„Die Wohnung gehört jetzt uns, der Familie! Du bist hier der Hausherr … Und die da“, die Schwiegermutter hat mit einer wegwerfenden Handbewegung zu Anna gezeigt, „soll gefälligst ihr Fischmaul halten und sich unsichtbar machen!“
Kennengelernt haben sie einander wie einen kleinen Funken in der Dämmerung. Es ist kein pathetisches „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen, eher ein hastiges „Oh, Entschuldigung“ in einem gesteckt vollen Kleinbus, als Lukas Anna auf den Fuß gestiegen ist. Statt eines wütenden Spruchs hat er ihr Lächeln gesehen — verlegen, warm und so ehrlich, dass ihm kurz die Worte gefehlt haben.
Ein Jahr später haben sie schlicht geheiratet, ganz nach dem Motto: Nicht Prunk zählt, sondern die eigenen Leut. Anna im Hemdblusenkleid, Lukas ohne Krawatte, Sekt am Ufer, Möwenschreie statt Mendelssohn. „Fahren wir“, hat er gesagt und sie geküsst. Anna hat dabei gespürt: Er meint nicht nur das Auto, sondern ihr ganzes weiteres Leben.
Sie sind in ihre gemütliche Zweizimmerwohnung gezogen, in der es nach Kaffee, altem Holz und Zukunft gerochen hat. Die ersten zwei Monate waren dickflüssig und süß wie Honig. Sie haben einander ihre Marotten beigebracht: Er hat in der Früh Kaffee gekocht, sie hat unter der Dusche laut und schief gesungen, und keiner hat genervt die Augen verdreht. „Flug stabil, Frau Kapitän?“ hat Lukas jeden Morgen gefragt. „Wir setzen zur Landung an“, hat sie lachend zurückgegeben.
Dann ist die schwarze Botschaft eingeschlagen — in Gestalt von Barbara.

Sie ist nicht wie ein Gast gekommen, sondern wie eine Prüferin mit unsichtbarem Ausweis. Zuerst waren es scheinbar harmlose Ratschläge: „Da zieht’s bei euch, Lukaserl, du frierst ja immer so leicht“ oder „Annerl, Borschtsch muss kräftig sein, nicht so eine rote Wassersuppe.“
Danach hat sie begonnen, alles umzuräumen. „Ich hab euch in der Küche nur ein bissl Ordnung geschaffen.“ Anna hat schweigend die Pfannen wieder an ihren Platz gestellt und gemerkt, wie in ihr ein dumpfer, stiller Zorn gewachsen ist. Sie hat sich zusammengerissen. Anstand, Erziehung — zum Teufel damit — und die Worte ihrer Mutter: „Halt durch, Kind, es ist seine Mutter.“
Aber auch Geduld hat eine Grenze. Und diese Grenze war die Kommode.
An diesem Tag ist Anna früher als sonst von der Arbeit heimgekommen.
