„Und zwar so lange, bis wir beide dir dieses freche Goscherl ordentlich gestopft haben. Und merk dir eines ein für alle Mal: In dieser Familie bin ich die Älteste. Ich gebe hier den Ton an. Was ich sage, gilt.“
Dabei hat sie Anna mit dem Finger gegen die Brust gestoßen.
„Und diese deine Bruchbude da … das ist höchstens das Eintrittsgeld in unsere Familie. Dafür, dass man dich, so wie du bist, überhaupt genommen hat. Also spiel dich nicht auf. Bleib dort, wo du hingehörst, du blöde Trutschn!“, hat Barbara gebrüllt.
Anna ist zurückgezuckt, als hätte sie eine Ohrfeige erwischt. Scham, Wut und Erniedrigung haben sich in ihrer Kehle zu einem harten Knoten zusammengedreht.
Genau in diesem Moment ist Lukas im Türrahmen aufgetaucht. Er hat an der Zarge gelehnt, sein Gesicht war völlig unbewegt. Nicht der kleinste Muskel hat verraten, was in ihm vorgeht.
Nur seine Augen … die waren dunkel und flach, wie bei einem Hecht im See, der gerade Beute gewittert hat.
Er hatte alles gehört. Jedes einzelne Wort.
„Mama“, hat er leise gesagt, fast sanft, und gerade deshalb ist es noch bedrohlicher gewesen. „Sag einmal, hat’s dir komplett das Dachl abgetragen? Frühjahrsschub? Oder ist dir ein Eiszapfen vom sechsten Stock auf den Schädel gefallen? Was redest du da eigentlich für einen Wahnsinn?“
Barbara hat nur verächtlich geschnaubt, weil sie seinen Ton fälschlich für Zustimmung gehalten hat.
„Na endlich, mein Bub! Erklär du ihr, wie es hier läuft! Ich sag ihr nur die Wahrheit ins Gesicht! Du bist der Hausherr! Ich bin das Familienoberhaupt! Die Wohnung gehört jetzt uns, der Familie! Und die da …“ Sie hat mit einer wegwerfenden Bewegung zu Anna hinübergewedelt. „Die soll ihre Fischgoschn halten und sich unsichtbar machen!“
Langsam hat Lukas sich von der Türzarge gelöst. Lauter ist er nicht geworden. Im Gegenteil: Seine Stimme ist tiefer gesunken, bis nur noch ein raues, gefährliches Flüstern übrig war.
„Aus, Mama. Finita la commedia. Du hast jede Grenze überschritten, die es gibt. Mit der Wirklichkeit hast du offenbar massive Probleme. Jetzt ziehst du dich wortlos an und gehst. Auf eigenen Beinen oder über meiner Schulter, such’s dir aus. Und wenn du noch ein einziges Wort sagst, ruf ich die Rettung, damit sie mit einer Spritze für Tobende kommen. Ich mein das ernst.“
Seine Mutter ist erstarrt. „Lukas?! Ich bin deine Mutter! Dein eigenes Blut! Wegen dieser …“
„Ja, du bist meine Mutter“, hat er sie abgeschnitten, und in seiner Stimme hat zum ersten Mal Stahl mitgeschwungen.
