„Das Haus im Dorf räumst du, meine Verwandtschaft zieht dort ein“ — Anna stand fassungslos bei der Sommerwaschstelle

Schmerzhaft ungerecht, alte Räume verlieren stille Bedeutung.
Geschichten

Offenbar glaubte Barbara Andrejewna, Anna wisse nicht, was sie darauf sagen sollte, und redete deshalb rasch weiter.

— Lea ist wirklich in einer schwierigen Lage. Mit zwei Kindern zieht sie von einer Mietgelegenheit zur nächsten. Ihr Mann ist dauernd unterwegs, auf den ist kaum Verlass. Und hier wäre alles schon da. Das Haus steht die meiste Zeit leer. Du kommst ja sowieso nur ab und zu her. Es ist doch schade, wenn so ein Gut ungenützt bleibt.

Langsam wandte Anna den Blick zu ihrem Mann.

— Lukas?

Er räusperte sich, rieb sich über den Nasenrücken und begann in einem Tonfall zu sprechen, als ginge es nicht darum, fremde Leute einziehen zu lassen, sondern bloß darum, ein paar Säcke Erde unter das Vordach zu stellen.

— Anna, bitte fahr jetzt nicht gleich auf. Mama hat ja nicht ganz unrecht. Das Haus ist wirklich den Großteil der Zeit unbewohnt. Und Lea hat Kinder, die brauchen frische Luft. Sie könnten halt eine Zeitlang hier sein, ein bisserl nach dem Rechten schauen. Für dich wäre es sogar eine Erleichterung.

Anna schob ihr Häferl von sich weg. Der Ton kratzte leise über die Tischplatte.

— Wer ist diese Lea überhaupt? — fragte sie.

— Die Tochter meiner Cousine, — antwortete die Schwiegermutter sofort. — Also keine Fremden.

— Für Sie vielleicht nicht. Für mich schon.

— Jetzt stell dich doch nicht gleich so an, — verzog Barbara Andrejewna das Gesicht. — Verwandtschaft bleibt Verwandtschaft.

Anna erhob sich vom Tisch. Nicht hastig, nicht theatralisch. Sie stand einfach auf, ging zum Fenster und blickte hinaus in den Hof, wo eine Kiste mit Jungpflanzen stand, die aus dem Glashaus geholt worden war. Sie spürte, wie ihr Gesicht schwer wurde, und wusste: Noch ein paar Sekunden, dann würde ihre Stimme hart klingen. Angst machte ihr das nicht. Manchmal musste man genau so reden, damit etwas endlich bei den Leuten ankam.

— Klären wir das einmal, — sagte sie, ohne sich umzudrehen. — Wer hat überhaupt jemanden eingeladen, in meinem Haus zu wohnen?

Hinter ihr entstand eine kurze Stille.

— Na ja… wir haben darüber gesprochen, — meinte die Schwiegermutter, nun schon weniger sicher. — Mit Lukas. Er ist dein Mann, ihm ist das ja auch nicht egal.

Anna drehte sich um.

— Ich habe nicht gefragt, mit wem darüber geredet wurde. Ich habe gefragt, wer eingeladen hat.

Lukas hob endlich den Kopf, vermied aber ihren Blick.

— Ich hab Mama gesagt, man könnte darüber nachdenken, — murmelte er. — Nur nachdenken, Anna. Ohne Theater.

— Ohne Theater? — wiederholte sie langsam. — Ihr seid in mein geerbtes Haus gekommen, habt Hof, Zimmer, Schuppen und Bad angeschaut, habt überlegt, wo fremde Betten stehen könnten, und deine Mutter spricht schon davon, wann übersiedelt wird. Das nennst du nachdenken?

Barbara Andrejewna sackte sichtbar in sich zusammen. Der selbstverständliche Ton, mit dem sie vorher aufgetreten war, bekam Risse, auch wenn sie noch versuchte, Haltung zu bewahren.

— Was ist denn dabei? Ich mein es doch menschlich. Wir setzen ja niemanden auf die Straße. Im Gegenteil, das Haus wäre beaufsichtigt. Ist im Winter überhaupt irgendwer hier? Nein. So würden Leute da sein, einheizen, Schnee räumen, nach dem Hof schauen.

— Nach meinem Hof? — Anna legte den Kopf leicht schief. — Aus welchem Anlass?

— Weil ihre Lage schwierig ist.

— Die halbe Republik hat es schwer. Das gibt trotzdem niemandem das Recht, in ein fremdes Haus hineinzuspazieren und die Zimmer aufzuteilen, während die Eigentümerin in der Küche Häferl abwäscht.

Lukas zuckte mit der Schulter.

— Red nicht so mit meiner Mutter.

— Wie denn sonst? Soll ich zuhören, wie ihr zwei über mein Eigentum verfügt, und brav nicken?

— Schon wieder dein Eigentum, — sagte er gereizt. — Wir sind eine Familie.

Anna warf ihm einen Blick zu, der ihn mitten im Satz verstummen ließ. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn jemand dieses Wort benutzte, um Unverschämtheit damit zuzudecken.

— Gerade weil du mein Mann bist, hättest du als Erster zu deiner Mutter sagen müssen: Nein, ohne Anna wird darüber nicht entschieden. Stattdessen hast du sie hergebracht, damit sie sich das Haus anschauen kann.

Barbara Andrejewna atmete laut aus und versuchte noch einmal, in die Offensive zu gehen.

— Wem machst du es denn so schwer? Die Leute bleiben ja nicht für immer. Nur vorübergehend. Im Herbst finden sie vielleicht etwas anderes. Oder bei ihnen ordnet sich bis dahin alles. Du redest ja, als ginge es um ein Schloss.

— Ich rede nicht von einem Schloss. Ich rede von meinem Haus. Von einem Haus, das ich von meiner Tante bekommen habe, das ich überschrieben, hergerichtet und erhalten habe. Und hier zieht niemand ein, nur weil es Ihnen gerade praktisch vorkommt.

— Also helfen willst du nicht? — kniff die Schwiegermutter die Augen zusammen.

— Ob ich helfen will oder nicht, ist überhaupt nicht Ihre Frage. Sie sind nicht gekommen, um zu bitten. Sie sind gekommen, um zu bestimmen.

Lukas stand abrupt auf.

— Anna, jetzt bleib ruhig. Ja, Mama hat es ungeschickt gesagt. Man kann das doch normal besprechen.

— Besprechen hätte man es müssen, bevor sie angefangen hat, Kinderzimmer auszusuchen.

Barbara Andrejewna schnaubte verächtlich.

— Na, sehr empfindlich sind wir. Gleich hängt man sich an ein paar Worten auf.

— Ich hänge mich nicht an Worten auf. Ich hänge mich an die Bedeutung dahinter.

Anna ging zur Garderobe, nahm den Schlüsselbund vom Haken und legte ihn vor ihrem Mann auf den Tisch.

— Das sind die Schlüssel, die du für den Notfall hattest?

Lukas nickte.

— Gib deinen auch her.

— Jetzt?

— Ja. Jetzt.

Er griff in die Jackentasche, zog den Schlüssel heraus und legte ihn wortlos daneben. Das Metall schlug kurz gegen die Tischplatte. Anna nahm beide Schlüsselbünde in die Hand und sprach weiter, nun vollkommen ruhig, ohne jedes unnötige Gefühl in der Stimme.

— Heute esst ihr noch zu Mittag, dann fahrt ihr. Ab jetzt kommt niemand mehr ohne vorherigen Anruf hierher. Ich habe niemanden eingeladen, sich das Haus anzuschauen. Ich habe niemandem erlaubt, hier zu wohnen. Wenn irgendwer aus Ihrer Verwandtschaft schon glaubt, er könne hier einziehen, dann richten Sie aus: nein.

— Schau an, da hat sich ja eine richtige Hausherrin gefunden, — zischte Barbara Andrejewna.

— Ja. Die Hausherrin. Genau das.

Nach diesen Worten war der frühere Ton endgültig dahin. Die Schwiegermutter sprach nicht mehr von geräumigen Zimmern. Lukas tat nicht länger so, als würde sich alles irgendwie von selbst erledigen. Sie saßen zwar noch immer in Annas Küche, doch die Sicherheit, mit der sie dieses Haus betreten hatten, war verschwunden.

Das Mittagessen verlief angespannt. Barbara Andrejewna versuchte ein paar Mal, ein Gespräch über das Wetter und die Jungpflanzen anzufangen, verhedderte sich aber selbst und verstummte wieder. Lukas kaute, ohne den Kopf richtig zu heben. Anna räumte den Tisch ab, brachte die Reste zu den Hühnern hinaus und kam zurück. Da stand die Schwiegermutter bereits im Vorraum und strich nervös die Ärmel ihrer Jacke glatt.

— Wir werden wohl fahren, — sagte sie. — Sonst wird es noch spät.

„Gute Reise und kommts mir nicht zu bald wieder“, sagte Anna nicht laut. Sie nickte nur und öffnete die Tür.

Als das Auto hinter der Kurve verschwunden war, blieb sie noch lange beim Gartentor stehen. Die Luft roch nach feuchter Erde und nach Rauch aus dem Ofen der Nachbarn. Es war derselbe Tag, derselbe Grund, dasselbe Haus, und doch hatte sich in ihr etwas verschoben. Nicht, weil Barbara Andrejewna sich zu viel herausgenommen hatte. An solche Auftritte war Anna längst gewöhnt. Viel schlimmer war etwas anderes: Lukas hatte alles gewusst. Mehr noch, er hatte mitgemacht.

Gegen Abend ging sie noch einmal durchs ganze Haus, schloss sämtliche Fenster, kontrollierte den Schuppen und das kleine Bad. Auf dem obersten Brett in der Speis, wo sie fast nie hinschaute, entdeckte sie ordentlich gestapelte Schachteln mit Kindergeschirr, das Tante Maria irgendwann für das Nachbarsmädchen aufgehoben hatte.

Hedis Stube