und beeilte sich, ihren Gedanken weiter auszubreiten.
— Sophie hat es wirklich nicht leicht. Mit zwei Kindern zieht sie von einer Übergangslösung zur nächsten, immer irgendwo zur Miete. Ihr Mann ist dauernd unterwegs, auf den kann man sich kaum verlassen. Und hier wäre alles da. Das Haus steht doch die meiste Zeit leer. Du kommst ja sowieso nur ab und zu her. Es ist doch schade, wenn so etwas ungenützt bleibt.
Anna wandte den Blick langsam zu ihrem Mann.
— Lukas?
Er räusperte sich, rieb sich über den Nasenrücken und sprach in einem Ton, als ginge es nicht darum, fremde Leute in ihr Haus einzuquartieren, sondern bloß darum, ein paar Säcke Erde unters Vordach zu stellen.
— Anna, reg dich jetzt bitte nicht gleich auf. Mama hat ja nicht ganz unrecht. Das Haus ist wirklich oft leer. Und Sophie hat Kinder, die brauchen frische Luft. Sie könnten einstweilen hier wohnen, ein bissl nach dem Rechten schauen. Für dich wäre es sogar eine Erleichterung.
Anna schob ihr Häferl zur Seite. Der Ton kratzte leise über die Tischplatte.
— Wer ist Sophie? — fragte sie.
— Die Tochter meiner Cousine, — antwortete Barbara sofort. — Also keine Fremde.
— Für euch vielleicht nicht. Für mich schon.
— Jetzt stell dich doch nicht so an, — verzog Barbara das Gesicht. — Verwandtschaft bleibt Verwandtschaft.
Anna erhob sich vom Tisch. Nicht hastig, nicht theatralisch. Sie stand einfach auf, ging zum Fenster und schaute hinaus in den Hof, wo eine Kiste mit Setzlingen stand, die sie aus dem Glashaus geholt hatte. Sie spürte, wie sich ihr Gesicht vor Anspannung verhärtete, und wusste: Noch ein paar Sekunden, dann würde ihre Stimme kalt werden. Das machte ihr keine Angst. Manchmal musste man genau so reden, damit gewisse Menschen überhaupt begriffen, was sie da taten.
— Dann klären wir das einmal, — sagte sie, ohne sich umzudrehen. — Wer hat irgendjemanden eingeladen, in meinem Haus zu wohnen?
Hinter ihr entstand eine kurze, unangenehme Stille.
— Na ja … wir haben darüber geredet, — meinte Barbara nun schon weniger sicher. — Mit Lukas. Er ist dein Mann, ihn geht das ja auch etwas an.
Anna drehte sich zu ihnen um.
— Ich habe nicht gefragt, mit wem darüber geredet wurde. Ich habe gefragt, wer eingeladen hat.
Lukas hob endlich den Kopf, doch in die Augen seiner Frau schaute er nicht.
— Ich hab Mama gesagt, man könnte darüber nachdenken, — murmelte er. — Nur nachdenken, Anna. Ohne Drama.
— Ohne Drama? — wiederholte sie langsam. — Ihr kommt in mein geerbtes Haus, schaut euch den Hof an, die Zimmer, den Schuppen, die Sauna, besprecht, wo man fremde Betten hinstellen könnte, und deine Mutter spricht hier schon vom Einziehen. Und das nennst du nachdenken?
Barbara verlor sichtlich an Schwung. Der herrische Ton, mit dem sie vorher aufgetreten war, bekam Risse, aber sie versuchte noch, Haltung zu bewahren.
— Was ist denn schon dabei? Ich meine es doch menschlich. Wir setzen ja niemanden auf die Straße. Im Gegenteil, das Haus wäre betreut. Ist hier im Winter überhaupt wer? Eben nicht. So würden Leute da sein, den Ofen einheizen, Schnee räumen, auf den Hof schauen.
— Auf meinen Hof? — Anna legte den Kopf leicht schief. — Aus welchem Grund genau?
— Weil ihre Lage schwierig ist.
— Die halbe Bevölkerung hat es schwierig. Das gibt aber niemandem das Recht, in ein fremdes Haus hineinzuplanen und Zimmer aufzuteilen, während die Besitzerin in der Küche die Häferl abwäscht.
Lukas zuckte mit der Schulter.
— Red nicht so mit meiner Mutter.
— Wie denn sonst? Soll ich zuhören, wie ihr zwei über mein Eigentum verfügt, und brav nicken?
— Schon wieder dein Eigentum, — sagte er gereizt. — Wir sind eine Familie.
Anna warf ihm einen Blick zu, der ihn mitten im Satz verstummen ließ. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn dieses Wort benutzt wurde, um Dreistigkeit zu tarnen.
— Gerade weil du mein Mann bist, hättest du als Erster zu deiner Mutter sagen müssen: Nein, ohne Anna wird so etwas nicht entschieden. Stattdessen hast du sie hergebracht, damit sie sich das Haus anschauen kann.
Barbara atmete laut aus und versuchte noch einmal, in die Offensive zu gehen.
— Wem machst du es denn damit leichter? Den Leuten ginge es ja nicht um für immer, nur für eine Zeit. Im Herbst würden sie sich, wenn es sein muss, etwas anderes suchen. Vielleicht renkt sich bis dahin auch alles wieder ein. Du redest ja, als wäre das hier ein Schloss.
— Ich rede nicht von einem Schloss. Ich rede von meinem Haus. Von dem Haus, das ich von meiner Tante geerbt habe, das ich überschreiben ließ, renoviert habe und erhalte. Und kein einziger Mensch zieht hier ein, nur weil es euch gerade praktisch erscheint.
— Also helfen willst du nicht? — fragte Barbara mit zusammengekniffenen Augen.
— Ob ich helfen will oder nicht, ist gar nicht euer Thema. Ihr seid nicht gekommen, um zu bitten. Ihr seid gekommen, um zu bestimmen.
Lukas stand ruckartig auf.
— Anna, jetzt bleib doch sachlich. Ja, Mama hat es ungeschickt gesagt. Man kann das doch normal besprechen.
— Besprechen hätte man es müssen, bevor sie angefangen hat, Kinderzimmer auszusuchen.
Barbara schnaubte verächtlich.
— Na, wir sind aber empfindlich. Gleich hängt man sich an einzelnen Worten auf.
— Ich hänge mich nicht an Worten auf. Ich reagiere auf das, was dahintersteht.
Anna ging zur Garderobe, nahm den Schlüsselbund vom Haken und legte ihn vor Lukas auf den Tisch.
— Das sind die Schlüssel, die du für den Notfall gehabt hast, oder?
Lukas nickte.
— Gib deinen her.
— Jetzt?
— Ja. Jetzt.
Er zog den Schlüssel aus der Tasche und legte ihn wortlos daneben. Das Metall schlug kurz und hell gegen die Tischplatte. Anna nahm beide Schlüsselbunde in die Hand und sprach nun vollkommen ruhig weiter, ohne jede überflüssige Regung:
— Heute esst ihr noch zu Mittag, dann fahrt ihr. Ab jetzt kommt niemand mehr ohne vorherigen Anruf hierher. Ich habe niemanden eingeladen, sich das Haus anzuschauen. Ich habe niemandem erlaubt, hier zu wohnen. Falls irgendwer aus eurer Verwandtschaft bereits glaubt, er könne hier einziehen, dann richtet ihm aus: nein.
— Schau einer an, da hat sich aber eine Hausherrin gefunden, — zischte Barbara.
— Ja. Hausherrin. Genau das bin ich.
Nach diesen Worten war der frühere Ton des Gesprächs endgültig dahin. Barbara sprach nicht mehr von großzügigen Räumen. Lukas tat nicht länger so, als würde sich alles von selbst einrenken. Sie saßen zwar immer noch in Annas Küche, doch die Selbstverständlichkeit, mit der sie dieses Haus betreten hatten, war verschwunden.
Das Mittagessen verlief steif und mühsam. Barbara setzte zweimal an, über das Wetter und die Setzlinge zu reden, verlor aber jedes Mal selbst den Faden und schwieg wieder. Lukas kaute, ohne den Blick richtig zu heben. Anna räumte den Tisch ab, brachte die Reste zu den Hühnern hinaus und sah, als sie zurückkam, dass ihre Schwiegermutter bereits im Vorraum stand und nervös die Ärmel ihrer Jacke zurechtzog.
— Wir werden wohl fahren, — sagte Barbara. — Sonst wird es noch spät.
„Gute Reise und komm nicht so schnell wieder“, sagte Anna nicht laut. Sie nickte nur und öffnete die Tür.
Als das Auto hinter der Kurve verschwunden war, blieb sie noch lange beim Gartentor stehen. Die Luft roch nach feuchter Erde und nach Rauch aus dem Ofen der Nachbarn. Der Tag war derselbe, der Garten derselbe, das Haus dasselbe, und doch hatte sich in ihr etwas verschoben. Nicht, weil Barbara zu weit gegangen war. An solche Auftritte war Anna längst gewöhnt. Viel schlimmer war etwas anderes: Lukas hatte von all dem gewusst. Mehr noch, er hatte mitgemacht.
Gegen Abend ging sie noch einmal durch das ganze Haus, schloss alle Fenster, kontrollierte den Schuppen und die Sauna. Auf dem obersten Brett der Speis, wohin sie fast nie griff, entdeckte sie sauber gestapelte Schachteln mit Kindergeschirr, die Tante Theresa einst für das Nachbarsmädchen aufgehoben hatte.
