„Aber ohne mich“ sagte Anna ruhig und lehnt Barbaras Forderung nach einer großen Familienfeier ab

Diese Zumutungen sind erbärmlich, ungerecht und zutiefst erschöpfend.
Geschichten

Anna las sie, löschte sie wieder und fuhr nach der Arbeit nicht heim, sondern ins Schwimmbad. Eine halbe Stunde unter Wasser hat mehr geholfen als jeder gut gemeinte Familienrat. Dort wollte niemand, dass sie Salat schnitt, dort fragte keiner, warum sie nicht lächelte. Gegen zehn kam sie nach Hause. In der Wohnung roch es nach Teigtaschen, männlicher Kränkung und fremden Erwartungen.

Zwei Tage vor dem Jubiläum stand Lukas in der Schlafzimmertür, mit dem Gesicht eines Menschen, der sich schon beleidigt fühlte, bevor er überhaupt eine Bitte ausgesprochen hatte.

„Hör zu, ich muss dich was fragen.“

„Jetzt fürcht ich mich schon.“

„Mama feiert jetzt bei Theresa. Aber ihr Backrohr ist hinüber, oben verbrennt alles. Mach wenigstens dein Fleisch und diese Roulade mit Fladenbrot. Wir holen eh alles ab. Du musst nicht einmal mitkommen.“

„Wie großzügig.“

„Anna, bitte ohne Sarkasmus.“

„Wie denn sonst? Soll ich mich bedanken? Ich hab gesagt: nein.“

„Du machst das mit Absicht. Nur damit alle sehen, dass du stur sein kannst.“

„Nein, Lukas. Ich sag nur zum ersten Mal nicht ja zu etwas, das mir längst im Hals steckt.“

„Wegen dir geht die ganze Feier den Bach runter.“

„Nein. Wegen euch, weil ihr gewohnt seid, ein Fest auf den Schultern einer einzigen Person aufzubauen.“

Er blieb noch kurz stehen und sagte dann hart:

„Du bist richtig böse geworden.“

„Nein. Ich bin müde geworden. Das ist nicht dasselbe.“

Am Samstag ist Anna um elf aus der Wohnung gegangen. Sie hat sich die Haare schneiden lassen, ist in eine Buchhandlung gegangen und hat danach in einem Café beim Einkaufszentrum gesessen und gelesen. Hinter der Scheibe sind Einkaufswagerl vorbeigeschoben worden, Sackerl haben geraschelt, fremde Kinder in zu großen Jacken sind herumgestolpert. Fröhlich war sie nicht. Schuldig aber auch nicht. Es war einfach still. Als hätte jemand daheim zum ersten Mal die Dunstabzugshaube ausgeschaltet, die ihr seit Jahren im Kopf gedröhnt hatte.

Das Handy stellte sie lautlos. Als sie am Abend wieder auf den Bildschirm schaute, sah sie zwölf verpasste Anrufe von Lukas, acht von Theresa und eine knappe Nachricht: „Mama ist im städtischen Spital. Blutdruck. Komm sofort.“

In der Aufnahme roch es nach nasser Wolle, Desinfektionsmittel und blanken Nerven. Lukas saß zusammengesunken auf einem Plastiksessel. Theresa, in einer festlichen Bluse, weinte so, als wäre sie selbst die Hauptverletzte in dieser Geschichte.

„Was ist passiert?“, fragte Anna.

„Was passiert ist?“ Theresa fuhr sofort hoch. „Mama ist wegen diesem Chaos fast umgekippt. Das warme Essen war zu spät, die Kinder haben eine Platte runtergerissen, sie hat sich aufgeregt, der Blutdruck ist hinaufgeschossen. Wenn du geholfen hättest, wäre das alles nicht passiert.“

„Was sagt der Arzt?“ Anna sah Theresa nicht einmal an.

„Bis jetzt hypertensive Krise“, antwortete Lukas dumpf. „Wir warten noch.“

„Hat sie in der Früh ihre Tabletten genommen?“

Theresa stockte.

„Keine Ahnung. Sie war seit sieben auf den Beinen. Aufschnitt, Vorspeisen, Torte, Gäste…“

Langsam drehte Anna den Kopf zu ihr.

„Das heißt, niemand hat geschaut, ob eine Frau mit Blutdruckproblemen ihre Medikamente nimmt. Aber alle haben aufgepasst, dass die Häppchen am Tisch stehen.“

„Spiel dich jetzt nicht so auf“, fauchte Theresa. „Dafür ist gerade wirklich nicht der Moment.“

„Doch. Genau dafür ist er. Nur passt er euch nicht.“

Aus dem Behandlungsraum kam eine Ärztin, müde, sachlich und ohne jede Sentimentalität.

„Angehörige von Frau Samsonova?“

„Ja.“

„Der Zustand ist stabil. Kein Schlaganfall. Ausgelöst wurde das Ganze durch Stress, Übermüdung und ausgelassene Medikamente. Morgen bringen Sie bitte einen Morgenmantel, Patschen und Wasser. Und fürs nächste Mal: Wenn eine Frau über sechzig ist, lassen Sie sie nicht den ganzen Tag wegen eines Banketts herumrennen.“

Theresa begann wieder zu weinen. Lukas senkte den Kopf. Anna spürte plötzlich keinen Zorn mehr, sondern eine zähe, schwere Erschöpfung. Alles erwachsene Menschen, und trotzdem benahmen sie sich, als wäre das Leben eine Schulaufführung, bei der nur zählt, dass der Tisch ordentlich ausschaut.

Am nächsten Tag brachte sie Sachen ins Spital und eine Thermoskanne mit Suppe. Barbara lag ungewohnt still im Bett, ohne diese übliche kommandierende Haltung im Rücken. Sie wirkte einfach wie eine ältere, erschöpfte Frau.

„Du bist gekommen“, sagte sie statt einer Begrüßung.

„Bin ich.“

„Theresa konnte nicht?“

„Theresa hat Kinder, einen Mann, Verkehr, und eine sehr empfindsame Seele. Also lauter schwerwiegende Gründe.“

Die Schwiegermutter schloss die Augen.

„Stichle nicht. Mir zerspringt der Kopf.“

„Gut. Dann ohne Zusatzprogramm. Ich hab Sachen gebracht und Suppe.“

„Hast du die selbst gekocht?“

Hedis Stube