„Häuschens?“, fragte Anna ganz ruhig nach. „Wenn das für Sie nur ein Häuschen ist, brauchen wir gar nicht weiterzureden. Dann suchen Sie sich eben ein anderes.“
„Lea hat die Kinder übrigens schon darauf eingestellt“, zischte Barbara. „Die haben geglaubt, sie kommen den Sommer über an die frische Luft.“
„Dann hätten Sie ihnen halt keine falschen Hoffnungen machen sollen.“
„Schämst du dich denn gar nicht?“
„Nein. Und Sie?“
Für einen Augenblick war am anderen Ende der Leitung nichts zu hören. Dann fand Barbara Andrejewna wieder in ihren gewohnten Ton zurück: gekränkt, drängend und vorwurfsvoll zugleich.
„Du warst immer schon so versessen auf deins. Immer nur: mein Haus, meine Sachen, mein Recht. So führt man keine Ehe.“
„Und indem man sich fremdes Eigentum unter den Nagel reißt, erst recht nicht“, sagte Anna und legte auf.
Eine Woche später kam von Lukas eine Nachricht: „Können wir in Ruhe reden?“ Anna stimmte zu, allerdings nicht daheim. Sie schlug ein kleines Kaffeehaus beim Markt vor. Dort war sie schon vor ihm, setzte sich an einen Tisch am Fenster und wartete.
Lukas kam ein paar Minuten zu spät. Er setzte sich ihr gegenüber, nahm den Löffel vom Unterteller, drehte ihn lange zwischen den Fingern hin und her und brachte schließlich hervor:
„Mama ist zu weit gegangen. Das geb ich zu.“
„Weiter.“
Er hob kurz den Blick. „Was heißt weiter?“
„Sag weiter.“
„Aber du hättest auch nicht gleich so hart reagieren müssen.“
„Weiter.“
Diesmal stieß er die Luft gereizt aus. „Was willst du denn noch hören? Ich bin hergekommen, damit wir uns wieder vertragen.“
„Vertragen kann man sich, wenn einer begreift, was er getan hat. Begreifst du es?“
„Ich hab doch gesagt, sie haben übertrieben.“
„Nicht sie. Du.“ Anna sprach leise, aber jedes Wort saß. „Du hast deiner Mutter erlaubt, mein Haus herzuzeigen. Du hast daneben gestanden, während sie dort schon Pläne gemacht hat. Und danach warst du auch noch empört, weil ich die Schlösser austauschen hab lassen.“
Lukas schaute weg.
„Ich hab gedacht, du würdest dich mit der Zeit schon damit abfinden“, murmelte er.
„Genau das ist der Punkt. Du wolltest mich nicht fragen. Du wolltest warten, bis ich nachgebe.“
Darauf wusste er nichts zu sagen. Er griff nach der Speisekarte, als könnte zwischen Kaffee und Apfelstrudel plötzlich der richtige Satz stehen, legte sie aber gleich wieder zurück.
„Also war’s das?“, fragte er schließlich.
„Ja.“
„Wegen eines Prinzips?“
„Wegen fehlenden Respekts.“
Mehr gab es nicht mehr zu besprechen. Anna stand als Erste auf, zog den Mantel an und ging. Lukas lief ihr nicht nach. Er fasste sie nicht am Arm, bat nicht um eine letzte Minute und versuchte auch nicht, vor der Tür noch irgendeine schöne Erklärung zusammenzubasteln. Auch das war eine Antwort. Ein Mensch, der daran gewöhnt ist, dass die Mutter und die Umstände für ihn entscheiden, kann weder beschützen noch festhalten. Er kann nur beleidigt sein, sobald ihm die Bequemlichkeit genommen wird.
Die Scheidung zog sich dahin. Schnell ging nichts, auch wenn Anna und Lukas keine Kinder hatten und kein gemeinsames Vermögen aufzuteilen war. Ein gemeinsamer Gang zum Standesamt, bei dem beide so getan hätten, als sei alles einvernehmlich, wäre eine Lüge gewesen. Also reichte Anna die Scheidung bei Gericht ein.
Anfangs drohte Lukas noch. Dann wurde er stiller. Wahrscheinlich versuchte Barbara Andrejewna auch in dieser Sache, Ratschläge zu erteilen, doch der frühere Druck war weg. Seit jener Szene im Dorf hatte Anna von ihrer Schwiegermutter kein einziges Mal mehr diesen selbstsicheren Ton gehört. Es blieben nur bissige Bemerkungen über Bekannte und hin und wieder der Versuch, die Geschichte so zu drehen, als wäre die Schwiegertochter eben „schwierig“ gewesen.
Den Sommer verbrachte Anna allein im Dorf. Und seltsamerweise war es der erste Sommer seit langer Zeit, in dem sie wirklich zur Ruhe kam. Sie stand früh auf, öffnete die Fenster, ließ die Hühner hinaus und ging barfuß über die von der Sonne erwärmten Bretter der Veranda. Was sie dabei spürte, war keine Leere. Es war Erleichterung.
An den Wochenenden kam Sophie vorbei. Manchmal schaute Hedwig Petrowna mit einem Glas Sauerrahm oder mit Neuigkeiten aus der Nachbarschaft herein. Das Haus lebte wieder seinen eigenen Rhythmus. Es roch nach frischem Holz, nach getrockneter Minze – nicht als Tee, sondern in kleinen Bündeln oben am Dachboden – und nach Apfelblüten.
Im Juli stand eines Tages eine fremde Frau mit einem Buben von vielleicht zehn Jahren vor dem Gartentor. Anna erkannte sie sofort aus den Beschreibungen der Nachbarin. Das musste Lea sein.
„Grüß Gott“, begann die Frau unsicher. „Wahrscheinlich hätte ich gar nicht kommen sollen. Ich wollte nur kurz mit Ihnen reden.“
Anna öffnete schweigend das Gartentor, führte die beiden aber nicht weiter als bis in den Hof.
Lea sah an ihr vorbei, als wäre ihr der direkte Blick unangenehm. „Mir ist gesagt worden, dass wir hier im Sommer wohnen könnten. Später hab ich dann verstanden, dass das offenbar nicht so ausgemacht war. Ich wollte mich entschuldigen. Wir haben inzwischen bei einer Bekannten ein anderes Haus gemietet. Ich wär selbst auch nie ohne Erlaubnis in etwas Fremdes hineingegangen.“
Anna betrachtete sie aufmerksam. Vor ihr stand keine Eroberin, keine Frau, die sich bewusst etwas nehmen wollte. Da stand eine müde Mutter, die von jemand anderem in dessen Dreistigkeit hineingezogen worden war.
„Dann war es richtig, dass Sie etwas anderes genommen haben“, sagte Anna. „Gegen Sie persönlich hab ich nichts. Aber hier zieht niemand ein, wenn ich nicht vorher Ja sage.“
„Das versteh ich“, nickte Lea hastig. „Barbara Andrejewna hat nur so sicher geredet, als wäre alles längst abgemacht.“
„Genau das war ja das Problem.“
Sie verabschiedeten sich ruhig. Als das Gartentor wieder ins Schloss fiel, merkte Anna plötzlich, dass die ganze Geschichte sie endgültig losgelassen hatte. Nicht, weil Lea sich entschuldigt hatte. Sondern weil nun alles wieder an seinem Platz war. Jeder stand dort, wo er hingehörte: Barbara ohne fremdes Haus, Lukas ohne bequeme Ehefrau, Anna in ihrem eigenen Hof, in dem niemand mehr die Zimmer nach fremden Plänen ausmaß.
Im Herbst, nachdem das Gericht den letzten Punkt gesetzt hatte, fuhr Anna nicht bloß fürs Wochenende hinaus, sondern gleich für eine ganze Woche. Die Saison musste abgeschlossen werden: Werkzeug wegräumen, alles winterfest machen, die Vorhänge abnehmen …
Sie hielt inne und strich das Wort sogar in Gedanken durch. Nein, Vorhänge gab es hier gar nicht. Nur hölzerne Fensterläden, die Tante Maria jeden Winter sorgfältig geschlossen hatte. Anna musste über sich selbst schmunzeln, stieg auf einen Hocker und befestigte den Haken.
Am Abend saß sie auf der Veranda, ein Häferl mit heißem Kompott in den Händen, und hörte einem Hund zu, der irgendwo hinter den Gärten bellte. Im Hof wurde es rasch dunkel. Warmes Licht fiel aus dem Fenster auf die Stufen, der Schuppen warf einen langen Schatten, und der Apfelbaum raschelte leise mit seinen letzten Blättern.
Anna dachte an jenen Maitag zurück, fast ohne Zorn. Barbara Andrejewna war damals in dieses Haus gekommen wie jemand, der es nicht gewohnt war, Widerstand zu erleben. Lukas war neben ihr hergegangen und hatte geschwiegen, weil er überzeugt gewesen war, alles werde sich schon fügen: Die Mutter würde entscheiden, und die Ehefrau würde, wie so oft, die Kanten glätten. Sie hatten sich beide geirrt. Vielleicht lag gerade darin der eigentliche Wert dieser ganzen Geschichte.
Über fremdes Eigentum und über fremdes Leben kann man nur so lange verfügen, wie der Mensch, dem es gehört, schweigt.
Anna schwieg nicht mehr.
Am nächsten Morgen sperrte sie das Haus ab, kontrollierte den Schuppen, strich mit der Hand über das Gartentor, setzte sich ins Auto und sah noch einmal zurück in den Hof. Da war nichts Überflüssiges. Nichts Unklares. Nichts, worüber noch jemand zu verhandeln gehabt hätte. Das Haus stand so fest da wie im Frühling. Nur war in ihm jetzt mehr Stille – nicht jene, die schwer auf einem liegt, sondern eine, in der man niemandem mehr etwas beweisen muss.
Sie startete den Motor und bog auf die Straße hinaus. Dabei wusste sie schon, dass sie in einer Woche wiederkommen würde. In ihr Haus. Ohne fremde Anordnungen. Ohne sich nach Menschen umzuschauen, die einmal geglaubt hatten, ihr Schweigen würde ewig dauern.
