„Mach auf, wir ziehen jetzt in deine Wohnung!“ spöttisch erzählt, während ich bereits die Polizei gerufen habe

Mein Herz schreit gegen diese ungerechte Nähe.
Geschichten

— Die Schwiegermutter ist mitsamt ihrem Sohn und ihren Sachen vor meiner Tür gestanden: „Mach auf, wir ziehen jetzt in deine Wohnung!“ — habe ich spöttisch erzählt, während ich bereits die Polizei gewählt habe.

Anna saß wie erstarrt da, das Handy in der Hand, und las zum dritten Mal die Nachricht des Notars. Die Unterlagen zum Erbe ihres Großvaters waren endlich fertig: Die Dreizimmerwohnung mitten im Zentrum gehörte nun offiziell ihr. Für einen kurzen Moment schlug ihr Herz vor Freude schneller, doch gleich darauf legte sich ein beklemmendes Gefühl über sie. Wie würde wohl ihre Schwiegermutter darauf reagieren?

Barbara, die Mutter ihres Mannes, lebte seit fünf Jahren mit dem jungen Ehepaar in deren kleiner Zweizimmerwohnung am Stadtrand. Nachdem sie ihre eigene Wohnung verkauft hatte, war sie zu ihrem Sohn gezogen und hatte versprochen, später bei den künftigen Enkelkindern mitzuhelfen. Nur waren bisher keine Enkelkinder geboren worden — und aus der angekündigten „Hilfe“ war nach und nach eine tägliche Kontrolle über jeden Schritt der Schwiegertochter geworden.

Anna rief ihren Mann an.

— Servus, Lukas. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.

— Was ist passiert? — fragte er sofort beunruhigt.

— Der Notar hat sich gemeldet. Die Wohnung meines Großvaters ist endgültig auf meinen Namen überschrieben.

— Das ist ja großartig! — freute sich Lukas. — Endlich haben wir ein richtig geräumiges Zuhause!

— Moment — sagte Anna vorsichtig. — Wir hatten doch besprochen, dass das mein persönliches Eigentum bleibt. Opa hat die Wohnung ausdrücklich mir hinterlassen.

— Natürlich, Schatz. Aber wir sind doch eine Familie. Ist es da wirklich so wichtig, auf wessen Namen etwas steht?

Anna spürte, wie ihr ein unangenehmer Schauer durch die Brust lief. In letzter Zeit sagte Lukas diesen Satz — „wir sind doch eine Familie“ — auffallend oft. Vor allem dann, wenn es um ihre eigenen Dinge, ihre Entscheidungen oder ihre Grenzen ging.

Als Anna am Abend heimkam, wartete Barbara bereits in der Küche. Sie saß am Tisch, ein Häferl Tee vor sich, und lächelte auf eine Weise, die nichts Gutes verhieß.

— Anna, setz dich. Wir müssen reden.

Anna nahm ihr gegenüber Platz, innerlich aber spannte sie sich sofort an. Wenn ihre Schwiegermutter ein Gespräch mit diesem Lächeln begann, kam selten etwas Angenehmes dabei heraus.

— Lukas hat mir von der Wohnung deines Großvaters erzählt — begann Barbara. — Eine wunderbare Nachricht! Drei Zimmer im Zentrum, das ist ja ein Traum!

— Ja, ich freue mich auch — antwortete Anna zurückhaltend.

— Na also, ausgezeichnet! Dann können wir morgen gleich anfangen, die Sachen einzupacken. Wir übersiedeln alle gemeinsam!

Anna verschluckte sich beinahe an ihrem Tee.

— Wie bitte? Was haben Sie gesagt?

— Was soll ich denn gesagt haben? — Barbara sah sie ehrlich empört an. — Wir ziehen in die neue Wohnung. Ich habe mir sogar schon überlegt, welches Zimmer ich nehme. Das mit dem Balkon natürlich. Frische Luft ist für meine Gesundheit lebensnotwendig.

— Barbara — Anna bemühte sich, ruhig zu bleiben —, Lukas und ich haben noch gar nicht besprochen, ob und wie wir überhaupt umziehen.

— Was gibt es da groß zu besprechen? — Die Schwiegermutter machte eine wegwerfende Handbewegung. — Die Wohnung ist groß genug, da findet jeder seinen Platz. Meine Möbel passen dort sicher auch wunderbar hinein. Und renovieren muss man sowieso sofort. Die Tapeten sind bestimmt uralt.

Anna merkte, wie in ihr die Empörung immer stärker hochstieg.

— Das ist mein Erbe — sagte sie fest. — Und ich entscheide, was damit geschieht.

Barbara zog fassungslos die Augenbrauen hoch.

— Dein Erbe? Liebes, du bist verheiratet! Du hast einen Mann, du hast eine Familie! So egoistisch kann man doch nicht sein.

— Ich bin nicht egoistisch — erwiderte Anna. — Ich möchte nur selbst über das verfügen, was mir mein Großvater hinterlassen hat.

— Aha, so ist das also! — Barbara schob den Stuhl so heftig zurück, dass er laut über den Boden scharrte. — Dann sind wir für dich also Fremde? Fünf Jahre leben wir unter einem Dach, und trotzdem betrachtest du uns nicht als Familie!

Theatralisch presste sie eine Hand an die Brust und verschwand in ihrem Zimmer. Keine Minute später war von dort lautes Schluchzen zu hören.

Am Abend kam Lukas mit finsterem Gesicht nach Hause. Kaum hatte er die Schuhe abgestreift, ging er schon in die Küche, wo Anna gerade das Abendessen vorbereitete.

— Mama weint — sagte er statt einer Begrüßung. — Was ist passiert?

— Deine Mutter hat beschlossen, dass wir alle in die Wohnung meines Großvaters ziehen — antwortete Anna ruhig. — Sie hat bereits angefangen, ihre eigenen Pläne dafür zu machen.

Hedis Stube