„Aber ohne mich“ sagte Anna ruhig und lehnt Barbaras Forderung nach einer großen Familienfeier ab

Diese Zumutungen sind erbärmlich, ungerecht und zutiefst erschöpfend.
Geschichten

— Anna, willst du mich eigentlich auf den Arm nehmen? Ich sag’s dir jetzt zum dritten Mal: Am Samstag kommen achtzehn Leute. Achtzehn. Tante Claudia aus Linz, Paul mit seiner Familie, Markus und Maria, Johanna mit ihrem Mann. Meinen runden Geburtstag feiert man nicht irgendwo beim Kebapstand, sondern daheim, — Barbaras Stimme prallte gegen die Fliesen, als hätte jemand in der Küche einen alten Lautsprecher voll aufgedreht.

Anna stellte ihr Häferl in die Abwasch und drehte sich nicht sofort um. Draußen am Parkplatz lag grauer Märzmatsch, der Schnee war schon zu einer schmutzigen, schwarzen Suppe geworden, in der Reifen und Menschen gleichermaßen stecken blieben. Der Anblick war ehrlich, ohne jede Beschönigung — fast so wie ihr Leben in den letzten Jahren.

— Ich nehm dich nicht auf den Arm, Barbara. Ich sag nur, dass ich weder die Kraft noch die Zeit hab, achtzehn Personen zu bewirten. Wir wohnen in einer Zweizimmerwohnung und nicht in der Kantine der Bezirkshauptmannschaft.

— Jetzt geht das schon wieder los, — Barbara warf die Hände in die Höhe. — Fünf Salate, zwei warme Speisen, Aufschnitt, eine Torte. So machen das normale Leute. Ich hab mein ganzes Leben lang so gelebt.

— Dann leb eben so weiter, — sagte Anna ruhig. — Aber ohne mich.

Aus dem Vorzimmer tauchte Lukas auf. Er kam nicht wirklich herein, er erschien eher, wie einer, der zufällig in die Nähe geraten will, um später behaupten zu können, er sei da hineingezogen worden.

— Was ist denn bei euch los?

— Bei uns erklärt deine Frau gerade, dass ihr mein Geburtstag zu viel ist, — presste seine Mutter hervor. — Eine furchtbare Zumutung offenbar, die Verwandtschaft zu empfangen.

— Das hab ich nicht gesagt, — Anna sah ihren Mann an. — Ich hab gesagt, dass ich nicht zwei Tage am Herd stehen, danach Teller herumtragen und mitten in der Nacht das Fett aus dem Backrohr schrubben werde, während alle darüber reden, wie „schroff“ ich angeblich geworden bin.

— Anni, muss das jetzt sein? — zog Lukas müde die Worte in die Länge. — So ein Jubiläum hat man nur einmal. Die Mama wird sechsundsechzig.

— Gott sei Dank nur einmal. Wenn jedes Jahr so ein Programm anstehen würde, hätte man mich längst hinausgetragen.

— Du bist unverschämt, — zischte Barbara. — Weißt du überhaupt, mit wem du redest?

— Sehr genau. Mit jemandem, der nicht bittet, sondern befiehlt. Und der davon ausgeht, dass die Zeit anderer Leute gratis ist.

— Anderer Leute? — Barbaras Augen wurden schmal. — Nach zwölf Jahren Ehe bin ich für dich also eine Fremde?

— Wenn Hilfe gebraucht wird, bin ich natürlich Familie. Wenn meine Grenzen respektiert werden sollen, bin ich plötzlich wieder die Fremde. Eine wirklich praktische Einteilung.

Lukas zuckte mit der Schulter.

— Anna, jetzt hör auf, dich so aufzuspielen. Was ist denn schon dabei? Die Salate kann man am Freitag machen, das Fleisch am Samstag. Wir helfen eh.

— „Wir“? Wer genau soll dieses Wir sein? — Anna drehte sich ihm ganz zu. — Du etwa, der letztes Silvester nach dem zweiten Stamperl „fünf Minuten rasten“ gegangen ist und erst um eins in der Früh wieder aufgewacht ist, während ich allein das Geschirr geschrubbt hab? Oder deine Schwester Theresa, die höchstens sagen kann: „Also ich hätt noch ein bissl Dille dazugegeben“?

— Lass Theresa aus dem Spiel, — fuhr Barbara sofort auf. — Sie hat Kinder.

— Und ich hab was? Arme aus Gummi und einen Ersatzrücken im Kasten?

— Du arbeitest im Büro und nicht unter Tag, — schnitt Barbara ihr das Wort ab. — Tu nicht so, als wärst du ein völlig abgehetztes Arbeitstier.

— Danke für die Diagnose. Dann ist meine Antwort endgültig: Hier findet kein Geburtstag statt, und ich werde auch nicht kochen.

Für einen Augenblick wurde es still, so still wie kurz bevor irgendwo ein Transformator knallt.

— Lukas, hörst du das? — Barbaras Stimme wurde lauter. — Deine Frau setzt mich vor die Tür.

— Anna, du übertreibst, — sagte er, ohne ihr in die Augen zu schauen. — Man hätte das auch normal besprechen können.

— Genau das ist normal. Nein ist ein ganz normales Wort. Nur hat man es in eurer Familie offenbar nie akzeptiert.

In den nächsten fünf Tagen lag daheim diese besondere Art von Schweigen in der Luft, die einen mehr erschöpft als jeder Streit. Lukas aß fertige Laibchen aus dem Supermarkt, raschelte mit Verpackungen und zeigte mit jeder Bewegung, dass sich eine Tragödie ereignet hatte: Seine Frau hatte aufgehört, ein Haushaltsservice zu sein. Barbara war zu ihrer Tochter übersiedelt, schaffte es aber sogar von dort aus, kleine Sticheleien zu schicken. Theresa schrieb lange Nachrichten im Messenger, in denen das Wort „Mama“ öfter vorkam als irgendein sinnvoller Gedanke.

„Hast du wenigstens einmal daran gedacht, wie weh ihr das tut?“

„Ist es wirklich so schwer, einmal im Jahr Familie zu sein?“

„Lukas ist total gekränkt, du benimmst dich richtig hart.“

Anna blieb mit diesen Nachrichten allein zurück.

Hedis Stube