„„Aber ohne mich.“ — sagte Anna ruhig und zieht eine klare Grenze bei der Geburtstagsplanung

Der ganze Zirkus is schlichtweg unverschämt.
Geschichten

Anna hätte gern eine bissige Antwort gegeben, aber sie hat kein Wort herausgebracht. Es hat einfach zu genau getroffen.

Noch am selben Abend ist Lukas spät heimgekommen und hat sich mit einem wichtigtuerischen Gesichtsausdruck an den Küchentisch gesetzt.

„Anna, wir müssen reden.“

„Dann red. Aber bitte ohne lange Vorrede.“

„Johanna braucht Geld. Sie stecken mitten in der Renovierung, die Handwerker machen Druck. Könntest du von deiner Prämie vielleicht tausend Euro hergeben? Nur für ein paar Monate.“

Anna hat ihn so ruhig angeschaut, dass er selbst unruhig geworden ist.

„Nein.“

„Du willst nicht einmal darüber sprechen?“

„Worüber denn? Vor einem Monat war ich noch die Kaltherzige. Und jetzt soll ich auf einmal die Bank spielen.“

„Sie ist meine Schwester.“

„Und das ist mein Geld.“

„Du stellst dich absichtlich quer.“

„Nein, Lukas. Ich bin nur nicht mehr bequem.“

Aus dem Zimmer ist Barbaras Stimme gekommen, überraschend fest und klar:

„Und das ist auch gut so.“

Lukas hat sich umgedreht.

„Mama, meinst du das ernst?“

„Ernster geht’s gar nicht. Schluss damit, so zu tun, als müsste Anna euren ganzen Schlamassel ausbaden. Johanna lebt ständig über ihre Verhältnisse und rechnet immer damit, dass irgendwer einspringt. Und du sitzt dein Leben lang zwischen zwei Frauen und nennst das Frieden. In Wahrheit lässt du andere die Arbeit machen.“

„Danke, Mama. Wirklich großartige Unterstützung.“

„Ich unterstütze gerade nicht dich. Ich hab nur endlich angefangen, meinen Kopf zu benützen. Gefüttert, versorgt und zu den Ärzten geführt hat mich nicht Johanna. Und du auch nicht. Also wag es ja nicht, Anna anzuschauen, als wäre sie ein Geldbörsel auf zwei Beinen.“

Lukas ist blass geworden.

„Habt ihr euch jetzt gegen mich verbündet?“

„Nein“, sagte Anna. „Es wird nur zum ersten Mal geredet, ohne dass vorher schon feststeht, dass ich schuld bin.“

Er ist ins Zimmer verschwunden und hat die Tür hinter sich zugeschlagen, aber nicht mehr mit derselben Wucht wie früher. Eher wie jemand, der plötzlich gemerkt hat, dass sein alter Trick nicht mehr zieht.

Ein paar Tage später hat Barbara Anna zu sich gerufen.

„Setz dich her. Und erschrick nicht, ich sterbe nicht.“

„Bei so einem Einstieg kann man trotzdem graue Haare kriegen.“

Auf Barbaras Knien lag eine dicke Mappe voller Unterlagen.

„Nach dem Tod meines Mannes und nachdem die kleine Liegenschaft verkauft worden ist, ist mir etwas Geld geblieben. Nicht viel. Ich hab es für schlechte Zeiten aufgehoben und gedacht, irgendwann bekommt es Lukas. Jetzt hab ich es mir anders überlegt. Du nimmst einen Teil davon und fährst allein auf Urlaub.“

Anna konnte nicht einmal lachen.

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst.“

„Doch. Du hast in all den Jahren so viel Kraft hier hineingesteckt, dass ich es selbst nimmer anschauen kann. Ein Mensch braucht wenigstens ein Stück Leben, das sich nicht ständig um die Wünsche anderer dreht.“

„Ich kann das nicht annehmen.“

„Du wirst es annehmen. Sieh es als Entschädigung für seelischen Schaden. Und fang nicht an zu diskutieren. Ich hab viel zu lange Ordnung mit Kontrolle verwechselt. Damit ist jetzt Schluss.“

Anna setzte sich auf die Stuhlkante. Auf einmal begriff sie etwas Einfaches und zugleich Bitteres: Sie hatte nicht nur gegen ihre Schwiegermutter gekämpft. Sie hatte gegen ein ganzes System angearbeitet, in dem eine Frau still alles tragen, dabei lächeln und am Ende noch dankbar sein sollte, dass man sie überhaupt zur Familie zählte. Und das Merkwürdigste daran war, dass ausgerechnet die Frau, von der sie am allerwenigsten eine menschliche Geste erwartet hatte, es als Erste laut ausgesprochen hat.

Im Vorzimmer fiel die Wohnungstür ins Schloss. Lukas steckte den Kopf in die Küche.

„Wollt ihr Tee?“

„Wollen wir“, sagte Barbara, noch bevor Anna antworten konnte. „Und du setzt dich auch dazu. Wir lernen jetzt, wie man lebt, ohne alles auf eine einzige Frau abzuwälzen. Wir beginnen mit etwas Einfachem: Über die Maifeiertage fährst du allein zu Johanna helfen. Und Anna fährt sich ausrasten.“

„Wohin?“ Er wirkte völlig überrumpelt.

Anna schaute aus dem Fenster. Von den Dächern tropfte das Tauwasser, im Hof brummte der Müllwagen, eine Nachbarin schleppte ein Netz Erdäpfel, und beim Hauseingang standen ein paar Jugendliche, rauchten und taten so, als sähe sie niemand. Ein ganz gewöhnlicher Frühling am Rand von Wien: schmutzig, laut, ohne große Versprechen. Und trotzdem wurde ihr auf einmal leicht ums Herz.

„Wohin ich will“, sagte sie. „Es schaut so aus, als hätte ich endlich das Recht dazu.“

Und das war seltsam. Nicht, weil sich Barbara plötzlich als gar nicht der schlimmste Mensch in dieser Wohnung erwiesen hatte. Sondern weil sich die Welt nicht durch schöne Worte veränderte und auch nicht durch eine große Versöhnung. Sie veränderte sich in dem Augenblick, in dem jemand aufhörte, dich für bequem zu halten. Manchmal sogar genau der Mensch, der diese Bequemlichkeit jahrelang als Erster ausgenützt hatte.

Hedis Stube