„Nein, eh nicht. Ich hab sie dem Erstbesten an der Haltestelle abgekauft.“
Barbara verzog sogar kurz den Mund, als wollte sie lachen, doch gleich darauf kniff sie die Augen vor Schmerz zusammen.
„Du musst immer sticheln.“
„Wie soll ich denn sonst reden? Wenn ich damit aufhör, fang ich zum Schreien an.“
Anna füllte die Suppe in ein Häferl und reichte es ihr. Die Schwiegermutter nahm ein paar Schlucke, schwieg eine Weile und fragte dann leise:
„War Lukas da?“
„In der Früh. Zehn Minuten. Dann ist er in die Arbeit geflüchtet.“
„Und Johanna?“
„Hat angerufen. Sie hat gesagt, sie hält den Anblick nicht aus.“
„Verstehe.“
In diesem knappen „Verstehe“ steckte mehr Wahrheit als in sämtlichen Familienansprachen der letzten zehn Jahre.
Als dann die Entlassung aus dem Spital näher rückte, war Johanna auf einmal furchtbar eingespannt. Einmal waren es die Kinder, dann der Handwerker im Bad, dann war ihr Mann dagegen, dann hatte der Kleine Husten, und einem älteren Menschen müsse man ja selbstverständlich Ruhe gönnen.
Lukas ist am Abend in der Küche gesessen, hat einen Löffel zwischen den Fingern gedreht und in Richtung Tischplatte gemurmelt:
„Ich weiß wirklich nicht, wie wir das machen sollen. Eine Pflegerin? Das kostet ein Vermögen. Und Mama hält fremde Leute nicht aus.“
„Mich hält sie also aus?“, fragte Anna.
„Fang bitte nicht an.“
„Ich fang gar nichts an. Ihr fangt immer dann an, wenn es euch gerade passt.“
Da hob er den Blick. Diesmal war darin kein Ärger, sondern reine Ratlosigkeit.
„Anna, im Ernst. Was sollen wir tun?“
Sie sah ihn an und begriff plötzlich ganz klar: Die Hilflosesten in dieser Geschichte waren nicht die Frauen. Am wenigsten konnte ausgerechnet der Mensch, der es sich jahrzehntelang bequem gemacht hatte, indem er nie etwas entschied.
„Wir nehmen sie zu uns“, sagte sie.
„Wirklich?“
„Ja. Aber nur unter einer Bedingung, und die sage ich jetzt ganz deutlich. Ich bin weder Haushaltshilfe noch Blitzableiter noch Gratispflegerin. Ich helfe einem Menschen, wieder auf die Beine zu kommen. Sobald Befehle, Vorwürfe oder Versuche anfangen, sich auf meinen Buckel zu setzen, ist am selben Tag Schluss.“
„Danke.“
„Bedank dich nicht bei mir. Lern lieber endlich, irgendetwas ohne Mama links und Ehefrau rechts zu erledigen.“
In den ersten Tagen daheim war Barbara auffallend still. Danach schob sich das Alte wieder hervor.
„Anna, der Brei ist zu dick.“
„Dann geben Sie heißes Wasser dazu.“
„Anna, auf deinem Regal liegt Staub.“
„Dort liegen Servietten.“
„Anna, mach das Fenster auf.“
„Es ist offen. Sie haben es nur nicht bemerkt.“
Am vierten Tag blieb Anna in der Tür stehen und sagte ruhig, ohne laut zu werden:
„Wir klären das jetzt gleich. Sie sind hier, weil Sie Betreuung brauchen. Ich koche, wasche, erinnere an die Tabletten und fahre Sie zum Arzt. Aber mein Leben kontrollieren und mir Vorschriften machen werden Sie nicht mehr. Wenn Ihnen das nicht passt, rufen Sie Johanna an. Vielleicht verschwinden ihre ganzen Umstände ja plötzlich.“
Barbara presste die Lippen zusammen.
„Du redest grob mit mir.“
„Dafür versteht man es.“
„Ich hab doch nur den Staub erwähnt.“
„Nein. Sie haben geprüft, ob das alte Spiel noch funktioniert. Tut es nicht.“
Lange sagte die Schwiegermutter kein Wort. Dann nickte sie unerwartet.
Von da an war es in der Wohnung zum ersten Mal nicht mehr so stickig. Abends saß Barbara in der Küche und schälte langsam Gemüse, nur um sich nicht wie ein Möbelstück zu fühlen. Anna richtete das Essen her, hörte aus dem Zimmer das leise Gemurmel des Fernsehers und dachte, dass Stille vielleicht genau das war: nicht dauernd erklären zu müssen, warum ein Nein ein Nein ist.
Eines Tages begann Barbara von selbst zu sprechen.
„Meine Schwiegermutter war schlimmer als ich. Viel schlimmer. Sie ist mit dem Finger über die Regale gefahren und hat vor Gästen gesagt, ich koche wie eine Untermieterin. Damals hab ich mir gedacht: Wenn ich einmal alt bin, werde ich wissen, wie es richtig geht. Anscheinend hab ich nur weitergegeben, was ich selber ausgehalten habe.“
„Eine Familienstaffel im Quälen“, sagte Anna.
„So schaut’s aus. Aber weißt du, was daran am grauslichsten ist? Ich hab wirklich geglaubt, ich halte die Familie zusammen. Dabei hab ich alle nur herumkommandiert.“
„Für manche war das sehr praktisch.“
„Du meinst Lukas?“
„Wen denn sonst. Eine herrliche Rolle: ewig zwischen Mutter und Frau stehen, nichts entscheiden und danach seufzen, dass Frauen so schwierig sind.“
Barbara legte das Messer weg.
„Ich hab gehört, wie er am Balkon zu Johanna gesagt hat: ‚Anna raunzt ein bisserl, aber am Ende macht sie’s eh.‘ Weißt du das?“
Anna blieb mit dem Geschirrtuch in den Händen wie erstarrt stehen.
„Nein. Aber es passt zu ihm.“
„Und ich alte Närrin hab erst im Spital begriffen, wer sofort zu mir gekommen ist und wer mit lauter wichtigen Gründen beschäftigt war.“
