„Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns trennen“ sagte er ohne sich umzudrehen — sie reagierte erstaunlich ruhig und fragte schlicht, wohin sie gehen solle

Kalt, ungerecht, doch seltsam befreiend und ehrlich.
Geschichten

Anna bemerkte sofort, dass Lukas sein schönstes Hemd angezogen hatte – jenes cremefarbene, das sie ihm im Vorjahr gemeinsam zu seinem Geburtstag gekauft hatten.

Dazu trug er die neuen Schuhe.

Sogar die Manschettenknöpfe hatte er eingesteckt, obwohl er sonntags daheim sonst immer in bequemer Hauskleidung herumging.

— Anna, wir müssen miteinander reden, sagte er und stand mit dem Rücken zu ihr beim Fenster.

Sie stellte ihr Häferl Kaffee langsam auf den Tisch. Ihr Herz machte einen kleinen Satz, aber seltsamerweise nicht aus Angst, eher aus Neugier.

Lukas hatte sich auf dieses Gespräch vorbereitet. Fast, als stünde eine feierliche, gewichtige Sache bevor.

In diesem Moment begriff sie: Er rechnete mit Tränen, mit Bitten, vielleicht mit einem Anfall von Verzweiflung. Doch in ihr breitete sich plötzlich eine beinahe unglaubliche Ruhe aus.

— Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns trennen, fuhr er fort, ohne sich umzudrehen. — Im Grunde wissen wir das doch beide.

— Wissen wir das? fragte sie nach und wunderte sich selbst über ihre Stimme.

Sie klang ruhig. Beinahe interessiert.

Endlich drehte Lukas sich zu ihr um. Auf seinem Gesicht lag unverhohlenes Erstaunen — ihre Reaktion entsprach ganz und gar nicht dem, was er erwartet hatte.

— Na ja. Wir sind erwachsene Menschen. Die Gefühle sind weg, wozu sollen wir uns noch etwas vormachen?

Anna lehnte sich gegen die Stuhllehne zurück.

Zweiundzwanzig Jahre Ehe. Einen Sohn großgezogen. Seine schwierige Jugend überstanden und ihre eigenen Vierzig ebenso. Und nun, wie es aussah, begannen ihre wirklichen Fünfziger.

— Und wohin soll ich gehen? fragte sie schlicht.

— Also … Lukas geriet ins Stocken. — Du könntest vorerst bei Maria wohnen. Oder dir etwas mieten. Am Anfang helfe ich dir finanziell.

Maria war ihre Schwester — und hatte ihr ganzes Leben lang gemeint, Anna habe mit dieser Ehe einen Fehler gemacht.

„Ich helfe dir finanziell.“ Wie großzügig.

— Und was hast du selbst vor?

— Ich? Damit hatte er offenbar nicht gerechnet. — Vorerst nichts Besonderes. Vielleicht verkaufe ich die Wohnung und kaufe mir etwas Einfacheres.

— Die Wohnung? Anna legte den Kopf leicht schief. — Diese hier?

— Ja, natürlich. Was sonst?

Sie stand auf und ging zum Fenster. Lukas wich instinktiv einen Schritt zurück.

Unten zogen Schulkinder mit Rucksäcken vorbei — das Schuljahr hatte begonnen. Das Leben lief einfach weiter, als wäre nichts geschehen.

— Lukas, erinnerst du dich eigentlich, auf wen die Wohnung eingetragen ist?

— Auf mich, selbstverständlich. Warum?

— Auf dich? In ihrer Stimme lag nun ein Staunen, das durchaus echt hätte wirken können. — Bist du dir da sicher?

Zum ersten Mal während dieses ganzen Gesprächs sah er verunsichert aus.

— Natürlich bin ich sicher. Wir haben sie doch schon vor langer Zeit gekauft …

— Gekauft haben wir sie mit dem Geld, das mir meine Mutter noch vor unserer Hochzeit geschenkt hat. Erinnerst du dich?

Hedis Stube