Sie hat sich sogar schon ausgemalt, welches Zimmer einmal ihres sein soll.
— Und was ist daran so schlimm? — Lukas zuckte mit den Schultern. — Die Wohnung ist groß genug. Da findet doch jeder von uns Platz.
— Lukas, das ist mein persönliches Erbe. Mein Großvater hat sie mir hinterlassen, nicht unserer ganzen Familie.
— Jetzt fangst du schon wieder damit an! — fuhr er sie gereizt an. — Was macht das für einen Unterschied? Wir gehören doch zusammen!
— Darum geht es nicht — versuchte Anna ruhig zu bleiben. — Ich möchte selbst entscheiden dürfen, was mit dieser Wohnung passiert. Vielleicht würde ich sie vermieten und hätte dadurch ein zusätzliches Einkommen. Oder ich verkaufe sie und lege das Geld sinnvoll an.
— Verkaufen? — Lukas wurde rot im Gesicht. — Du willst eine Dreizimmerwohnung mitten in der Stadt verkaufen? Bist du noch bei Verstand?
— Es ist meine Entscheidung.
— Nein, es ist unsere Entscheidung! — Seine Stimme wurde lauter. — Wir sind eine Familie! Und Mama hat recht: Du benimmst dich wie eine Egoistin.
Anna legte das Messer beiseite, mit dem sie gerade Gemüse geschnitten hatte, und drehte sich langsam zu ihm um.
— Weißt du was? Wenn ich so furchtbar egoistisch bin, wäre es vielleicht wirklich besser, ich ziehe allein in Großvaters Wohnung.
— Was soll denn dieser Unsinn? — Lukas starrte sie entgeistert an.
— Das ist kein Unsinn. Ich bleibe dort ein, zwei Wochen. Ich bringe die Wohnung in Ordnung, gehe Großvaters Sachen durch. Und wir beide bekommen ein bissl Abstand voneinander.
Lukas sagte kein Wort mehr. Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Zimmer. Die Tür fiel krachend ins Schloss. Aus dem anderen Raum war wieder Barbaras weinerliches Klagen zu hören.
Am nächsten Morgen packte Anna nur das Nötigste zusammen und fuhr los. Die Wohnung ihres Großvaters empfing sie mit Stille und dem vertrauten Geruch alter Bücher. Langsam ging sie von Zimmer zu Zimmer und erinnerte sich an die Besuche aus ihrer Kindheit.
Die ersten Tage vergingen mit Putzen, Sortieren und Durchsehen. Anna genoss das Alleinsein und die Ruhe. Niemand schrieb ihr vor, was es zum Abendessen geben sollte. Niemand bemängelte ihre Kleidung. Niemand ließ von früh bis spät den Fernseher dröhnen.
Am vierten Tag läutete es an der Tür. Als Anna öffnete, stand Barbara davor, eine große Reisetasche in der Hand.
— Annalein, Liebes! — strahlte die Schwiegermutter sie an. — Wie kommst du denn hier so allein zurecht? Wahrscheinlich hast du nichts Ordentliches zu essen und alles steht kreuz und quer!
Ohne auf eine Einladung zu warten, trat sie bereits in die Wohnung.
— Jessas, das ist ja ein Zustand! — rief sie und schlug die Hände zusammen, während sie sich im Vorzimmer umsah. — Diese Tapeten müssen sofort runter! Und der alte Bodenbelag auch! Alles ist abgewohnt und aus der Zeit gefallen!
— Mir gefällt es — sagte Anna trocken. — Es erinnert mich an meinen Großvater.
— Erinnerung hin oder her — meinte Barbara und nickte wichtig. — Man muss trotzdem unter vernünftigen Bedingungen leben. Na, ich helfe dir schon. Zuerst koche ich uns etwas zu Mittag, und dann machen wir einen Plan für die Renovierung.
— Danke, das ist nicht nötig — erwiderte Anna bestimmt. — Ich komme allein zurecht.
— Geh bitte! Welche Schwiegertochter lehnt denn die Hilfe ihrer Schwiegermutter ab? Wir sind schließlich Familie!
Bei diesem Wort zog sich in Anna bereits alles zusammen.
— Barbara, ich bin hierhergekommen, weil ich allein sein wollte. Ich muss meine Gedanken ordnen und herausfinden, was ich eigentlich fühle.
— Was gibt es denn da groß zu ordnen? — fragte Barbara verständnislos. — Es ist doch alles klar. Du bist auf Lukas beleidigt und willst ihm eine Lektion erteilen. Aber jetzt reicht es. Mein armer Bub leidet!
Ihr „Bub“ war zweiunddreißig Jahre alt, doch für Barbara blieb er offenbar für immer ein Kind.
— Ich bin nicht beleidigt — erklärte Anna so geduldig wie möglich. — Ich möchte nur begreifen, ob ich weiterhin so leben will wie in den letzten Jahren.
— Wie meinst du das jetzt wieder? — Barbara kniff die Augen zusammen.
— So, dass jede meiner Entscheidungen infrage gestellt wird. Dass ich nicht einmal über mein eigenes Erbe frei verfügen darf. Dass man mich egoistisch nennt, nur weil ich einen eigenen Raum für mich haben möchte.
Barbara ließ sich auf den Sessel im Vorzimmer sinken und griff sich dramatisch ans Herz.
— Mir wird ganz schlecht! Meine Tabletten! Wasser!
Anna holte ein Glas Wasser. Barbara trank ein paar Schlucke und sah sie dann vorwurfsvoll an.
— So weit ist es also schon gekommen. Du bringst eine ältere Frau völlig aus der Fassung!
— Barbara, Sie sind achtundfünfzig. Welche ältere Frau meinen Sie?
— Ach, darf man erst krank sein, wenn man über achtzig ist? — empörte sich die Schwiegermutter. — Ich habe hohen Blutdruck! Meine Gelenke tun mir weh! Mein ganzes Leben lang habe ich mich auf euch verlassen.
