Auch im Fall einer Scheidung kann er daraus keinen Anspruch ableiten.
— Und wenn er versucht, sich mit Gewalt Zutritt zu verschaffen?
— Dann lassen Sie das Schloss austauschen und erstatten Anzeige, — sagte der Anwalt ohne Zögern. — Außerdem rate ich Ihnen, die Scheidung so rasch wie möglich einzureichen.
Anna nickte langsam. In ihr war keine Unklarheit mehr. Der Entschluss stand fest.
Daheim rief sie sofort einen Installateur an und ließ ein neues Schloss einbauen. Erst danach nahm sie das Handy und wählte Lukas’ Nummer.
— Ja? — knurrte er in den Hörer.
— Lukas, ich werde die Scheidung einreichen.
— Was? Anna, bist du jetzt völlig übergeschnappt?
— Nein. Ich habe es mir gut überlegt. Am Montag bringe ich die Unterlagen ein.
— Warte doch! Wir können uns zusammensetzen und in Ruhe reden!
— Es gibt nichts mehr zu besprechen. Du hast dich für deine Mutter entschieden, nicht für deine Frau. Das ist dein Recht. Aber ich will in meiner eigenen Ehe nicht die Dritte sein.
— Anna!
— Leb wohl, Lukas.
Sie beendete das Gespräch. Zu ihrer eigenen Überraschung fühlte sich ihr Herz plötzlich leicht an.
Am Montag in der Früh trat Anna aus dem Haus. Gleich beim Eingang stand Barbara und wartete auf sie.
— Na, bist du jetzt zufrieden? — zischte ihre Schwiegermutter. — Du hast unsere Familie ruiniert!
— Ich habe nichts ruiniert. Sie war schon längst zerbrochen.
— Wegen deiner Selbstsucht!
— Nein. Wegen eurer ständigen Einmischung.
Barbara lief rot an.
— Was bildest du dir eigentlich ein? Ich habe Lukas geboren und großgezogen! Und du bist einfach gekommen und hast dich ins gemachte Nest gesetzt!
— Und ich bin gegangen, als ich verstanden habe, dass ich dort nicht willkommen bin.
— Du elendes Weib! — spuckte Barbara ihr entgegen. — Eine unfruchtbare Egoistin bist du!
Anna zuckte zusammen. Woher wusste Barbara von ihren Problemen? Hatte Lukas ihr wirklich so etwas Persönliches erzählt?
— Du hast geglaubt, mit der Wohnung kannst du meinen Lukas an dich ketten? — fuhr Barbara giftig fort. — Er hat dich doch nie richtig geliebt! Er hat dich nur ausgehalten!
— Es reicht, — sagte Anna müde. — Gehen Sie.
— Ich gehe schon! Aber merk dir eines: Du wirst allein bleiben! Niemand wird dich brauchen! Und mein Lukas wird noch glücklich werden!
Barbara drehte sich auf dem Absatz um und rauschte davon. Anna schaute ihr nach und spürte etwas Seltsames: Erleichterung. Es war vorbei.
Die Scheidung ging rasch über die Bühne. Lukas machte keinen Anspruch auf die Wohnung geltend. Er holte nur seine Sachen ab. Wenn sie einander begegneten, wechselten sie kaum ein Wort.
— Meine Mutter hatte recht, — warf Lukas ihr beim letzten Treffen hin. — Du hast immer nur an dich gedacht.
— Und du immer nur an deine Mutter, — antwortete Anna ruhig.
Darauf fand er nichts mehr zu sagen. Er ging einfach.
Ein halbes Jahr verstrich. Anna renovierte die Wohnung, stellte alles so um, wie es ihr gefiel, und richtete sich jeden Winkel nach ihrem eigenen Geschmack ein. In der Arbeit wurde ihr eine Beförderung angeboten. Langsam kam Ordnung in ihr Leben.
Eines Abends traf Anna zufällig eine gemeinsame Bekannte, Sophie.
— Anna! Dich habe ich ja ewig nicht gesehen! Wie geht’s dir?
— Sehr gut, — sagte Anna lächelnd. — Und dir?
— Auch gut. Stell dir vor, ich habe vor Kurzem deinen Lukas gesehen. Im Geschäft, zusammen mit seiner Mutter. Er hat irgendwie… verloren ausgeschaut.
— Wir sind geschieden, — sagte Anna.
— Ich weiß. Barbara erzählt überall herum, wie schrecklich du bist. Sie behauptet, du hättest ihnen die Wohnung weggenommen.
— Die Wohnung hat immer mir gehört.
— Ja, das verstehe ich eh. Nur… weißt du, Lukas dürfte sich mit irgendeiner Frau getroffen haben. Aber Barbara hat sie vertrieben. Angeblich war sie nicht passend. Jetzt wohnen die beiden wieder zusammen.
Anna zuckte nur mit den Schultern. Das war nicht mehr ihr Problem.
— Ich muss weiter, — sagte Sophie hastig. — Schön, dass wir uns gesehen haben!
Anna ging heim. In ihrer eigenen Wohnung empfingen sie Stille und Wärme. Sie machte sich ein Häferl von ihrem Lieblingstee und schaltete leise Musik ein. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so wirklich frei gefühlt.
Draußen fiel Schnee. Anna stand am Fenster, sah den Flocken zu, wie sie langsam herabschwebten, und dachte an das, was vor ihr lag. Die Zukunft wirkte hell, offen und voller Möglichkeiten. Ohne eine giftige Schwiegermutter. Ohne einen charakterlosen Mann. Nur sie selbst, ihr Leben und ihre Entscheidungen.
Da vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer erschien auf dem Display: „Anna, hier ist Lukas. Neue Nummer. Können wir uns treffen? Ich muss mit dir reden.“
Anna las die Nachricht ein zweites Mal. Dann löschte sie sie ganz ruhig. Und sperrte die Nummer.
Die Vergangenheit blieb dort, wo sie hingehörte: hinter ihr. Sie hatte jetzt ihre eigene Wohnung, ihr eigenes Leben und ihre eigenen Pläne. Und keine Schwiegermutter der Welt konnte ihr das noch einmal zerstören.
