„Mach auf, wir ziehen jetzt in deine Wohnung!“ spöttisch erzählt, während ich bereits die Polizei gerufen habe

Mein Herz schreit gegen diese ungerechte Nähe.
Geschichten

und das ist jetzt euer Dank dafür!

Anna atmete erschöpft aus.

— Bitte, fahren Sie heim, Barbara. Legen Sie sich ein bisserl hin.

— Heim? — Barbara sprang beinahe vom Sessel auf. — Und wo soll mein Heim sein? Bei meinem Sohn, den seine eigene Frau sitzen gelassen hat? In diesem engen Loch?

— Das ist nur vorübergehend, — sagte Anna ruhig. — Sobald Lukas und ich geklärt haben, wie es mit uns weitergeht, wird sich alles entscheiden.

— Und wenn ihr gar nichts mehr klärt? — Barbara kniff misstrauisch die Augen zusammen. — Wenn ihr euch scheiden lasst?

— Dann geht jeder seinen eigenen Weg.

— Und diese Wohnung bleibt dann dir? Während mein Sohn mit leeren Händen dasteht?

Da war es also. Der eigentliche Grund ihres Besuchs lag endlich offen auf dem Tisch.

— Die Wohnung hat von Anfang an mir gehört, — erinnerte Anna sie. — Mein Großvater hat sie mir vererbt.

— Wenn du Lukas wirklich lieben würdest, würdest du ihm die Hälfte überschreiben! — fuhr Barbara sie an. — In einer ordentlichen Familie gehört alles allen!

— In einer ordentlichen Familie respektiert man auch persönliche Grenzen.

— Was für Grenzen denn? — schnappte die Schwiegermutter. — Ihr erfindet euch heutzutage lauter Blödsinn! Früher hat man zusammengelebt, ohne diesen ganzen Grenzen-Kram!

— Und die Schwiegertöchter haben still vor sich hin gelitten, — erwiderte Anna.

— Niemand hat gelitten! — gab Barbara scharf zurück. — Sie haben nur gewusst, wo ihr Platz ist, und haben die Älteren geachtet!

Damit war das Gespräch zu Ende. Barbara stürmte hinaus, die Tür fiel krachend ins Schloss. Anna blieb allein zurück, umgeben von der Stille der Wohnung ihres Großvaters.

Am Abend rief Lukas an.

— Anna, Mama sagt, du hast sie hinausgeworfen.

— Ich habe sie gebeten zu gehen, — stellte Anna richtig. — Das ist nicht dasselbe.

— Sie wollte helfen!

— Ich habe aber nicht um Hilfe gebeten.

— Herrgott, Anna! — In seiner Stimme lag gereizte Ungeduld. — Was bist du eigentlich für ein Mensch? Meine Mutter meint es gut mit uns, und du stößt sie weg!

— Lukas, deine Mutter meint es gut mit sich selbst. Sie will bestimmen, wie wir zu leben haben.

— Das stimmt überhaupt nicht!

— Doch. Und du weißt es auch, du willst es dir nur nicht eingestehen.

— Weißt du was? — platzte es aus ihm heraus. — Dann hock halt dort allein, solange du willst! Und wenn du irgendwann wieder zur Vernunft kommst, heißt das noch lange nicht, dass ich dich zurücknehme!

Anna legte ganz gelassen auf. Lukas’ Drohungen machten ihr keine Angst mehr.

Eine Woche verging. Anna richtete sich in der Wohnung ihres Großvaters ein und fand Handwerker für die kleineren Renovierungsarbeiten. Langsam bekam ihr Leben wieder eine Richtung.

Am Freitagabend zerriss ein energisches Läuten die Ruhe. Anna schaute durch den Türspion hinaus — im Stiegenhaus standen Lukas und seine Mutter. In der Hand hielt Lukas eine Sporttasche.

— Was wollt ihr? — fragte Anna durch die geschlossene Tür.

— Mach auf, wir müssen reden! — rief Lukas.

— Dann redet eben so.

— Anna, stell dich nicht so an! Ich habe unsere Sachen mitgebracht. Wir ziehen ein.

Anna starrte fassungslos auf die Tür.

— Wer zieht ein?

— Mama und ich. Du wolltest doch, dass wir zusammen sind!

— Ich wollte, dass wir unsere Beziehung klären. Nicht, dass wir eine Wohngemeinschaft mit Schwiegermutter spielen.

— Annalein, mach doch auf! — meldete sich Barbara. — Die Nachbarn schauen schon!

— Sollen sie schauen. Geht heim.

— Das ist auch meine Wohnung! — brüllte Lukas. — Wir sind verheiratet! Ich habe das Recht, hier zu wohnen!

— Nein, hast du nicht. Die Wohnung läuft auf meinen Namen.

— Dann rufe ich die Polizei! — drohte er.

— Ruf sie, — antwortete Anna kühl.

Hinter der Tür hörte sie leises Flüstern. Dann sprach Barbara wieder, diesmal deutlich sanfter:

— Annalein, Liebes! Jetzt sei doch nicht kindisch. Komm, wir trinken einen Tee und reden in Ruhe darüber.

— Wir haben schon geredet. Fahrt nach Hause.

— Anna, ich bitte dich jetzt zum letzten Mal! — schrie Lukas. — Mach auf, sonst trete ich die Tür ein!

— Versuch es. Dann rufe ich die Polizei, und du verbringst die Nacht am Wachzimmer.

Wieder wurde draußen geflüstert. Danach entfernten sich Schritte. Anna wartete noch ein paar Minuten und schaute dann vorsichtig durch den Spion. Das Stiegenhaus war leer.

Am nächsten Tag ging Anna zu einem Rechtsanwalt. Der Mann mit den weißen Haaren und dem scharfen Blick hörte ihr aufmerksam zu.

— Ihr Mann hat keinerlei Rechte an dieser Wohnung, — erklärte er bestimmt. — Es handelt sich um Ihr vor der Ehe durch Erbschaft erworbenes Vermögen.

Hedis Stube