— Und was, ohne ihn lässt du mich nicht einmal hinein? — hat sich Hedwig gleich beim ersten Mal empört.
— Nein. Wir haben keinen Besuch ausgemacht.
— Aha. Du hast meinen Sohn also gegen seine eigene Mutter aufgehetzt.
— Ihr Sohn ist erwachsen. Wenn ein Mensch eine eigene Haltung hat, kann man ihn nicht einfach aufhetzen.
Daraufhin hat Hedwig aufgelegt.
Lukas hat eine Stunde später von diesem Gespräch erfahren. Natürlich hatte seine Mutter ihn zuerst angerufen und ihm alles so erzählt, als hätte Anna sie bei Frost vor die Tür gesetzt.
— Mama sagt, du warst unverschämt zu ihr, — begann er kaum, dass er in der Wohnung stand.
Anna war gerade dabei, die Einkäufe wegzuräumen. Wortlos nahm sie eine Packung Reis aus dem Sackerl und stellte sie in den Kasten. Erst danach drehte sie sich zu ihm um.
— Ich habe gesagt, dass sie ohne Absprache nicht in meine Wohnung kommt.
— Hättest du das nicht freundlicher sagen können?
— Schon. Als ich als Schmarotzerin bezeichnet worden bin, hätte man auch freundlicher sein können. Ihr habt euch nur dagegen entschieden.
Lukas ließ sich schwer auf einen Sessel fallen.
— Wirst du jetzt jedes Gespräch wieder darauf zurückführen?
— Nein. Nur dann, wenn ihr so tut, als wäre nichts passiert.
Müde rieb er sich mit beiden Händen übers Gesicht.
— Ich bin so ein Leben nicht gewohnt.
— Und ich bin es nicht gewohnt, gleichzeitig bequem und schuld zu sein.
Genau das hat Lukas am meisten gereizt. Anna machte keinen Krawall. Sie warf kein Geschirr, setzte ihn nicht sofort vor die Tür, rief nicht vor seinen Augen Freundinnen an und inszenierte keine Szene. Sie änderte einfach die Regeln. Ruhig, Schritt für Schritt, ohne Lärm.
Eine Woche später ging Lukas selbst einkaufen. Er kam mit zwei Sackerln zurück, räumte alles lange auf den Tisch und fragte dann:
— Ist das gemeinsam oder meins?
Anna betrachtete die Lebensmittel.
— Wenn du willst, dass es gemeinsam ist, tragen wir es in die Liste ein.
Er seufzte.
— Dann tragen wir es ein.
Sie nahm kommentarlos ein Blatt Papier. Lukas sagte die Sachen an, Anna schrieb mit. Ohne Spott, ohne triumphierenden Blick. Gerade das machte es für ihn noch unangenehmer. Es wäre ihm lieber gewesen, sie hätte ihn mit irgendeinem Satz gestochen. Dann hätte er beleidigt sein können. So aber musste er etwas Einfaches erkennen: Der Alltag beruhte tatsächlich nicht auf seinen großzügigen Gesten, sondern auf vielen kleinen Handgriffen, die er früher nie als Arbeit gesehen hatte.
In der zweiten Woche kam Hedwig unangekündigt vorbei.
Anna war daheim und arbeitete im Zimmer am Laptop, als sie Geräusche an der Wohnungstür hörte. Zuerst glaubte sie, Lukas sei früher zurück. Doch der Schlüssel ließ sich im Schloss nicht drehen. Jemand versuchte es noch einmal, diesmal fester.
Anna ging in den Vorraum und schaute durch den Spion.
Draußen am Gang stand Hedwig. In der einen Hand hielt sie eine Tasche, in der anderen einen alten Schlüssel. Genau jenen, den sie offenbar nie zurückgegeben hatte. Oder von dem sie sich schon früher eine Kopie hatte machen lassen.
Anna öffnete die Tür, ließ die Sperrkette aber eingehängt.
— Hedwig, was machen Sie da?
Die Schwiegermutter zog ruckartig die Hand vom Schloss weg.
— Ach, du bist daheim. Ich habe gedacht, es ist niemand da.
— Und deshalb wollten Sie die Tür aufsperren?
— Ich bin zu meinem Sohn gekommen.
— Ihr Sohn ist nicht da.
— Dann warte ich eben.
— Nein.
Hedwigs Gesicht wurde lang.
— Was heißt nein?
— Das heißt, Sie kommen ohne Einladung nicht in die Wohnung.
— Also du bist ja wirklich schon … — Sie brach ab, weil sie bemerkte, dass Anna sie nicht böse, sondern aufmerksam ansah. — Ich bin Lukas’ Mutter.
— Und ich bin die Eigentümerin dieser Wohnung.
— Da fängt das schon wieder an!
— Es hat nie aufgehört. Sie haben gerade versucht, meine Tür mit einem Schlüssel aufzusperren, den Sie gar nicht haben dürften.
Hedwig schloss die Faust um den Schlüssel.
— Jetzt machst du aber aus allem ein Problem. Früher hat das doch auch niemand gestört.
— Früher habe ich nicht gewusst, dass Sie mich in meinem eigenen Zuhause für überflüssig halten.
Nebenan ging eine Tür auf. Aus der Wohnung schaute Barbara vom fünften Stock heraus, eine ältere, aber ausgesprochen wache Frau, die alle Bewohner kannte und ein Talent dafür hatte, genau in den heikelsten Momenten aufzutauchen.
— Ist bei Ihnen alles in Ordnung? — fragte sie.
Anna ließ Hedwig nicht aus den Augen.
— Ja, Barbara. Da hat jemand mit einem alten Schlüssel die Tür verwechselt.
Hedwig lief rot an.
— Blamier mich nicht vor den Nachbarn!
— Dann sperren Sie keine fremden Türen auf.
Die Schwiegermutter drehte sich um und ging zum Lift. Ihre Tasche schlug ihr gegen die Seite, doch sie blieb nicht stehen. Anna machte die Tür zu, löste die Kette, drehte den Schlüssel um und rief sofort den Schlüsseldienst an. Keine Anzeige, keine langen Erklärungen, kein zusätzliches Gerede. Nur ein neues Schloss.
Als Lukas am Abend den neuen Schlüssel sah, verhärtete sich sein Gesicht.
— Du hast das Schloss austauschen lassen?
— Ja.
— Ohne mich?
— Die Tür wurde auch ohne mich aufgesperrt. Der Ausgleich passt also.
— Das ist meine Mutter.
— Und das ist meine Tür.
Er ging in die Küche, kam zurück, ging wieder hinein. Anna bemerkte sein Hin und Her, sagte aber nichts dazu.
— Ist dir klar, wie sehr sie sich aufgeregt hat? — fragte er schließlich.
— Sie hat sich darüber aufgeregt, dass sie nicht ungefragt hereinkonnte.
— Sie wollte auf mich warten.
— In meiner Wohnung. Als würde es mich gar nicht geben.
Lukas schlug mit der Hand gegen den Türstock. Nicht besonders fest, aber das Geräusch klang scharf.
— Du machst aus allem einen Krieg!
Anna trat näher zu ihm. Nicht ganz dicht, aber nahe genug, dass er nicht länger mit dem Gang reden konnte, sondern sie anschauen musste.
— Nein, Lukas. Der Krieg hat begonnen, als du und deine Mutter beschlossen habt, meinen Beitrag zu übersehen, meine Grenzen zu verschieben und mein Schweigen für Zustimmung zu halten.
Er wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment läutete sein Handy. Auf dem Display stand: „Mama“. Lukas sah Anna an, dann nahm er ab.
Hedwigs Stimme war sogar ohne Lautsprecher deutlich zu hören.
— Mein Bub, zu euch setze ich keinen Fuß mehr. Deine Frau kann sich freuen. Sie hat erreicht, was sie wollte. Die Mutter hinausgeworfen, die Schlüssel weggenommen, das Schloss gewechselt. Bald stellt sie auch dich vor die Tür.
Anna streckte ruhig die Hand aus.
— Gib mir das Handy.
— Wozu?
— Ich möchte es in deiner Gegenwart sagen, damit später nichts anders weitererzählt wird.
Lukas zögerte, reichte ihr das Telefon aber.
— Hedwig, ich habe Sie nicht hinausgeworfen. Ich habe Sie nicht in eine Wohnung gelassen, in die Sie ohne Einladung hineinwollten. Das ist nicht dasselbe. Lukas kann Sie treffen, wo und wann er möchte. Aber mein Zuhause ist ab jetzt kein Ort mehr für Kontrollen, Abrechnungen und Überraschungsbesuche.
— Na hör einer an, wie die jetzt redet! — Hedwig rang fast nach Luft vor Empörung. — Sohn, hörst du das?
— Ich höre es, Mama, — sagte Lukas leise.
Anna gab ihm das Handy zurück.
Danach ließ Hedwig sich ein paar Tage nicht blicken, doch die Stille war trügerisch. Sie verlegte sich auf eine andere Art. Abends rief sie Lukas an und sprach lange mit ihm. Nach diesen Telefonaten war er gereizt, nörgelte an Kleinigkeiten herum und versuchte, Anna zu treffen.
— Sag, ist deine Creme jetzt auch wieder eine gemeinsame Ausgabe? — fragte er eines Tages, als er das Tiegelchen im Bad sah.
Anna sah ihn im Spiegel an.
— Nein. Genauso wenig wie dein Rasierschaum. Der Unterschied ist nur, dass ich über deinen nicht diskutiere.
Er wurde verlegen und ging hinaus.
Ein anderes Mal sagte er:
— Vielleicht sperrst du demnächst auch noch ein eigenes Fach im Kühlschrank ab?
Anna drückte den Deckel auf einen Behälter.
— Wenn du anfängst, ohne zu fragen etwas zu nehmen, denke ich darüber nach.
— Du bist anders geworden.
Sie wandte sich zu ihm um.
— Nein. Ich habe nur aufgehört, bequem zu sein.
Das Interessanteste passierte am Monatsende, als die gemeinsamen Ausgaben fällig wurden. Anna legte Lukas die Liste hin. Er nahm sie, überflog die Zahlen und runzelte die Stirn.
— Warum ist das so viel?
— Weil das Leben nicht nur aus deinen Einkaufssackerln am Wochenende besteht.
Er ging die einzelnen Punkte durch. Betriebskosten, Internet, Wasser, Haushaltswaren, Lebensmittel, eine kleine Reparatur im Bad, Glühbirnen. Nichts Überflüssiges. Keine Frauensachen, keine persönlichen Ausgaben von Anna.
— Ich habe nicht gedacht, dass da so viel zusammenkommt, — sagte er nun leiser.
— Ich weiß.
— Warum hast du früher nichts gesagt?
Anna legte den Kugelschreiber zur Seite.
— Habe ich. Du hast geantwortet: Darum kümmern wir uns später.
Er senkte den Blick. Genau dieser Satz war immer seine liebste Methode gewesen, Verantwortung in eine nebelige Zukunft zu verschieben. Jetzt war diese Zukunft mit einem Blatt Papier gekommen.
— Ich überweise es dir, — sagte er.
— Gut.
Er überwies nicht sofort. Zuerst ging er auf den Balkon, telefonierte mit jemandem und kam dann zurück. Anna fragte nicht nach. Kurz darauf gab ihr Handy einen leisen Ton von sich. Die Überweisung war eingegangen.
In den nächsten Tagen war Lukas still. Nicht zärtlich, nicht schuldbewusst, einfach nur still. Er beobachtete Anna, als suche er bei ihr nach dem Knopf, mit dem man ihre frühere Nachgiebigkeit wieder einschalten konnte. Aber so einen Knopf gab es nicht. Da war nur eine Frau, die lange so getan hatte, als sei alles in Ordnung, und nun damit aufgehört hatte.
Zwei Wochen später machte er ihr plötzlich einen Vorschlag.
