man lieber aus dem Weg gehen würde. Sie hatte nicht den geringsten Wunsch, sich zu rechtfertigen. Da war nur Klarheit. Als hätte ihr jemand eine schwere Decke von den Schultern gezogen, unter der sie viel zu lange gesessen und die stickige Luft ausgehalten hatte.

— Ab heute, — fuhr sie fort, — kaufe ich keine Lebensmittel mehr „für alle“, wenn es vorher keine Abmachung gibt. Ich übernehme deine Autokosten nicht mehr, wenn du sagst, wir regeln das später. Ich zahle die Betriebskosten nicht vollständig, nur weil du wieder darauf vergessen hast. Und ich nehme keine Bemerkungen von einer Person an, die sich an unseren Ausgaben nicht beteiligt, sich aber aus irgendeinem Grund für die Rechnungsprüferin hält.

Hedwig sprang beinahe auf.

— Ich fahre heim. Das muss ich mir nicht anhören.

— Gut, — sagte Anna. — Ihre Sachen sind im Vorzimmer.

Die Schwiegermutter sah ihren Sohn an. Offenbar wartete sie darauf, dass er sie zurückhalten, seiner Frau etwas Scharfes sagen und die alte Ordnung wiederherstellen würde. Doch Lukas schwieg. Er stand noch immer neben dem Tisch und starrte auf die Rechnungen, als wären es fremde Briefe, die zufällig in seine Hände geraten waren.

— Lukas, bringst du mich hinunter? — fragte Hedwig.

— Gleich, Mama.

— Nicht gleich. Sofort.

Anna nahm den Schlüsselbund vom Tisch und löste einen einzelnen Schlüssel davon.

Lukas runzelte die Stirn.

— Was machst du da?

— Ich nehme den Ersatzschlüssel zurück, den du deiner Mutter gegeben hast.

Hedwig presste die Tasche ruckartig an ihre Seite.

— Der war für den Notfall!

— Der Notfall ist vorbei.

— Ich bin seine Mutter! Ich darf zu meinem Sohn kommen, wenn es notwendig ist.

— Zu Ihrem Sohn dürfen Sie. Aber das hier ist meine Wohnung. Ohne meine Zustimmung kommt hier niemand mehr herein.

Hedwigs Gesicht lief rot an. Die Flecken auf ihren Wangen wurden grell und ungleichmäßig. Sie wühlte in ihrer Tasche, zog ihren Schlüsselbund heraus und warf den Schlüssel auf den Tisch. Das Metall schlug hell auf der Holzplatte auf.

— Da. Nimm ihn. Ersticken sollst du an deiner Wohnung.

— Machen Sie kein Drama daraus, Hedwig. Sie haben nur einen fremden Schlüssel zurückgegeben.

Lukas zuckte zusammen, als wollte er etwas einwerfen, doch Anna sah ihn zuerst an. Und er schwieg.

Als die Tür hinter der Schwiegermutter ins Schloss gefallen war, lag in der Wohnung eine ungewohnte Stille. Lukas begleitete seine Mutter bis zum Lift, kam nach ein paar Minuten zurück und fand Anna in der Küche. Sie legte die Rechnungen wieder in die Mappe. Ihre Bewegungen waren präzise, ordentlich. Kein einziges Blatt wurde zerknittert.

— Warum hast du das so gemacht? — fragte er.

Anna hob nicht einmal den Kopf.

— Was genau?

— Vor meiner Mutter. Wir hätten später darüber reden können.

— Sie hat vor dir über mich gesprochen. Weshalb hätte ich auf einen passenden Zeitpunkt warten sollen?

— Sie macht sich einfach Sorgen um mich.

Anna klappte die Mappe zu und schaute ihren Mann endlich an.

— Und um wen machst du dir Sorgen?

Er antwortete nicht sofort. Er rieb sich den Nasenrücken, ging zum Fenster, kam wieder zurück. Früher hätte Anna sich bei diesem Anblick erweichen lassen. Sie wäre zu ihm gegangen, hätte seine Hand genommen und gesagt, sie seien beide nur müde. Heute aber sah sie keine Müdigkeit. Sie sah eine Gewohnheit, jeder klaren Antwort auszuweichen.

— Ich halte dich nicht für eine Schmarotzerin, — sagte er.

— Aber du hast zugelassen, dass man mich so nennt.

— Ich wollte keinen Streit.

— Und deshalb war es für dich in Ordnung, dass ich gedemütigt werde?

Lukas verzog das Gesicht.

— Du nimmst alles viel zu persönlich.

Anna lachte kurz auf. Nicht heiter. Es war nur ein scharfer Laut, mit dem die Luft aus ihr herausfuhr.

— Praktischer Satz. Zuerst schweigt einer, während über dich hergezogen wird. Danach erklärt er dir, du würdest alles zu persönlich nehmen.

— Gut, ich bin schuld. Reicht das?

— Nein.

Er sah sie erstaunt an.

— Was heißt nein?

— Es heißt, dass ein „ich bin schuld“ nicht genügt. Ich brauche Handlungen.

Lukas setzte sich an den Tisch und schob den Notizblock seiner Mutter beiseite.

— Was für Handlungen denn noch?

— Ab morgen zahlen wir tatsächlich jeder für sich. Ich schreibe eine Liste mit den verpflichtenden Wohnungskosten. Die Hälfte übernimmst du. Dein Essen kaufst du selbst oder du beteiligst dich vorher an einer gemeinsamen Liste. Wenn du deiner Mutter helfen willst, dann hilfst du ihr. Aber nicht so, dass ich am Ende deine Versprechen bezahlen muss.

— Du willst jetzt ernsthaft leben wie in einer Wohngemeinschaft?

— Nein. Ich will herausfinden, ob wir eine Ehe führen oder ob ich für dich bloß ein bequemer Gratisdienst bin.

Lukas presste die Finger auf die Tischplatte. Nicht die Lippen — die Finger. So fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

— Du erniedrigst mich.

— Nein, Lukas. Ich streiche nur den kostenlosen Teil meiner Fürsorge, den du und deine Mutter gerade als meine Frechheit bezeichnet habt.

Diese Worte trafen genau. Er verstummte.

In dieser Nacht lagen sie zwar im selben Bett, doch zwischen ihnen schien eine schmale, unsichtbare Wand zu stehen. Lukas wälzte sich lange hin und her, dann ging er in die Küche, um Wasser zu trinken. Anna hörte, wie er den Kasten öffnete, ein Glas herausnahm und wieder zurückkam. Früher hätte sie gefragt, ob alles in Ordnung sei. Jetzt fragte sie nicht.

Am Morgen stand Anna früher auf. Sie öffnete die Bank-App, kontrollierte die letzten Abbuchungen und schrieb die gemeinsamen Ausgaben in eine Tabelle auf ein Blatt Papier. Keine Einkommen, kein Vergleich, wer sich wie viel leisten konnte. Nur Tatsachen: Betriebskosten, Internet, Lebensmittel, Haushaltsmittel, kleine Reparaturen, Wasserlieferung.

Als Lukas in die Küche kam, lag die Liste bereits auf dem Tisch.

— Was ist das? — fragte er.

— Unsere neue Ordnung.

Er nahm das Blatt und überflog die Zeilen. Sein Gesicht veränderte sich Schritt für Schritt: zuerst Unglaube, dann Ärger, dann Ratlosigkeit.

— Du hast sogar das Spülmittel hineingeschrieben?

— Ja. Es stellt sich nicht von selbst ins Regal.

— Anna, das ist doch lächerlich.

— Lächerlich war es gestern, als deine Mutter meine privaten Einkäufe gezählt hat. Heute ist es einfach ehrlich.

Er legte das Blatt wieder hin.

— Ich werde nicht nach einem Zettel leben.

— Dann schlag eine andere Lösung vor.

— Eine normale Lösung wäre, das Gespräch von gestern zu vergessen.

Anna schenkte sich Kaffee ein. Sie stellte das Kännchen in die Abwasch, nahm ihr Häferl in beide Hände und lehnte sich mit der Hüfte an die Tischkante.

— Nein.

Dieses eine kurze Wort wirkte stärker als jede lange Rede. Lukas sah sie an, als begriffe er zum ersten Mal, dass sie nicht verhandelte.

Die nächsten Tage wurden für ihn unerwartet mühsam.

Früher war er heimgekommen, hatte den Kühlschrank geöffnet und genommen, worauf er gerade Lust hatte. Jetzt stand auf einem Fach eine Dose mit einem Aufkleber: „Anna“. Nicht aus Bosheit. Nur damit es keine Verwechslungen gab. Gemeinsame Lebensmittel lagen getrennt davon, doch sie tauchten erst auf, nachdem Lukas seinen Anteil überwiesen hatte.

Früher hatte er nebenbei gesagt:

— Ich muss noch schnell etwas fürs Auto kaufen, ich gebe es dir dann zurück.

Und Anna hatte bezahlt, weil es so schneller gegangen war. Jetzt antwortete sie:

— Das ist dein Auto. Klär das selbst.

Früher konnte Hedwig am Abend anrufen und sagen:

— Ich komme morgen bei euch vorbei, daheim ist mir fad.

Jetzt fragte Anna gelassen:

— Wird Lukas daheim sein?

Hedis Stube