Dort hatte Theresa sie damals für das Nachbarsmädel aufgehoben. Anna blieb davor stehen und schaute auf die Kartons, während sich in ihrem Kopf ganz von selbst ein Bild zusammensetzte: irgendeine Sophie, die hier auf einmal das Kommando führte, ihre Handtücher aufhängte, fremde Sackerl und Taschen ins Haus schleppte, die Kinder auf einen Schemel stellte, damit sie besser aus dem Fenster schauen konnten, und irgendwann ganz selbstverständlich sagte: „Na ja, jetzt sind wir hier eh schon daheim.“
Dieser Gedanke wirkte stärker als jeder Kaffee. Anna nahm ihr Handy und rief den Schlosser aus dem Bezirkshauptort an, der ihr im Herbst den neuen Schnapper am Gartentor montiert hatte.
„Könnten Sie morgen vorbeikommen?“, fragte sie. „Ich brauche ein neues Schloss an der Haustür. Und beim Schuppen ebenfalls.“
„Nach dem Mittagessen geht es sich aus“, sagte er.
„Gut. Ich warte auf Sie.“
Am nächsten Tag empfing sie den Handwerker gleich beim Gartentor, zeigte ihm, was genau ausgetauscht werden musste, und achtete darauf, dass er die alten Zylinder nicht liegen ließ, sondern sofort mitnahm. Danach fuhr sie noch zu ihrer Nachbarin Maria Petrovna, die zwei Häuser weiter das ganze Jahr über wohnte.
„Frau Maria, wenn Sie bei meinem Grund jemanden mit Taschen oder Koffern sehen, rufen Sie mich bitte sofort an. Vor allem, wenn die Leute behaupten, sie hätten eine Erlaubnis.“
Die Nachbarin schlug entsetzt die Hände zusammen.
„Ja, genau das wollt ich dir ja eh erzählen! Deine Schwiegermutter war schon letzten Samstag da. Nicht allein, mit irgendeiner Frau und einem Buben. Die sind beim Zaun gestanden und haben geredet, wo der Garten ist und wo die Sauna. Ich hab geglaubt, du weißt davon.“
Ein paar Sekunden lang brachte Anna kein Wort heraus. Sie sah die Nachbarin nur an, und in diesem Moment fügten sich die letzten fehlenden Teile zusammen. Also war das kein spontanes Gerede gewesen, keine ungeschickt hingeworfene Idee, kein Ausrutscher im Ärger. Sie hatten das Haus bereits hergezeigt. Sie hatten schon jemanden bis zum Zaun geführt. Sie hatten bereits darüber gesprochen, wie praktisch alles hier wäre.
„Danke, dass Sie mir das gesagt haben“, antwortete Anna leise.
In ihre Wohnung in der Stadt kam sie erst spät am Abend zurück. Die Wohnung gehörte ihr, schon von vor der Ehe, zwei Zimmer, nichts Großes, aber ihr Eigentum. Nach der Hochzeit war Lukas zu ihr gezogen. Früher hatte sich das ganz selbstverständlich angefühlt. Jetzt aber sah sie es plötzlich mit anderen Augen: In letzter Zeit hatte er sich immer öfter benommen, als stünde ihm alles, was nicht seines war, ohnehin zu. Nicht nur das Haus am Land. Auch ihre Zeit. Ihre Kraft. Ihre Ruhe.
Lukas erwartete sie im Vorzimmer.
„Warum hebst du nicht ab?“
„Ich war beschäftigt.“
„Mama ist übrigens beleidigt.“
Anna zog ihre Jacke aus, hängte sie an den Haken und sah ihn erst danach an.
„Ich habe die Schlösser austauschen lassen.“
Er blinzelte.
„Welche Schlösser jetzt wieder?“
„Im Haus. Und beim Schuppen. Dort hat ab sofort niemand mehr einen Schlüssel.“
„Sag einmal, bist du noch ganz normal?“ Lukas wurde lauter. „Wozu dieser Zirkus?“
„Weil deine Mutter dort schon Leute hinführt und ihnen meinen Grund zeigt. Die Nachbarin hat es mir erzählt.“
Für einen winzigen Augenblick stockte er. Mehr brauchte Anna nicht.
„Du hast es also gewusst“, sagte sie.
„Gewusst ist übertrieben … Mama hat mich gebeten, mitzufahren und mir das anzuschauen. Ich hab ja nicht ahnen können, dass du gleich so auszuckst.“
„Ich zucke nicht aus. Ich lasse mich nur nicht für blöd verkaufen.“
Lukas ging in die Küche, nahm eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, trank ein paar Schlucke und sprach dann mit offenem Ärger weiter.
„Anna, du treibst immer alles auf die Spitze. Man hätte ganz normal helfen können. Du wohnst ja nicht ständig dort. Was ist denn dabei? Bist du so geizig, oder was?“
Anna lehnte sich mit der Schulter an den Türstock. In ihrem Gesicht regte sich nichts, aber ihre Finger krampften sich zusammen.
„Geizig? Nein. Mich ekelt nur an, dass ihr hinter meinem Rücken beschlossen habt, mein Eigentum wäre plötzlich gemeinschaftlich, und gemeinschaftlich heißt bei euch offenbar: gehört deiner Mutter. Genau das ekelt mich an.“
„Jetzt fangst schon wieder an.“
„Nein, Lukas. Angefangen hast du. In dem Moment, in dem du deine Mutter hingefahren hast, damit sie ein fremdes Haus wie eine freie Unterkunft besichtigt.“
Er stellte die Flasche so hart auf den Tisch, dass Wasser über den Rand schwappte.
„Fremd, fremd … Was bin ich dann für dich? Irgendein Fremder?“
„Mein Mann. Einer, der meine Grenzen schützen hätte sollen, statt sich wie ein Vermittler bei einer Besitznahme aufzuführen.“
„Was für große Worte.“
„Passende Worte.“
Anna ging ins Zimmer, öffnete den Kasten und zog eine Reisetasche heraus.
„Was machst du da?“, fragte Lukas scharf.
„Ich packe deine Sachen. Heute schläfst du bei deiner Mutter.“
„Bist du komplett verrückt geworden?“
„Nein. Ich habe nur endlich aufgehört, so zu tun, als wäre nichts Schlimmes passiert.“
Er machte einen Schritt auf sie zu.
„Du hast kein Recht, mich hinauszuwerfen.“
Anna drehte sich so abrupt zu ihm um, dass er von selbst stehen blieb.
„Diese Wohnung gehört mir. Gekauft vor der Ehe. Und jetzt gehst du freiwillig, ohne Theater. Oder ich rufe die Polizei und erkläre, dass jemand nach einem Konflikt die Wohnung der Eigentümerin nicht verlassen will.“
Lukas starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. Vielleicht war es auch genau so. Früher hatte Anna vieles geglättet. Sie hatte geschwiegen, wenn ihre Schwiegermutter an ihrem Essen herumgenörgelt hatte. Sie hatte nicht widersprochen, wenn Barbara unangemeldet vor der Tür gestanden war. Sie hatte es hingenommen, wenn Lukas versprach, ihr am Land zu helfen, und dann im letzten Moment plötzlich „Wichtigeres“ zu tun hatte. Und während sie bei lauter Kleinigkeiten immer wieder nachgegeben hatte, hatte sie gar nicht bemerkt, wie sie in den Augen dieser Familie zu jemandem geworden war, der ohnehin alles schluckte.
„Wegen dem Haus?“, fragte er dumpf. „Du machst unsere Ehe wegen einem Haus kaputt?“
„Nicht wegen dem Haus. Sondern weil du dir angemaßt hast, über etwas zu verfügen, das dir nicht gehört. Heute ist es das Haus. Was kommt morgen? Wen stellst du mir als Nächstes ins Leben, nur weil deine Mutter es so will?“
Er versuchte noch, dagegenzureden. Anna sei zu scharf, meinte er. Man hätte alles in Ruhe klären können. Seine Mutter habe ja bloß Verwandten helfen wollen. Aber während er sprach, legte er seine Sachen bereits in die Tasche. Er riss Laden auf, warf Leiberl hinein, machte absichtlich Lärm, als würde der Krach seine Kränkung beweisen. Anna hielt ihn nicht auf. Sie stand beim Fenster, hörte zu und merkte irgendwann, dass sie weder Reue noch Angst empfand. Nur Müdigkeit. Eine schwere, alte Müdigkeit von all dem langen So-tun-als-ob.
Bevor Lukas ging, schleuderte er seine Schlüssel auf das Kästchen im Vorzimmer.
„Wenn du dich beruhigt hast, rufst du mich an.“
„Warte nicht darauf“, sagte sie.
Die Tür fiel ins Schloss. Anna sperrte sofort ab und zog den Schlüssel von innen heraus. Dann nahm sie den Schlüsselbund vom Kästchen, legte ihn in eine Lade und setzte sich erst danach hin. Nicht auf den Boden, nicht in einem hysterischen Zusammenbruch, nicht wie eine Heldin aus irgendeiner Serie. Sie setzte sich einfach auf die kleine Bank im Vorzimmer. Einige Minuten blieb sie reglos sitzen. Dann hob sie den Kopf, sah ihr Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe und stieß plötzlich ein kurzes, fast böses Lachen aus. Also war es so einfach. Man musste nur ein einziges Mal nicht schweigen, und schon erinnerten sich die Menschen erstaunlich schnell daran, was ihnen gehört und was nicht.
Am nächsten Tag rief Barbara selbst an.
„Was erlaubst du dir eigentlich?“, fuhr sie ohne Begrüßung los. „Lukas schläft wegen deiner Launen bei mir.“
„Nicht wegen meiner“, sagte Anna. „Wegen seiner eigenen.“
„Du weißt deinen Mann überhaupt nicht zu schätzen. Wegen irgendeinem Häuschen machst du so einen Aufstand.“
