„soll gefälligst ihr Fischmaul halten und sich unsichtbar machen!“ fauchte die Schwiegermutter, Anna verharrte stumm vor Zorn

Diese Einmischung ist unverschämt und verletzend.
Geschichten

In der Hand hat sie ein kleines Geschenk für Lukas gehalten: ein Häferl mit dem Aufdruck „Der Kaffee-Chef“. In der Wohnung hat eine beinahe klirrende Stille geherrscht, nur die Schlafzimmertür ist einen Spalt offen gestanden. Anna hat hineingeschaut — und im selben Moment ist ihr das Blut heiß gegen die Schläfen geschossen.

Barbara ist mit dem Rücken zur Tür vor der geöffneten Kommode gestanden. Zwischen Daumen und Zeigefinger, als hätte sie ein minderwertiges Warenmuster erwischt, hat sie Annas Unterhose baumeln lassen. Eine ganz einfache aus Baumwolle, mit einem ausgebleichten kleinen Bären drauf. Sie hat sie nicht bloß angesehen. Sie hat sie geprüft. Mit zusammengekniffenen Augen hat sie den Stoff befühlt, als müsste sie beurteilen, ob die Nähte einer künftigen Enkel-Dynastie standhalten würden, die ihrer Meinung nach offenbar genau aus dieser Wäsche hervorgehen sollte.

„Barbara.“ Annas Stimme ist rau herausgekommen, als hätte ihr jemand lange die Kehle zugedrückt. „Was machen Sie da?“

Die Schwiegermutter hat sich langsam umgedreht, mit einer Ruhe, als stünde sie in einem Thronsaal. Sie hat das Stück Wäsche nicht fallen lassen, sondern sorgfältig zurückgelegt, fast so, als setze sie darunter ein Siegel — ein Siegel der Billigung oder eher des Urteils. „Ich kontrolliere, Anna. Eine Hausfrau muss schon wissen, in welchem Zustand ihre… strategischen Reserven sind. Die Nähte sind bei dir, wie ich sehe, ein bissl schwach.“

Das ist keine harmlose Grenzüberschreitung mehr gewesen. Das ist ein Einbruch in den verborgensten, persönlichsten Winkel ihres Lebens gewesen. Die Geduld, die sich in ihr wie ein dünnes Gummiband immer weiter gedehnt hatte, ist mit einem trockenen, hellen Schnalzen gerissen.

„Sie haben kein Recht dazu!“, ist es aus Anna herausgebrochen, und ihre Stimme hat plötzlich Kraft bekommen. „Das gehört mir! Meine Kommode, meine Sachen! Wie kommen Sie überhaupt dazu?!“

Die Maske der wohlmeinenden Ratgeberin ist Barbara auf der Stelle aus dem Gesicht gefallen, darunter ist kalter Granit zum Vorschein gekommen. Sie hat einen Schritt auf Anna zugemacht, und ihr Schatten hat sich über sie gelegt.

„Na schau, wie unsere Schwiegertochter fauchen kann“, hat sie süßlich und giftig gedehnt. „Meinst du das ernst? Bist du noch bei Trost?“ Dann ist ihre Stimme mit einem Schlag hart wie Eis geworden. „Das ist das Zuhause meines Sohnes. Des einzigen Mannes hier. Er ist der Herr im Haus, nicht du. Und du hältst jetzt sofort den Mund.“

Hedis Stube