„Das Haus am Land machst du frei“ — Anna stand fassungslos am Waschplatz im Hof

Diese Entscheidung ist kalt, ungerecht und verletzend.
Geschichten

— Das Haus am Land machst du frei. Meine Verwandtschaft zieht dort ein, — erklärte die Schwiegermutter.

Anna begriff nicht sofort, dass diese Worte tatsächlich an sie gerichtet waren. Sie stand beim Waschplatz im Hof, schüttelte nach der Arbeit im Glashaus das Wasser von den Händen und schaute wie nebenbei zu den Beeten hinüber, auf denen sich schon das erste Grün zeigte. Der Wind trieb trockenen Blütenstaub über den Hof, rüttelte am alten Apfelbaum beim Zaun, und im Schuppen flatterten die Hühner unzufrieden gegen die Stange, nachdem Anna sie kurz zuvor zum Herumlaufen hinausgelassen hatte.

Der Morgen hatte ganz ruhig begonnen. Anna war übers Wochenende allein ins Dorf gefahren, so wie sie es jedes Frühjahr und fast den ganzen Sommer über machte. Nach einer Arbeitswoche musste das Haus aufgesperrt, der Ofen kontrolliert, der Staub weggewischt, das kleine Saunahäuschen angeschaut, der Hof gekehrt und das Grundstück abgegangen werden. Diese Mühen waren ihr lieb. Hier war nichts fremd, nichts gemietet, nichts bloß für eine Weile. Das Haus hatte sie von ihrer Tante Theresa geerbt, der älteren Schwester ihres Vaters. Theresa hatte ihr ganzes Leben im Dorf verbracht, niemanden wirklich an sich herangelassen, und als ihre Kräfte am Ende nachließen, hatte sie ausgerechnet Anna zu sich gerufen. Nicht die Schwiegermutter, nicht irgendwelche entfernten Verwandten, nicht die Nachbarn — sondern sie. Ein halbes Jahr war für die Erbschaftsangelegenheiten draufgegangen, danach noch ein weiteres Jahr, um alles wieder herzurichten: das Dach ausbessern, die morschen Bretter im Schuppen austauschen, das Durcheinander in der Speis beseitigen, den Garten wieder in Ordnung bringen.

Anna war an diesem Haus nicht so gehangen, wie man an Mauern hängt, sondern wie man an Erinnerung hängt. In der Küche stand noch immer der schmale hölzerne Kasten, in dem Tante Theresa ihre Vorräte aufbewahrt hatte. Im Zimmer unter dem Fenster hingen gestickte Deckerl, nicht zur Zierde, sondern weil Theresa sie selbst gemacht und auf jedes einzelne stolz gewesen war. Auf der Veranda knarrte noch die Bank, die Annas Vater vor vielen Jahren an einem Abend repariert hatte, als er noch gelebt hatte. All das war, in Geld gemessen, nicht besonders viel wert. Aber es hatte einen Wert, den man niemandem erklären kann, der nur kommt, um den Hof mit Schritten abzumessen und zu überlegen, wo man am besten fremde Möbel hinstellt.

Etwa eineinhalb Stunden nach Annas Ankunft blieb vor dem Gartentor ein Auto stehen. Besonders verwundert war sie nicht, als zuerst ihre Schwiegermutter Barbara ausstieg und danach ihr Mann Lukas. Etwas anderes irritierte sie: Keiner der beiden hatte vorher gesagt, dass sie kommen würden.

— Wir haben uns gedacht, wir schauen einmal bei dir vorbei, — sagte Barbara munter, als wäre sie nicht in ein fremdes Haus gekommen, sondern auf ihre eigene Sommerfrische. — Lukas hat gemeint, du bist da.

Anna nickte damals nur. Was hätte sie auch sagen sollen? Hineinbitten wollte sie die beiden nicht, aber beim Gartentor einen Streit anfangen ebenso wenig. Lukas grüßte knapp, wich ihrem Blick sofort aus und beugte sich zum Kofferraum, um ein Sackerl herauszuholen.

— Mama hat Krapfen… — setzte er an, verstummte aber gleich wieder, als er den Blick seiner Frau spürte.

— Fleischlaberl habe ich mitgebracht und leicht gesalzene Gurken, — verbesserte Barbara rasch. — Ihr sollt ja nicht nur von trockenem Zeug leben.

Anna ließ sie ins Haus. Zu diesem Zeitpunkt kam ihr der Besuch zwar unangenehm, aber noch gewöhnlich vor. Barbara tauchte gerne ohne Einladung auf, sie prüfte mit Vorliebe, wie andere lebten, und gab Ratschläge, wo niemand sie darum gebeten hatte. Trotzdem lag an diesem Tag etwas Neues in ihrem Benehmen — etwas allzu Geschäftiges, allzu Selbstsicheres.

Sie gingen nicht wie normale Gäste gleich in die Küche. Barbara machte langsam eine Runde durch den Hof, blieb beim Schuppen stehen, schaute in das Saunahäuschen hinein und klopfte mit den Fingerknöcheln gegen das frisch eingesetzte Brett bei der Veranda. Lukas trottete hinter ihr her und sagte kein Wort.

— Solide ist das alles gemacht, — stellte die Schwiegermutter fest. — Fällt nicht gleich auseinander.

— Sollte es das? — fragte Anna trocken.

— Geh, ich sag’s ja nur. Bei vielen stehen die Häuser am Land schon ganz schief da, aber das hier hält noch gut. Und die Lage passt auch. Zum Geschäft ist es nicht weit. Der Bus fährt. Wasser gibt es. Der Ofen funktioniert. Zum Wohnen ist das recht praktisch.

Anna richtete sich auf, legte die Hand an den Pfosten der Veranda und sah zu ihrem Mann hinüber. Der tat so, als würde ihn plötzlich das Dach des Saunahäuschens brennend interessieren.

— Hast du das Dach am Schuppen erneuern lassen? — fragte er, als wäre er ausschließlich wegen solcher Kleinigkeiten hergekommen.

— Ja. Noch im Herbst.

— Du solltest nicht immer alles allein schleppen, — mischte sich Barbara ein. — Du hättest früher etwas sagen müssen. Es gibt ja einen Mann im Haus.

Anna lachte kurz und ohne Freude auf. Ausgerechnet aus Barbaras Mund klang dieser Satz besonders gelungen. In der ganzen vorigen Saison war Lukas zweimal hier gewesen. Einmal, um Fleisch zu grillen, und ein zweites Mal, als Farbe und Werkzeug aus der Stadt hergebracht werden mussten. In beiden Fällen hatte ihn der Zustand des Hauses weniger interessiert als sein Handy und die Möglichkeit, möglichst bald wieder zurückzufahren.

Während Anna Kompott in Häferl einschenkte, war Barbara bereits ins Haus gegangen. Sie zog sich an der Schwelle nicht einmal die Schuhe aus, hielt nur einen Augenblick inne, als würde sie sich daran erinnern, was wo stand, obwohl sie früher kaum mehr als zwei Mal hier gewesen war. Sie warf einen Blick ins große Zimmer, dann in das kleine, in dem ein schmales Bett und eine alte Kommode standen, und riss schließlich die Tür zur Speis auf.

— Viel Platz, — sagte sie leise, aber laut genug, dass es alle hörten. — Wirklich sehr viel Platz. Und die Luft ist ganz anders. Für Kinder wäre es hier ideal.

Anna legte das Messer, mit dem sie gerade Brot geschnitten hatte, langsam auf den Tisch. Genau in diesem Moment zog sich in ihr alles zu einem festen, wachsamen Knoten zusammen. Es war keine Angst und auch keine Verwirrung. Es war etwas anderes: ein blitzartiges Begreifen, dass es jetzt weder um das Glashaus noch um das Saunahäuschen gehen würde, auch nicht darum, wie gut man am Land atmen konnte.

Lukas setzte sich auf einen Hocker und starrte auf die Tischplatte.

— Welche Kinder? — fragte Anna und bemühte sich, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen.

— Es findet sich schon wer, — wich Barbara aus und fuhr mit den Fingern über das Fensterbrett. — Da könnte man einen Tisch hinstellen. Dort drüben Betten. Und im Sommer ist es auf der Veranda überhaupt ein Traum.

Anna hörte nicht mehr zu, als Barbara vom Tisch redete. Sie schaute nur ihren Mann an. Sie wollte, dass er endlich den Kopf hob und wenigstens ein einziges Mal klar aussprach, was hier vor sich ging. Doch Lukas schwieg, als hätte man ihn zufällig mitgenommen und als wüsste er selbst nicht, worum es ging.

Barbara kam in die Küche zurück, setzte sich Anna gegenüber und faltete die Hände auf dem Tisch, mit der Miene eines Menschen, der gleich etwas Bedeutendes und Endgültiges verkünden würde.

Da fiel dieser Satz.

— Das Haus am Land machst du frei. Meine Verwandtschaft zieht dort ein.

Nach diesen Worten wurde es in der Küche so still, dass draußen das Gartentor im Wind knarrte. Anna sah ihre Schwiegermutter mehrere Sekunden lang an, ohne zu blinzeln. Sie sprang nicht auf, sie schrie nicht, sie schlug nicht mit der Hand auf den Tisch. Sie saß einfach da und schwieg. Barbara schien dieses Schweigen für Ratlosigkeit zu halten.

Hedis Stube