„Das Haus im Dorf räumst du, meine Verwandtschaft zieht dort ein“ — Anna stand fassungslos bei der Sommerwaschstelle

Schmerzhaft ungerecht, alte Räume verlieren stille Bedeutung.
Geschichten

Anna blieb vor den Kartons stehen, und ohne es zu wollen, sah sie plötzlich eine fremde Lea vor sich: wie sie hier herumwirtschaftete, ihre eigenen Handtücher aufhängte, fremde Sackerl ins Haus schleppte, die Kinder auf einen Hocker stellte, damit sie aus dem Fenster schauen konnten, und nach ein paar Wochen ganz beiläufig sagte: „Na ja, wir haben uns hier ja schon eingelebt.“

Dieser Gedanke wirkte stärker als jeder Kaffee. Anna nahm ihr Handy und rief den Schlosser aus dem nächstgrößeren Ort an, der ihr im Herbst den neuen Riegel am Gartentor montiert hatte.

„Könnten Sie morgen vorbeikommen?“, fragte sie. „Ich brauche ein neues Schloss an der Haustür. Und am Schuppen auch.“

„Nach Mittag geht es sich aus“, sagte er.

„Ich warte auf Sie.“

Am nächsten Tag empfing sie den Handwerker schon beim Gartentor, zeigte ihm genau, was ausgetauscht werden musste, und achtete darauf, dass er die alten Zylinder gleich mitnahm. Danach fuhr sie noch zu Hedwig Petrowna, der Nachbarin, die zwei Häuser weiter wohnte und das ganze Jahr über dort war.

„Hedwig Petrowna, wenn Sie bei meinem Hof jemanden mit Taschen oder Koffern sehen, rufen Sie mich bitte sofort an. Vor allem, wenn die Leute behaupten, sie hätten eine Erlaubnis.“

Die Nachbarin schlug entsetzt die Hände zusammen.

„Ja genau das wollte ich dir eh erzählen! Deine Schwiegermutter ist schon letzten Samstag hier gewesen. Nicht allein, da war noch eine Frau dabei und ein Bub. Sie sind beim Zaun gestanden und haben besprochen, wo der Garten ist und wo das Bad liegt. Ich hab gedacht, du weißt davon.“

Ein paar Sekunden lang sagte Anna gar nichts. Sie schaute Hedwig nur an, und in diesem Moment fügte sich alles endgültig zusammen. Es war also kein spontanes Gerede gewesen, keine ungeschickte Idee, kein Satz, der im Ärger herausgerutscht war. Sie hatten das Haus bereits hergezeigt. Sie hatten jemanden bis zum Zaun geführt. Sie hatten schon überlegt, wie bequem es hier werden würde.

„Danke, dass Sie mir das gesagt haben“, antwortete Anna leise.

In die Stadt kam sie erst spät am Abend zurück. Die Wohnung gehörte ihr, sie hatte sie schon vor der Ehe gekauft, zwei Zimmer, nicht groß, aber ihre. Nach der Hochzeit war Lukas zu ihr gezogen. Früher war ihr das selbstverständlich vorgekommen. Jetzt sah es plötzlich anders aus: In letzter Zeit hatte er sich viel zu oft so benommen, als stünde ihm Fremdes ganz automatisch zu. Nicht nur das Haus am Land. Auch ihre Zeit. Ihre Kraft. Ihre Ruhe.

Lukas wartete im Vorzimmer auf sie.

„Warum bist du nicht ans Telefon gegangen?“

„Ich war beschäftigt.“

„Mama ist übrigens beleidigt.“

Anna zog die Jacke aus, hängte sie an den Haken und sah ihn erst dann an.

„Ich habe die Schlösser austauschen lassen.“

Er blinzelte.

„Welche Schlösser?“

„Im Haus. Und am Schuppen. Dort hat jetzt niemand mehr einen Schlüssel.“

„Sag einmal, bist du noch ganz normal?“, fuhr Lukas sie an. „Was soll denn dieses Theater?“

„Das Theater gibt es, weil deine Mutter dort schon Leute hinführt und ihnen mein Grundstück zeigt. Die Nachbarin hat es mir erzählt.“

Für den Bruchteil einer Sekunde geriet er ins Stocken. Mehr brauchte Anna nicht, um Bescheid zu wissen.

„Du hast es also gewusst“, sagte sie.

„Nicht direkt gewusst … Mama hat mich gebeten, hinzufahren und mir das anzuschauen. Ich hab doch nicht damit gerechnet, dass du gleich so auszuckst.“

„Ich zucke nicht aus. Ich lasse nur nicht zu, dass ihr mich für blöd verkauft.“

Lukas ging in die Küche, nahm eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank, trank ein paar Schlucke und sprach dann mit offenem Ärger weiter.

„Anna, du treibst immer alles bis zum Äußersten. Man hätte ganz normal helfen können. Du wohnst ja nicht ständig dort. Was ist denn dabei? Bist du so geizig?“

Anna lehnte sich mit der Schulter an den Türstock. In ihrem Gesicht bewegte sich kein Muskel, doch ihre Finger verkrampften sich.

„Geizig? Nein. Mich ekelt nur an, dass ihr hinter meinem Rücken beschlossen habt, mein Eigentum sei gemeinschaftlich, und gemeinschaftlich heißt bei euch offenbar: Es gehört deiner Mutter. Genau das ekelt mich an.“

„Da fängst du schon wieder an.“

„Nein, Lukas. Angefangen hast du. In dem Augenblick, in dem du deine Mutter hingefahren hast, damit sie sich ein fremdes Haus wie eine freie Unterkunft anschaut.“

Er stellte die Flasche so hart auf den Tisch, dass Wasser über den Rand schwappte.

„Fremd, fremd … Was bin ich denn dann für dich? Irgendein Außenstehender?“

„Mein Mann. Einer, der meine Grenzen schützen sollte, statt sich wie ein Vermittler bei einer Übernahme aufzuführen.“

„Was du für Worte verwendest …“

„Passende.“

Anna ging ins Zimmer, öffnete den Kasten und holte eine Reisetasche heraus.

„Was machst du da?“, fragte Lukas scharf.

„Ich packe deine Sachen. Heute übernachtest du bei deiner Mutter.“

„Bist du wahnsinnig geworden?“

„Nein. Ich habe nur endlich aufgehört, so zu tun, als wäre nichts Schlimmes passiert.“

Er machte einen Schritt auf sie zu.

„Du hast kein Recht, mich hinauszuwerfen.“

Anna drehte sich so abrupt zu ihm um, dass er von selbst stehen blieb.

„Diese Wohnung gehört mir. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Und jetzt gehst du freiwillig, ohne Vorstellung. Oder ich rufe die Polizei und erkläre, dass sich jemand nach einem Streit weigert, die Wohnung der Eigentümerin zu verlassen.“

Lukas starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. Vielleicht war es auch so. Früher hatte Anna vieles geglättet. Sie hatte geschwiegen, wenn ihre Schwiegermutter ihr Essen kritisierte. Sie hatte nicht widersprochen, wenn Barbara ohne Anruf vor der Tür stand. Sie hatte es hingenommen, wenn Lukas versprach, ihr am Land zu helfen, und im letzten Moment plötzlich wichtigere Dinge zu erledigen hatte. Doch mit jedem kleinen Nachgeben hatte sie gar nicht bemerkt, wie sie in den Augen dieser Familie zu einem Menschen geworden war, der ohnehin alles schluckte.

„Wegen dem Haus?“, fragte er dumpf. „Du machst unsere Familie wegen einem Haus kaputt?“

„Nicht wegen dem Haus. Sondern weil du dir erlaubt hast, über etwas zu verfügen, das dir nicht gehört. Heute ist es das Haus. Und morgen? Wen bringst du als Nächstes in mein Leben, nur weil deine Mutter es so will?“

Er versuchte noch eine Weile zu diskutieren. Sagte, Anna sei überempfindlich, man hätte alles regeln können, seine Mutter habe doch nur der Verwandtschaft helfen wollen. Gleichzeitig packte er aber schon seine Sachen in die Tasche. Er riss die Laden laut auf, warf T-Shirts hinein, machte absichtlich Lärm. Anna hinderte ihn nicht daran. Sie stand beim Fenster, hörte zu und begriff irgendwann, dass sie weder Reue noch Angst empfand. Nur Müdigkeit. Eine tiefe Müdigkeit von diesem viel zu lange aufrechterhaltenen Schauspiel.

Bevor Lukas ging, warf er die Schlüssel auf die kleine Kommode im Vorzimmer.

„Wenn du dich beruhigt hast, rufst du an.“

„Warte nicht darauf“, sagte sie.

Die Tür fiel ins Schloss. Anna drehte sofort den Schlüssel um und zog ihn von innen ab. Dann ging sie zur Kommode, nahm sein Schlüsselbund, legte ihn in eine Lade und setzte sich erst danach hin. Nicht auf den Boden, nicht in einem hysterischen Zusammenbruch, nicht in irgendeiner schönen Serienpose. Einfach auf die schmale Bank im Vorzimmer. Einige Minuten blieb sie reglos sitzen. Dann hob sie den Kopf, sah ihr Spiegelbild im dunklen Glas der Tür und lachte plötzlich kurz auf, beinahe böse. Also so einfach war das. Man musste nur ein einziges Mal nicht schweigen, und schon erinnerten sich die Leute erstaunlich schnell daran, wo das Eigene aufhört und das Fremde beginnt.

Am nächsten Tag rief Barbara Andrejewna von selbst an.

„Was bildest du dir eigentlich ein?“, begann sie ohne Gruß. „Lukas schläft wegen deiner Launen bei mir.“

„Nicht wegen meiner. Wegen seiner.“

„Du weißt deinen Mann überhaupt nicht zu schätzen. Wegen irgendeines Häuschens veranstaltest du so ein Drama.“

Hedis Stube